Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1887)
- Date
- 1887-04-07
- Page
- Seite 220 (sequence 12)
- Language
- German
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220 Wiener Polytechnikum, und blieb in dieser Stellung während der Fünfziger-Jahre, obwohl die reactionäre Strömung jener Zeit gegen die Zulassung von Juden zum öffentlichen Lehramte war. Die hervorragende wissenschaftliche Bedeutung Spitzer's war aber bereits damals eine so anerkannte, daß der Unterrichtsminister Graf Leo Thun ihm eine ordentliche Professur am Polytechnikum antragen ließ, allerdings unter der Bedingung des Confessionswechsels, den Spitzer aber entschieden ablehnte. Als im Jahre 1857 die Wiener Handels-Academie gegründet wurde und man für dieselbe trotz aller gegentheiligen Bemühungen die Wahl der Lehrkräfte ohne Rücksicht auf das Religions-Bekenntniß durchsetzte, wurde Spitzer an dieser Anstalt zum Professor für Mercantilrechnen und Algebra ernannt, in welcher Stellung er 29 Jahre lang, bis zum Beginn des Wintersemesters 1836/87 mit den ausgezeichnetsten Erfolgen wirkte und sich die dauernde Dankbarkeit und Anerkennung seiner zahlreichen Schüler, die zu den hervorragendsten commerziellen Stellungen gelangten, erwarb. Die Verfassungs-Aera brachte ihm im Jahre 1863 auch die Ernennung zum außerordentlichen Professor am Wiener Polytechnikum, an welchem er 1866 auf Grund seiner wissenschaftlichen Leistungen, die er schon damals in zahlreichen Publicationen niedergelegt hatte, mit dem Vortrage der analytischen Mechanik betraut wurde. Durch seine Thätigkeit an der Handels- Academie wurde er auch auf die Pflege des practischen Theils seiner Wissenschaft für die Bedürfnisse des commerziellen und finanziellen Verkehrs hingewiesen und gewann bald in dieser Richtung eine hochgeachtete Autorität, durch die er der Vertrauensmann der Wiener Finanz- und Handelswelt in allen sein Fach berührenden Fragen wurde. Namentlich galt dies auf dem Gebiete des Affecuranz- und Anlehenswesens, für welche die Principien der Wahrscheinlichkeits-Rechnung — eine Specialität Spitzer's — maßgebend sind. Im Jahre 1870 wurde er durch den Unterrichtsminister vr. v. Stremayr zum ordentlichen Professor der analytischen Mechanik am Polytechnikum und zum Mitgliede der Realschul-Prüfungs- Commission für die Prüfung aus dem Fache der Handelsarithmetik ernannt. Nach dem Tode des ersten Directors der Wiener Handels-Academie, Hauke, im Jahre 1871, wurde auf den einstimmigen Vorschlag des Professoren-Collegiums dem Professor Spitzer die provisorische Leitung der Academie bis zur Ernennung des Sections-Chefs v. Czedik zum Director übertragen, und nach der Umwandlung der Handels- Academie in die Handelshochschule war Professor Spitzer der erste von seinen Collegen einstimmig gewählte Rector der neuen Hochschule für das Studienjahr 1872/73. Am 1. October v. I. schied er von dieser Anstalt, an der er — wie bereits erwähnt — 29 Jahre gewirkt und um deren Hebung auf ihre gegenwärtige Höhe er sich große Verdienste erworben hatte, die von Seiten des Berwaltungsrathes in einem ehrenden Dankschreiben anerkannt wurden. Professor Spitzer hatte nun Gelegenheit, sich bei seiner noch ungebrochenen körperlichen Rüstigkeit und geistigen Vollkraft ausschließlich der wissenschaftlichen Thätigkeit zu widmen, der leider durch seinen plötzlichen Tod ein vorzeitiges Ende gesetzt wurde. Die Zahl der Arbeiten und Schriften, die der rastlos thätige Gelehrte seit dem Beginne seiner wissenschaftlichen Laufbahn veröffentlicht hat, ist eine außerordentlich große. Die lange Reihe dieser Publicationen begann mit der schon eingangs erwähnten Studie über die „Allgemeine Auflösung der Zahlengleichungen mit einer und mehreren Unbekannten", die er 1851 bei Gerold herausgab. Sehr viele seiner wissenschaftlichen Arbeiten fanden Aufnahme in den Denkschriften und Sitzungsberichten der kaiserlichen Academie der Wissenschaften, die schon im Jahre 1850 den damals vierundzwanzigjährigen Mann durch ein Anerkennungs- Schreiben ausgezeichnet hatte. Außerdem brachten die angesehensten mathematisch - wissenschaftlichen Zeitschriften Deutschlands häufig Beiträge aus Spitzer's Feder. Nebst diesen wissenschaftlichen Arbeiten publicirte er zahlreiche populär belehrende Abhandlungen über verschiedene Fragen des Handels- und Finanzwesens, deren practischer Werth durch die wiederholten Auflagen, welche dieselben erfuhren, bestätigt wurde, so z. B. eine „Anleitung zur Berechnung der Leibrenten und Anwartschaften", „Anleitung zur Berechnung der im Wiener Cursblatte notirten Papiere", „Tabellen über die Zinseszinsen- und Rentenrechnung", „lieber Münzen- und Arbitragen - Rechnung" u. s. w. Besondere Beachtung in Finanzkreisen fanden seine in den Jahresberichten defi Wiener Handels-Academie veröffentlichten Berechnungen der Cursbewegungen an der Wiener Börse in den einzelnen Jahren. Als hervorragende Leistungen mathematischen Scharfsinns wurden auch die verwickelten und umfassenden Berechnungen anerkannt, die Professor Spitzer für die Gründung der Assecuranz-Anstalten, für die Emission von Actien, für Credit- und Anlehens-Operationen, für die Spielpläne von Lotterien u. s. w. ausgearbeitet hat. Der Verblichene hinterläßt außer der Wittwe vier Töchter und fünf Söhne, von welch Letzteren Einer erster Secundarius auf der chirurgischen Abtheilung des Professors Weinlechner ist, ein zweiter die juristische Laufbahn eingeschlagen hat und ein dritter im Bankwesen thätig ist. Die beiden jüngsten Söhne liegen noch ihren Studien ob. Von den Töchtern Spitzer's ist eine mit unserem Collegen, Herrn vr. Gustav Steinbach, die andere an den Opernsänger Herrn Namiavsky in Frankfurt vermählt. Die technische Hochschule hat zum Zeichen ihrer Trauer eine schwarze Fahne ausgehängt.