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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-04-14 · Heft 15 (14.4.1887) · p. Seite 229

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 15 (14.4.1887)
Date
1887-04-14
Page
Seite 229 (sequence 5)
Language
German
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229 den betrifft, so bekunden sie im Allgemeinen angeborene schnelle und leichte Fassungsgabe, gutes Gedächtniß, lebhafte Phantasie und sonstige damit verbundene Eigenschaften. Wenn der marokkanische Jude trotz der grausamen Behandlung und der das Ehrgefühl abstumpfenden Demüthigung, der er beständig ausgesetzt ist, dennoch nicht so verkommen ist, wie es Andere an seiner Stelle schon längst geworden wären, und er überdies genügenden innern moralischen Halt besitzt, um seinen Zustand zu ertragen, so ist der Grund davon hauptsächlich die moralische Stütze und Kräftigung, die der Jude stets in der Roth durch das Zusammenhalten der Stammes- und Leidensgenossen einerseits und in den von den Ahnen ererbten Traditionen andererseits findet, und die ihn so manches kaum Erträgliche ertragen macht. Von der geringen Anzahl glücklicherer Stammesgenossen in den Küstenstädten, die unter den Augen der fremden Consule etwas freier aufathmen können, oder denen es gar gelungen ist, einigen directen oder indirecten europäischen Schutz zu erlangen, von diesen hochbeneideten Stammesgenossen erfährt er, daß jenseits der Grenzen seines Landes Tausende seiner Glaubensgenossen leben, Freie unter Freien, die einstmals ebenfalls gleich ihnen Knechte der Geknechteten waren. Und so duldet und leidet er weiter, sich in sein unvermeidliches Schicksal fügend und der Stunde der Erlösung harrend. Gleich allen Unterdrückten und dem jüdischen Charakter überhaupt entsprechend hat der marokkanische Jude Mitgefühl für alle Leidenden. In dieser Hinsicht ist er das gerade Gegentheil des Mauren, der gegen den in seiner Gewalt befindlichen Feind gefühllos, roh und grausam ist. Die jüdischen Frauen in Marokko sind weit und breit wegen ihrer Schönheit berühmt. Was ihnen von den Europäern besonders nachgerühmt wird, ist die Schönheit der Augen und die Zartheit des Teints. Die jüdische Frauenwelt Marrokkos ist mehrseitig als nicht sehr strenge von Grundsätzen in Hinsicht auf Keuschheit und weibliche Ehre geschildert worden. Wie in so vielen andern Dingen ist es jedoch auch hier der Fall, daß von Einzelnen auf die große Menge geschlossen wird. Und ist einmal von irgend einem tonangebenden, wenn auch noch so oberflächlichen Touristen eine Meinung ausgesprochen worden, so wird sie von den Nachfolgern ungeprüft nachgesprochen und es bildet sich eine allgemeine irrige Ansicht, die dann schwer zu berichtigen ist. Der ungünstige Ruf der marokkanisch-jüdischen Frauen ist ebenso ungerecht als unverdient. Da die ins Land kommenden Fremden mit den Mauriunen in gar keine Berührung kommen, so sind sämmtliche einheimische Frauenspersonen, die sie kennen lernen, fast ausschließlich Jüdinnen. Deren Freundlichkeit und Zutraulichkeit den Fremden gegenüber, verbunden mit landesüblicher Naivität ohne heuchlerische Civilisations-Prüderie läßt nun solche ober- 'flächliche Touristen alles Mögliche sehen und denken, was in! Wirklichkeit ganz anders ist. Man kann von den marokkanischen Jüdinnen sagen, daß sie besser sind als ihr Ruf, jedenfalls besser als die Maurinnen. Sie sind treue und liebj reiche Töchter und Gattinnen, einfach, bescheiden und arbeitsam. Daß dieselben, trotz ihres niedern Bildungsgrades, auch höherer, edlerer Regungen fähig sind, beweisen zahlreiche Fälle. Einer der bekanntesten ist die bereits zur Legende gewordene Geschichte der Sol Hatschwell, die sich unter der Regierung des Sultans Abd-er-Rahman (1822—1859) zuj trug. Dieselbe hatte den Glauben ihrer Väter verlaffen und den Islam angenommen, es jedoch bald darauf bereut und war zum Judenthum zurückgekehrt. Mon versuchte durch Drohungen und Bitten ihren Abfall vom Islam rückgängig zu machen. Der Sultan selbst ließ ihr eine Stelle unter seinen eigenen Frauen anbieten, die Rabbiner des Landes gestatteten ihr ausdrücklich auf Grund des Religionsgesetzes das Verbleiben beim Islam. Alles jedoch war bei ihr vergebens, sie wollte ihre Gesinnung nicht ändern. Und so wurde sie auf Befehl des Sultans öffentlich zu Mequinez ■ hingerichtet. Die junge und schöne Jüdin starb heroisch für «ihre Ueberzeugung, bewundert vom ganzen Lande. Die Religion der marokkanischen Juden ist im Ganzen > und Großen dieselbe, wie die der meisten Juden in allen Ländern der Erde: die mosaisch-talmudische. Im Ceremoniell jedoch weichen sie mehrfach von anderswo gangbaren Riten ab. Der Vorwurf von religiösem Fanatismus und Zelotismus, wie bei den Mauren oder bei ihren eigenen Glaubensgenossen in gewissen Gegenden Osteuropas, kann, ihnen nicht gemacht werden. In der Kleidung unterscheiden sich die marokkanischen Juden von den übrigen Landesbewohneru, Männer sowohl als Frauen haben ihre eigene jüdische Tracht. Bei den Männern ist dieselbe mehr einfach und schmucklos. Tie Frauen entfalten schon mehr Luxus. Gewisse Kleidungsstücke sind ihnen direkt verboten. In den Hafenstädten, an den Berührungspunkten mit den Europäern, beginnt sich die europäische Tracht unter den Juden beiderlei Geschlechts immer mehr einzubürgern. Gewöhnlich tragen die Juden einen Leibrock wie die Mauren, nur von dunkler Farbe und schmälern Aermeln. Viele tragen auch einen rotheu Zeug-Gürtel um die Hüfte. Auf dem Kopfe tragen sie einen dunklen Tarbusch ohne Quaste, meist ohne, zuweilen mit dunklem Turban. Bei den Jüdinnen bildet die Esfifa, eine Art Kopfdiadem, ein Hauptstück der Festtoilette. Jacke, Brustlatz und Gürtel sind reich! verziert und mit Stickereien besetzt. Vom Kopfe nach rücki wärts hängt ein Schleier oder ein verziertes Tuch herab.!Jm Hause tragen sich die Jüdinnen wie die Maurinnen,! jedoch weniger int Negligee als letztere, da das jüdische Haus j nicht so abgesperrt gegen Besucher, wie das maurische ist. Die

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