Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 15 (14.4.1887)
- Date
- 1887-04-14
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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•228 herzustellen, und es kommt darauf an, diesen so überaus segensreichen Zweig immer mehr auszudehnen. Hierher gehören denn auch die Nnterstntzungsvereine für invalid gewordene hülfsbedürftige Lehrer, deren Wittwen und Waisen. Hierzu kommen 4) die Vereine für Krankenverpflegung (Krankenhäuser namentlich in Badeorten) und Beerdigung. Aber außer diesen Vereinszwecken giebt es noch allgemeine gemeinnützige, welche die größte Beachtung verdienen. Es sind dies solche, welche die Verbreitung der Kenntniß der jüdischen Religion, ihrer Geschichte und Literatur zum Gegenstände haben, die Belebung des religiösen und sittlichen Geistes in weiteren Kreisen. Wir heben hier besonders die Vereine für öffentliche Vortragscurse aus dem gedachten Gebiete mit größtem Nachdrucke hervor. Allerdings ist es zu diesem Zwecke auch Bedürfniß, daß sich immer mehr Männer befähigen, solche Vorträge zu halten. Sie bürfeu keine gelehrten Abhandlungen sein, sondern müssen durch einfache Mittheilung des Wissenswerthen und durch eine höhere, alle Geisteskräfte anregende Sprache zugleich auf Verstand und Gemüth wirken wollen. Es muß soweit kommen, daß diese Borträge ein gleiches Bedürfniß wie die Predigt werden. — Unserer Zeit gehört es nun an, daß das jüdische Vereinswesen sich nicht auf das Weichbild einer Ortsgemeinde beschränkt, sondern zu einer weithin reichenden Wirk-: samkeit ganze Bezirke, Provinzen, Staaten, ja den gesummten Erdkreis zum Schauplatz nimmt. So die verschiedenen Allianzen, j welche mit ihren Humanitären Zwecken alle zerstreuten Gruppen > des jüdischen Stammes umfassen, so Vereine, die, in einer! großen Stadt domieilirt, geographische Grenzen für die Gegenstände ihrer Thätigkeit nicht kennen. Sind doch selbstverständlich zu großen Zwecken große Mittel benöthigt. Ties ist in kurzen Zügen das Bild des gegenwärtigen' Vereinswesens innerhalb des Judenthums. Es ist ein vielästiger Baum, der seine Wurzel in der jüdischen Barmherzigkeit, in der wohlthätigen Werken zugeneigten jüdischen Volksseele hat. Für den getreuen Pfleger dieses mächtigen Baumes ist es aber eine besondere Sorge, daß die Nahrungssäfte auch genügend allen Zweigen zufließen, damit es keinem derselben an schönen Blüthen und segensreichen Früchten fehle! Das Bereinswesen hat die zweifache Wirkung, einerseits die vereinzelten Anstrengungen und Beiträge zu gemeinsamen Zwecken zu vereinigen, andererseits die Mitglieder zum Anschluß an einander zu bringen, und das Gefühl der Zusammengehörigkeit in Gebenden und Empfangenden hervorzurufen. Wir brauchen deshalb auf die Unentbehrlichkeit desselben nicht noch weiter hinzuweisen. Nur die eine Bemerkung wollen wir noch hinzufügen. Wo es angeht und dem Zweck und der Art des Vereins nicht widerspricht, möge mit demselben sich ein geselliges Moment verbinden. Das war alte Sitte, und die Chebrah-Seudah gab ein fröhliches, ja lustiges Fest und , Gelage ab, wo viele Streitigkeiten ausgeglichen wurden, wenn sich auch bisweilen neue daran knüpften, die nicht gerade ernst genommen Mrden. Gegenwärtig bilden die Generalversammlungen keine besonderen Anziehungspunkte, da sie nichts als einen nüchternen Bericht und die Vorstandswahlen bringen, weshalb sie in der Regel wenig besucht werden. Wir glauben, daß dies einige Aufmerksamkeit verdient. Werden doch in England und Amerika die Stiftungsfeste zu den eigentlichen Geldquellen der Vereine. Die Juden in Marokko. Die Inden, welche in Marokko wie in ganz 5){orbafrifa seit den ältesten Zeiten ansässig sind, finden sich im ganzen Lande bis in die Wüste hinein. Ihre Anzahl in ganz Marokko dürfte mit einer Viertel Million eher zu gering als zu hoch angeschlagen sein. Rechnet man gewisse, in der Sahara befindliche halbjüdische Stämme dazu, so ist deren Anzahl eine noch weit größere. In physischer Hinsicht unterscheiden sich die Inden merklich von den übrigen Marokkanern. Zu den allgemeinen Merkzeichen des in allen Ländern mehr oder minder erhaltenen Stammestypus, gesellt sich der durch die dortige sociale Stellung der Inden im Laufe vieler Generationen der Physiognomie desselben aufgedrückte eigene Stempel; so daß dort der Jude, auch ohne seine besondere Tracht, leicht unter den übrigen Landesbewohnern herauszuerkennen ist. Der scheue, ängstliche Blick, das unsichere, sowohl im Ausdrucke der Gesichtszüge als auch in der Haltung der ganzen Gestalt, geben den sonst nicht unschönen Zügen beim ersten Anblick etwas abstoßendes, Mißtrauen erweckendes. Ein näheres Betrachten jedoch läßt den Zug des Leidens erkennen, der dem ganzen Wesen ausgeprägt ist. Wie könnte der unter einer so rohen barbarischen Nation, wie die Marokkaner, die tiefste Stelle einnehmende Jude sich besser präsentireu! Ferner giebt es unter den Juden keine Farbigen, da sie sich mit den Mauren - nicht vermischen. Sämmtliche Juden sind mehr oder minder; hellfarbig. Trotz der furchtbar gedrückten Lage im dortigen Lande, sind die Juden dennoch meist kräftig und wohlgebaut, von zäher Gesundheit und Ausdauer, wenig unter Mittelgröße,; sogar mit anzutreffenden hochgewachsenen athletischen Ge-! stalten. Zum Theil mag dies vom gesunden Klima und ' von der harten, aber kräftigen Lebensweise vieler unter ihnen; herstammen, da dort zu Lande Juden vielfach zu den niedrigsten und schwersten Arbeiten verwendet werden. Was die geistigen Eigenschaften der marokkanischen Ju-; *) Marrokko von Victor I. Horowitz (Leipzig, Friedrich, 1887). (