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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-04-14 · Heft 15 (14.4.1887) · p. Seite 231

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 15 (14.4.1887)
Date
1887-04-14
Page
Seite 231 (sequence 7)
Language
German
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Wien, tm Aprrl. Zur Geschichte -es jüdischen Schulwesens in Galizien. Von G. Wolf. Gegen Ende des vorigen und im Anfang des jetzigen Jahrhunderts gründeten die Juden in Deutschland Bürgerschulen, die sich schnell bevölkerten. Bald darauf entstanden in mittleren und selbst kleineren Gemeinden jüdische Volksschulen, meist mit autodidactisch gebildeten Lehrern. An anderen Orten besuchte die jüdische Jugend die öffentlichen Lehranstalten. Für die alten entarteten Chedarim war kein Platz mehr und sie verschwanden in verhältnißmäßig kurzer Zeit. Ganz anders in Galizien, wo die von der Regierung aus verordneten Schulanstalten dem größten Widerstande begegneten. Tie Leser dieser Zeit, wissen, daß es noch heute einen schweren Kampf kostet, um ein geordnetes Schulwesen bei unseren Glaubensgenossen in Galizien herzustellen. Allerdings giebt es in einigen großen Städten jüdische Schulen; in anderen besucht die jüdische Jugend die öffentliche Schule, und es gilt daselbst bereits Anstrengungen, um für jene Religionsunterricht herzustellen. In der großen Mehrzahl der Gemeinden ist von geregelten Schulen noch keine Spur, und die Ehedarim in dem erbärmlichsten Zustande, namentlich auch was die Räumlichkeiten betrifft. Hiergegen richtet die Wiener Allianz die nachdrücklichsten Anstrengungen und bringt der guten Sache große Geldopfer. Sie gründet und unterstützt nicht allein Schulen, sondern errichtet auch Muster- Chedarim zur Vermittlung mit den in Galizien noch so überaus starken Orthodoxen. Die Sache ist also in der Entwicklung begriffen, und so wird es interessant sein, einen Blick auf den Anfang derselben zu werfen. Dieser Ansang ist mit der Person des Herz Homberg verknüpft. Wir haben bereits wiederholt Gelegenheit gehabt, über Herz Homberg zu sprechen (vergl. unsere „Studien zur Jubelfeier der Wiener Universität S. 126 u. ff. Geschichte der Juden in Wien S. 120 u. ff. Die jüdischen Friedhöfe in Wien S. 29); und obschon es uns eigentlich widerstrebt, fortzusetzen, da wir wenig Erfreuliches zu berichten haben; so fordert es doch, wie wir glauben, die geschichtliche Gerechtigkeit, das Material, das uns zur Verfügung steht, der Oessentlichkeit zu übergeben. Herz Homberg, der Freund Mendelssohns, der dessen Kinder unterrichtete,') glaubte mit einem Machtworte Juden undJudenthum nach seinem Sinn umgestalten zu können und dazu gesellte sich das — wir können es nicht anders nennen als — Unglück,daß er in Galizien praetisch thütig wirkte, wo bis ans den heutigen Tag, geschweige denn vor einem Jahrhundert, kein Boden für einen Homberg war. Doch wir wollen keine Betrachtungen anstetten und nur Thatsachen mittheilen. 1) Er hatte (1783) den Biur zum ü. Buche Moses für Mendelssohns Pentateuch versaht. Red. Im Jahre 1785 wurde Homberg dem Kaiser Josef für die Repetitorstelle im Theresianium empfohlen, worauf jedoch nicht eingegangen wurde?) Bevor jedoch Homberg nach Galizien kam, -war er seit 1785 als Lehrer in Triest thätig. (Es ist dieses Moment in den Biographien Hombergs übergangen.) Wie bekannt, war Triest die erste jüdische Gemeinde, welche nach Erlassung des Toleranzpatentes eine Volksschule errichtete. (Vergl. Meassef 5588 S. 386). Am 20. Jnli 1786 berichtete die Hofkanzlei dem Kaiser: „Die jüdische Nation zu Triest zeichnet sich durch einen wohl gesitteten Lebenswandel vor anderen Juden aus," worauf der Kaiser rescribirte: „der jüdischen Cousulta ist der Dank für die Verbesserung der öffentlichen Lehranstalten auszusprechen". Am 7. Februar 1787 gab der Kaiser „dem Lehrer an der Triester deutschen Judenschule" (Herz Homberg) eine Belohnung von 30 Ducaten, und ernannte ihn zum Aufseher über die gesummten jüdischen Schulen in Galizien, mit einem jährlichen Gehalte von fl. 800. Kaum hatte Josef II. die Augen geschlossen, so schritten am 3. Aug. 1790 Hirsche! Rosanes in Lemberg (dürste wohl mit dem Buchdrucker Herz Rosanes identisch sein), Jacob Landau in Brody und Mayer Schöner aus Buczaz beim Kaiser Leopold ein und baten „die lästigen Bedrückungen der Normalschulen" aufzuheben. Sie begründeten diese Bitte in folgender Weise: 1. Die galizische Judenschaft hat durch diese Schuten eine jährliche Last von fl. 38000. 2. Die Herrschsucht des galizisch-jüdisch-deutschen Schulpersonales seimaßlos; sie verachten die talmudischen Lehrsätze und die Kinder werden zu Leichtsinn und Unglauben angeleitet. 3. Kinder, die 6 Jahre alt sind, müssen schon die Normalschule besuchen und für den Unterricht im Hebräischen bleibt keine Zeit. 4. Das Zusammensein von Knaben und Mädchen sei der Sittlichkeit zuwider. Normalschulen sollen daher nur in großen Gemeinden sein und sollen die Kinder erst, wenn sie 10 Jahre alt sind, diese Schulen besuchen. Der Schulbesuch soll aber überhaupt kein Zwang sein und Mädchen sollen überhaupt die Schulen nicht besuchen. Homberg, der diese Bitte und Veschwerdeschrift zur Aeußerung erhielt, erstattete am 10. December 1790 folgendes Gutachten. Einleitend bemerkt er: Die jüdische Nation hält den deutschen Unterricht für keine Wohlthat; nur wenige 2) Vergl. Mendelssohns gesammelte Schriften (Leipzig 1S43—4f>) V. 687 und Kayserling: Mojes Mendelssohn S. 312, wo von einer Correpetiiorstelle an der Prager Universität die Rede ist. Darüber liegt hier nichts vor.

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