Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1887)
- Date
- 1887-04-14
- Page
- Seite 230 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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230 Frauen sind, Maurinnen wie Jüdinnen, mit Schmuck überladen, so weit es nur die Verhältnisse gestatten. Die Jüdinnen sind in Schmuckangelegenheiten bereits vielfach europäisirt: europäische Fußbekleidung, Sonnenschirme, Fächer, Handschuhe re. sind bereits stark unter den Jüdinnen verbreitet. Das Haar tragen die Juden wie in Europa, das Haupthaar kurz abgeschnitten, den Bart meist voll, öfters jedoch auch rasirt. Die bei den orthodoxen Juden in Osteuropa gebräuchlichen langen Seitenlocken (Peoth) sind bei den marokkanischen Juden wenig üblich. Die Juden in Marokko bilden einen wichtigen, geradezu unentbehrlichen Factor im Lande, ohne welchen das Reich sich nicht einmal auf der jetzigen Stufe, so niedrig dieselbe auch ist, erhalten könnte. Sie bilden das Mittelglied zwischen den arbeitenden, aber nicht zu verwerthen verstehenden niederen Klassen und den blos genießenden, aber jede Mühe und Arbeit scheuenden höheren Klassen. Sie sind das einzige Element im Lande, das wenigstens eine Aehnlichkeit mit europäischem Bürgerthum hat. Der Handel und das Handwerk sind größteutheils in ihren Händen. Zugleich sind sie das einzige Berbindungsmittel zwischen dem Lande und dem Auslande. Ihre Sprachkenntnisse und ihre Geschmeidigkeit befähigen sie überall zu Dolmetschern und Vermittlern, während der Maure nur mit schwerer Mühe und widerwillig die „unreine Sprache" der Ungläubigen erlernt. Die Juden sind zugleich das einzige europäerfreundliche Element im Lande. Offen oder still, treu und aufrichtig, halten sie zu Europa und erwarten nur von dorther Stütze und endliche Erlösung. Die Juden des „Innern", welche sich von den Juden der „Küste" oder den spanischen unterscheiden, sind über sämmtliche Distrikte zerstreut und sprechen zumeist arabisch; in Gegenden jedoch von ausschließlich berberischer Bevölkerung ist auch ihre Umgangssprache berberisch. Im Verhältniß zu den spanischen Juden Marokkos bilden die Juden des Innern gleichsam das Proletariat und werden von diesen ihren eigenen vorgeschrittenen Brüdern nicht besonders geachtet. Es giebt ferner in den Wüstenregionen mehrere freie jüdische Stämme, die am besten mit den Namen Halbjuden zu bezeichnen sind. Es sind jüdische Stämme der Abstammung nach, die jedoch nach und nach alles oder den größten Theil ihrer ursprünglichen Religion abgelegt und einiges von der mohamedanischen Religion angenommen haben. Sie sind sich jedoch ihrer jüdischen Abstammung bewußt, verleugnen dieselbe auch nicht und behandeln die mit ihnen in Berührung kommenden Juden als Freunde und Stammesgenossen. Von den Nachbarstämmen werden sie mit Geringschätzung betrachtet und meist jede intimere Annäherung an sie vermieden. Dem Aeußern, der Sprache und der Lebensweise nach, sind sie vollkommen ihren Nachbarstämmen gleich. Einer der bekannteren derartigen Halbjudenstämme sind die Doggalun. Als besondere Kategorie der Juden in Marokko könnte man füglich noch die „Flamencos" rechnen. Mit diesem Spitznamen bezeichnet der marokkanische Jude alle im Lande befindlichen, aber nicht zum Lande gehörigen Glaubensgenossen, größteutheils aus Gibraltar, Portugal und Algerien, zum Theil auch aus den übrigen Ländern stammend. Dieser Ausdruck wird zuweilen auch auf diejenigen eingeborenen Glaubensgenossen angewendet, die sich „de flamenco“, das heißt europäisch kleiden. Ihre Hauptwohnsitze sind: Tanger, die älteste und wichtigste Stadt des Reiches, mit ca. 5000 Juden. Sie besitzen mehrere Synagogen und öffentliche Anstalten, auch eine von der Alliance Jsraelite ihnen errichtete Schule. Bevölkerter als Tanger ist Tetuan, die bedeutendste Hafenstadt Marokkos. Sie hat 25 - 30 000 Einw., darunter mehr als der vierte Teil Juden, die in ihrem Melach (Judenviertel) wohnen. Südwestlich von Tanger liegt das jetzt verfallene Arzilla mit 1000 E., davon der vierte Theil Juden. Larrache hat 1500—2000 Juden und das alte Sale- Ra bet unter 50—60000 E., ca. 3000 Juden. Casablanca zählt 6—8000 E., darunter 1500 Juden, die fast sämmtlich außerhalb des Melach wohnen. In Azimor bilden die Juden ein Drittel der gesammten Bevölkerung, und Mazagan zählt unter 4000 E. ea. 1000 Juden. Das starkbefestigte Saffi hat 2000 Juden und Mogador, der Ausgangspunkt der nach der Sahara ziehenden Karavanen, 5000 Juden. Aga dir, einst ein bedeutender Handelsplatz, zählt deren nur wenige. Das alte Fas oder Fez, die eigentliche Hauptstadt des Landes, hat 100 000 E., davon bilden die Juden den zehnten Theil. In Marrakesch wohnen 7— 8000 und in Mequinez etwa 3000. Die Miknasi, wie die Juden von Mequinez genannt werden, gelten für gebildeter als die anderen Juden des Innern. Alkazar hat ca. 1000 und Tafilelt 5 — 600 Juden. In Tarundant, in der Provinz Sus, befindet sich unter Berbern und Schwarzen auch eine größere Anzahl Juden. Die Ortschaft Ogulmin in der nahe der Wüste gelegenen Provinz Aad-Nun, hat ca. 100 Juden, die sich mit Holzindustrie, Fischerei und Handel beschäftigen.