Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 16 (21.4.1887)
- Date
- 1887-04-21
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
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243 wie dies auch allein der menschlichen Natur entspricht, so ist das einzige ideelle Ziel nur das, was die mosaische Gesetzgebung beabsichtigte. Der Weg dahin ist aber weit, und kann nicht durch Umwälzung, sondern allein durch die Entwicklung zurückgelegt werden. In der Gegenwart hat die sociale Reform zweifaches zu erstreben: 1) die arbeitenden Klassen vor den Folgen von Unglücksfällen, wie Krankheiten, Unfälle, Invalidität und Alter möglichst zu schützen; 2) die Verhältnisse zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu regeln, und zu beiderseitigem Nutzen hinzuführen. So wird die menschliche Gesellschaft noch lange dem Ocean gleichen, der nach kurzer Windstille immer wieder von Orkanen aufgewühlt wird. Jndeß sehen wir in einem Staate, einem Staate von jetzt über 50 Millionen Seelen, in der Nordamerikanischen Union, die drei ersten der besprochenen vier Kampfobjecte außer Kraft und Wirksamkeit gesetzt. Niemand wird derselben ihre Territorien bestreiten And sie selbst ist fern davon, auf neue Erwerbungen ouszugehen. Die Religions- und Kirchenfreiheit, soweit sie dem gemeinen Rechte nicht wiederstreben, ist vollständig. Die politische Freiheit hat das vernünftige gesetzliche Maß erreicht. So ist es nur die sociale Frage, von welcher die Union nicht minder wie die anderen Staaten heimgesucht werden kann. Hat sie doch einmal schon um einen derartigen Streitpunkt (die Sklaverei) einen blutigen Bürgerkrieg zu führen gehabt. Und so brauchen wir uns der Hoffnung nicht zu entschlagen, daß auch in anderen Staaten alle diese Probleme gelöst werden, wenn auch die Aussicht hierauf noch in weite Ferne gerückt ist. Pest, 7. April. Kossuth nochmals über die Antisemiten. Von gewisser Seite hat man seit lange dahin gestrebt, die Autorität zu leugnen, welche Kossuth auf die Ungarn noch ausübe. Wenn auch die thatsächlichen Verhältnisse in Ungarn und die Tendenz der gegenwärtigen ungarischen Staatsregierung den Ansichten Kossuth's zuwiderlaufen, so haben doch die Magyaren die Erinnerung an Kosiuth treulich bewahrt, ein Theil der Volksvertreter folgt noch seiner Fahne, und im Volke ist er gewissermaßen zur Legende geworden. Sein Wort übt deshalb noch immer keinen geringen Einfluß, und namentlich auf die Partei der „Unabhängigen". Bekannt ist, daß diese letztere eine Zeit lang schwankte, ob sie die Antisemiten, nachdem Jstoczy von der Regierungspartei ausgeschlossen worden, als Mitglieder aufnehmen sollten oder nicht. Kossuth ließ sich, wie wir seiner Zeit berichteten, gegen den Antisemitismus in scharfen Worten aus. Dennoch blieben die Antisemiten als ein Anhängsel der Partei zurück, und einige Mitglieder der Unabhängigkeitspartei neigten sich ihnen sogar zu, bis vor zwei Jahren der Austritt der Antisemiten ziemlich entschieden wurde. Der innere Zustand dieser Partei, welche sonst eine energische Haltung zur Schau trägt, muß doch immer noch unklar gewesen sein, denn Kossuth läßt sich noch einmal darüber vernehmen. Angesichts der bevorstehenden Reichsrathswahlen und aus Anlaß des Vorgehens der Antisemiten hat er an ein Mitglied! der Unabhängigkeitspartei ein Schreiben gerichtet, in welchem er sich in bemerkensiverther Weise wiederholt über die Antisemiten äußert. In dem Schreiben heißt es: „Ich habe mich in der Judenfrage geäußert. Bei Helft) ist mein Brief. Wenn mit meinem Namen Mißbrauch getrieben wurde, so ist das Dementi in Ihren Händen. Sie mögen es reproduciren, betreffenden Ortes mittheilen, wenn man es für gut findet. Mehr, Besseres könnte ich auch jetzt nicht sagen. Sie schreiben jedoch, daß sie in ihren Hetzereien, ja selbst in manchen! Reichstagsreden daraus Argumente schöpfen, daß Ihr gegen : meinen Rath vorgeht, wenn Ihr mit ihnen nicht eine Partei bilden wollt, da ich in einem älteren Schreiben rieth, daß Jederj mann sich um eine Fahne schaare, wer die Unabhängigkeit will, und wir nicht recherchiren, wie Jemand in einer anderen Frage denkt. Ich glaube nicht, daß ich dies jemals auf diese Weise gesagt hatte. Als die Frage des Parteititels auf dem Tapet stand, rieth ich allerdings die Unabhängigkeitsbezeichnung auzunehmen, weil unter derselben jedd Schattirung Platz findet. Die Achtundvierziger und auch ich; ich konnte auch gesagt haben, daß der Parteiverband die Uebereinstimmung der Ansichten nicht auch in solchen Fragen involviren könne, welche keine Parteiprincipienfragen sind, und weil sie nicht solche sind, als offene Fragen betrachtet werden dürfen. Die Frage der Rechtsgleichheit ist jedoch eine Parteiprincipsfrage. Ich habe mich hierüber positiv in jenem Schreiben geäußert, welches ich in der Judenfrage an meinen Freund Helft) richtete; dort steht deutlich: „Die Pflicht der Selbsterhaltung gebietet, daß die Massirung fremder Juden ebenso wie fremder panslaver oder panromaner Elemente in Ungarn nicht gestattet werde, daß jedoch unter Jenen, welche die der demokratischen Richtung huldigende Gerechtigkeit unter die Bürger des Landes einreihte, die Rechtsgleichheit auch nur einer einzigen geschaffenen Seele verkürzt werde, dies kann die Unabhängigkeitspartei nicht gestatten." In demselben Briefe habe ich auch geschrieben: „Ich halte es für zweifellos, daß das große Princip der Rechtsgleichheit unter den Bürgern des Landes ohne Unterschied der Race, Sprache und Confession keine solche Sache ist, welche für die Mitglieder der Partei als offene Frage deklarirt werden könne, und wenn es solche gäbe, welche dieses Princip verleugneten, so könnte man dieselben nicht mehr als Mitglieder der Partei betrachten." " 16*