Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1887)
- Date
- 1887-04-14
- Page
- Seite 235 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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235 Judenthums", der hier in Frankfurt seinen Sitz hat, war am 2. Deeember 1886 bei dem preußischen Unterrichtsminister mit der Bitte vorstellig geworden, den jüdischen Lehrern, welche das vorschriftsmäßige Volksschullehrer-Examen bestanden, die früher genossene Vergünstigung einer nur sechswöchigen Militärdienstzeit wieder zu bewilligen, selbst wenn dieselben an einer jüdischen Religionsschule als Lehrer wirken. Hierauf ist dem Vorstande unterm 15. Februar d. I. die Erwiderung geworden, daß zu einer allgemeinen Bewilligung keine ausreichende Veranlassung vorliege, es vielmehr für jeden einzelnen Fall Vorbehalten bleiben müsse, zu prüfen und darüber zu befinden, ob besondere Umstände obwalten, welche eine Ermäßigung der Militärdienstzeit des betreffenden Lehrers rechtfertigen lassen. Königsberg i. Pr., im April (Privatmitth.) Der 17. Jahresbericht des „Israelitischen Studien-Beförderungsvereins für Ost- und Westpreußen" über die Jahre 1885 und 1886 enthält mancherlei Interessantes. Zuerst über das beabsichtigte jüdische Seminar für Preußen und Posen, für welches ein Comitö zusammengetreten und schon beträchtliche Zeichnungen gesammelt warm, als die Familie Rohr zu Posen das Seminar zu gründen und zu unterhalten mit seltener Munificenz übernahm. Der Bericht fügt hinzu: „Freilich ist hierdurch auch für uns jede Möglichkeit bei der Einrichtung und Leitung des Seminars, für welches ein besonderer Vorstand gewählt worden, mitzuwirken, ausgeschlossen. Hoffen wir, daß die — übrigens noch nicht eröffnete — Anstalt sich von jedem religiösen Extreme fernhaltend in einem Geiste geleitet werde, der es uns ermöglicht, mit ihr in Verbindung zu treten und von unserm Vereine subventionirte Lehramtsaspiranten ihr anzuvertrauen." Der Verein hat den Grundsatz angenommen, nur berufene junge Leute zu unterstützen, die durch Talente und wahrhaft ernstes Streben sich zu höheren Studien befähigt erweisen, nicht aber „unberufene, die in jedem anderen Berufe Besseres leisten würden, eher am Platze wären, eine Handhabe .zu bieten, ihre Earriere zu verfehlen. Gerade im Interesse der studirendeu jüdischen Jugend selbst, wie der socialen Stellung des Judenthums und der Wissenschaft müssen wir dahin wirken, daß der au und für sich lobenswerthe Bildungsdrang unserer Glaubensgenossen nicht so Viele bei der Wahl des Berufes über die durch Verhältnisse und Anlage gezogene Grenze hinausführe, die letzteren vielmehr gebührende Beachtung finden. Die Mahnung der Bibel: „Beachte bei dem Unterrichte des Knaben seine Fähigkeiten und Beanlagung," ist sicherlick mit noch größerem Rechte bei der Berufswahl zu beherzigen. Wir bitten alle diejenigen, die das wahre Wohl unserer ärmeren Jugend im Auge haben, mit allem ihnen zu Gebote stehenden Einflüsse in diesem hier dargelegten Sinne in ihren Kreisen zu wirken." Den Lesern dieses Blattes ist diese Warnung nicht neu. Einem krankhaften Streben nach oben gesellt sich allzu häufig der Umstand hinzu, daß jüdische Eltern hinsichtlich der Begabung ihrer Kinder zur Ueberschätzung geneigt sind. Auf den Gymnasien bringen Fleiß, Eifer und mittelmäßige Fähigkeiten recht schnelle Fortschritte herbei, so daß die Eltern sich außerordentliche Hoffnungen machen. In die Wissenschaft selbst eingetreten, zeigen, dann diese Jünglinge durchaus nicht jene geniale Begabung, welche ihnen zugeschrieben worden und entsprechen den Erwartungen nicht, die man sich von ihnen gemacht. Alle diese Umstünde führen unverhältnißmäßig viele jüdische Jünglinge auf die Universitäten, wo sie oft in große Noth gerathen und ihren Eltern jene Hülfe nicht leisten können, die sie ihnen in anderen Berufsarten! gewähren könnten. — Der Verein hat im Jahre 1885 41 | Stipendien zu Mk. 2580 und im Jahre 1886 43 Stipendien 1 zu Mk. 2550 vertheilt. Der eiserne Fonds besteht jetzt aus | 33 000 Mk. Man ersieht hieraus, wie schwach die Mittel; des Vereins noch sind, und muß daraus den unangenehmen! Schluß ziehen, daß viele sich der Förderung des Vereins : entziehen, die dazu wohl berufen wären. Dies bemerkt denn : auch der Bericht. Von den 13 jüdischen Geistlichen der! Provinz Westpreußen finden sich nur 4 in den Listen des Vereins, von denen nur 3 sich dem Amte des Localvorstehers unterziehen, und doch bemüht sich der Verein um Ausbildung von Religionslehrern mit großem Nachdruck. Dasselbe Verhältniß findet bei den amtirenden Religionslehrern und Cultusbeamten beider Provinzen statt. Kreuzburg O-S., 1. April. (Brest. Z.) Die hiesigen städtischen Behörden hatten sich an die Regierung mit dem Anträge auf Verstaatlichung des hiesigen städtischen Gymna- : siums gewandt, sind jedoch abschläglich beschieoen worden. |5n dem betreffenden Bescheide wird besonders hervorgehobeu, , wie mit Rücksicht darauf, daß im Jahre 1877 der König l unter landesherrlicher Genehmigung der von dem Commerzienrath Simon Cohn behufs Umwandlung der damaligen hiesigen höheren Bürgerschule in ein Gymnasium gemachten; Schenkung auf Antrag der Stadt und des Commerzienraths - Cohn gestattet hat, daß fortan das Gymnasium die Bezeich-; nung „Städtische und Simon Cohn'sche Stiftung" führt, dem hiermit in Widerspruch stehenden Gedanken der Verstaatlichung nicht näher getreten werden kann. Die Staatsbehörde nimmt jedenfalls an, daß bei einer event. Verstaatlichung des Gymnasiums der Commerzienrath Cohn in die j dann nothwendige Aenderung in der Bezeichnung der Anstalt nicht willigen und event. dann seine nur mit der Bedingung, i daß das Gymnasium seine jetzige Bezeichnung führt, geniach- [ ten, für die Existenz der Anstalt nothwendigen Schenkungen! zurückzieht. Commerzienrath Cohn hat s. Z. den Bauplatz 15*