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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-04-14 · Heft 15 (14.4.1887) · p. Seite 238

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 15 (14.4.1887)
Date
1887-04-14
Page
Seite 238 (sequence 14)
Language
German
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238 btc Illusion uns gnädig verhüllt hatte. Ich sah eine schöne Frau, deren Anblick mich erfreute. Doch bald erfuhr ich, daß sie durch ihre Eitelkeit und Putzsucht ihren Mann ruinirt und zu Hause' voll Bosheit und Tücke ist. Die Schönheit war mir verleidet. Ich bewunderte einen Schriftsteller, dessen bedeutende Werke auch auf mich belehrend und beruhigend eingewirkt hatten; ich trug großes Verlangen, seine Bekanntschaft zu machen, und von ihm Aufschluß über mancherlei Fragen zu erhallen. Als ich nach seinem Hause kam, fand gerade eine tumultuarische Seene statt, die der Jähzorn des Philosophen verschuldete. Auch seine anderweitigen Eigenschaften stießen mich ab. Jüngst besuchte ich einen Mann eines wohlthätigen Zweckes wegen; der Herr ist bekannt wegen der vielen milden Gaben, die seine Hand darbietet. Doch zu meiner Ueberraschung versagte er mir seine Milhülfe, und ich fand, daß er einen Unterschied zwischen den Spenden macht, von welchen in den Zeitungen gesprochen, und denen, über welche Stillschweigen beobachtet wird. Was haben mir nun diese und viele anderweitige Erfahrungen eingebracht? Nichls, als daß ich die Menschen verachten gelernt, und das Mißtrauen nicht mehr überwinden kann, welches sich jeder irgend glänzenden Erscheinung gegenüber bei mir einftellt. Da sage ich mir: die Erfahrung hat dich gelehrt, daß alles nur auf Schein berechnet ist. Ja, die Erfahrung ist der frostige Nordwind, welcher im Lenze die Blüthen der Obstbaume in einer Nacht welken macht, und im Herbste den Bäumen den letzten Rest ihres Schmuckes raubt und die welken Blätter raschelnd herumtreibt. Die Illusion dagegen führt mich auf angenehmen Wegen durch das Leben, und sie legt über die braune Erde einen Goldschimmer, der mich ergötzt. Warum soll ich sie also aufgeben?! — — Die lebhafte Rede meines Freundes hatte mich durchaus nicht aufgeregt; ich kannte ihn gar wohl, und wie er sich gern einem Affeete hingiebt, der gerade seine Seele beherrscht. Ich erwiderte ihm: Laß mich bei Deinen letzten Worten stehen bleiben. Tie braune Erde bedarf des Goldflimmers Deiner Illusion nicht; sie versteht sich selbst viel reizender zu schmücken. Wenn sie sich mit dem Grün der Saaten, der Wiesen und der Wälder bedeckt hat, wenn ihre Gewässer den bald silberhellen, bald tiefblauen Spiegel zeigen und der azurne Himmel sich über sie wölbt, wenn die Morgen- und Abendröthe ihre rothen Lichter weithin über sie ergießt — dann bedarf es keines Goldschimmers der Illusion, sie ist in Wirklichkeit so schön, wie keine Illusion sie schaffen tonnte. Was heißt denn Erfahrung und was Illusion? Die letztere ist die Vorstellung, die wir sclbstschöpferisch uns von Menschen und Dingen machen, die Erfahrung dagegen lehrt uns die Dinge in ihrer Wirklichkeit, nach ihrem Wesen, ihren Ursachen und Wirkungen kennen. Daß da die beiden oft sehr verschieden ausfalleu, und die Wirklichkeit dem Bilde, das wir uns selbstherrlich entworfen hatten, nicht ent-, sondern gänzlich widerspricht, ist sehr natürlich. Was wollen wir aber? Wollen wir Wahrheit oder trügerischen Schein? Im Leben selbst haben wir mit den Dingen zu rechnen wie sie sind, und werden oft großen Schaden erleiden, wenn wir uns auf die Vorstellung verlassen, die wir uns gemacht. Der eigentliche Nachtheil, damit ich es mit einem Male sage, besteht vorzugsweise in der Verallgemeinerung. Wenn Du eine üble Erfahrung an einem Menschen oder einem Dinge machst und sie sofort auf alle gleichartigen Menschen und Dinge überträgst, so verwandelst Du eben die Erfahrung wieder in Illusion. Und ebenso verallgemeinerst Du die Illusion. Du überträgst die guten Eigenschaften, das Gefallen, das Du empfunden, auf alle Gegenstände gleicher Art. Weil die eine schöne Frau häßliche Gewohnheiten hat, verwirfst Du die Schönheit überhaupt; weil der eine berühmte Mann unangenehme Leidenschaften hegt, glaubst Du nicht mehr an die Wahrheit und Echtheit ausgezeichneter Männer, und ebenso verlierst Du das Vertrauen auf die Menschenliebe, weil der eine und der andere sie nur zu seinem Vortheile betreibt. Hierin besteht der Mißbrauch, der mit der Erfahrung wie mit der Illusion von den Menschen getrieben wird, und der uns beide verdächtigen muß. Aber, Freund, die Illusion verschönt nicht allein das Leben, sondern macht es auch oft trübe und bringt uns die nachhaltigsten Schäden. Denn die Illusion ist es, welche unsere Seele mit einer unüberwindlichen Furcht und Sorge erfüllt, welche die Gefahren, die uns bedrohen, ins Ungeheuerliche vergrößert, unsere Kräfte lähmt, uns mit Verzweiflung durchdringt. Es ist ein altes bewährtes Wort: wer der Gefahr muthig ins Auge blickt, hat sie schon fast überwunden; wer es sich klar macht, worin die Schwierigkeiten bestehen, die wir übersteigen müssen, um zu einem guten Ziele zu gelangen, wird auch die Mittel und Wege finden, auf denen es möglich ist, die Hindernisse zu beseitigen. — Dies alles nur, um Deinem Lobliede auf die Illusion die Spitze zu bieten. In der That verhält es sich so: Erfahrung und Illusion sind unlösbare Elemente des Menschengeistes. Sobald wir etwas sehen oder von ihm hören, so schafft sich die Seele eine Vorstellung von ihm, die sich theils nach dem, was wir gesehen oder gehört, gestaltet, theils von der Eigenthümlichkeit unseres Geistes abhängt. Denn der eine hat eine heißblütige Phantasie, die sich sofort ein buntfarbiges Gemälde von dem Gegenstände entwirft; der andere ist frostiger Natur und geht langsam mit der Bildung seiner Vorstellung vor, von dem Gesehenen oder Gehörten eher abziehend, als hinzufügend. Unser geistiges Leben beruht meist auf diesen Vorstellungen, läßt sich von ihnen bestimmeil uub leiten, und darum sagt man mit Recht: der Mensch lebt von seiner Vorstellung. Das Kind aber, das nach einem Gegenstände greift, steht vor seiner

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