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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-04-07 · Heft 14 (7.4.1887) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 14 (7.4.1887)
Date
1887-04-07
Page
Seite 219 (sequence 11)
Language
German
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219 Jeuille ton. UekrologischeL. Wir haben bereits über das Hinscheiden der zwei verdienstvollen Israeliten Wiens, Josef v. Wertheimer und Prof. Simon Spitzer berichtet, und fügen zur Ergänzung Folgendes hinzu: Josef Ritter v. Wertheimer war eine durch ihr Wirken auf humanitären und literarischem Gebiete in weiten Kreisen bekannte Persönlichkeit. In Wien mit dem Beginne unseres Jahrhunderts als Sohn angesehener jüdischer Eltern geboren, deren Haus einen Sammelplatz für die hervorragendsten Vertreter der Kunst und Wissenschaft bildete, erhielt Wertheimer eine sorgfältige Erziehung. Reisen, die er in den Jahren 1824 bis 1828 durch Deutschland, Italien, Frankreich und England unternahm, gaben ihm mannigfache Anregung für sein späteres humanitäres Wirken. Im Jahre 1840 gründete er in Wien den Verein zur Förderung der Handwerke unter den inlädischen Juden und im Jahre 1843 die israelitische Kinderbewahranstalt in der Leopoldstadt (die erste derartige Anstalt in der Monarchie). Außerdem hat er sich um die Gründung anderer humanitärer Vereine vielfache Verdienste erworben. Durch mehr als 30 Jahre war er Vorstand der israelitischen Cultusgemeinde in Wien und seit dem Bestände der von ihm gegründeten „Israelitischen Allianz" in Wien wirkte er als deren Präsident. Von seinen literarischen Arbeiten seien außer den größeren, welche die Stellung der Juden im Staate behandeln („Die Juden in Oesterreich, vom Standpunkte der Geschichte des Rechtes und des Staatsvortheils", 1842; „Die Stellung der Juden in Oesterreich", 1853; „Die Regelung der staatsbürgerlichen Stellung der Juden in Oesterreich", 1859; „Jahrbuch der Israeliten", 11 Bände, 1854 bis 1864), noch erwähnt: „Dramatische Beiträge" (1828) und ein Trauerspiel„Eudoxia", das er noch in seinem 80. Lebensjahre verfaßte. Seit dem Jahre 1848 gab er auch das volkswirthschaftliche Tageblatt „Wiener Geschäftsbericht" heraus. Die Stadt Wien hat ihm zu seinem siebzigsten Geburtstage das Ehrenbürgerrecht verliehen. _ Dem Professor Simon Spitzer widmet die„N.Fr. Pr." folgenden Nachruf: Einer der hervorragendsten und scharfsinnigsten Bertreter der exacten Wissenschaften, der Professor der höheren Mathematik Simon Spitzer, ist heute Morgen im Alter von 61 Jahren plötzlich einem Schlaganfalle erlegen. Spitzer's Ruf als Gelehrter ist weit über die Grenzen unseres Vaterlandes hinausgedrungen; die schwierigsten Gebiete der mathematischen Disciplinen beherrschte er mit genialem Blicke, Theorie und Praxis vereinigte er mit gleicher Meisterschaft, und wo im staatlichen oder bürgerlichen Leben, in der industriellen oder der Bankwelt verwickelte technische Rechnungsprobleme zu lösen, gigantische Zahlensysteme, welche Millionenwerthe betrafen, für das practische Leben logisch zu ordnen waren, da wurde an die Autorität Spitzers appellirt, der in wenigen Tagen spielend leistete, wozu Andere Monate bedurften. Auch als Lehrer genoß Spitzer einen seltenen Ruf, und unsere technische Hoschule insbesondere, an welcher er noch gestern in ungebrochener Kraft wirkte, wird den plötzlichen Verlust einer ihrer Zierden schmerzlich betrauern. Professor Spitzer hatte noch gestern den Abend in einem befreundeten Hause in heiterster Laune zugebracht; als er in den Kreis seiner Familie zurückkehrte, verrieth nichts, daß sein Ende so nahe sei. Er sprach noch liebevoll mit seiner Gattin und ging dann zu Bette. Als man ihm Morgens das Frühstück brachte, fand man Spitzer regungslos im Bette liegen; ein Herzschlag hatte ihn plötzlich, vielleicht im Schlafe, überrascht und so dem Wirken des allgemein verehrten Gelehrten, der mit allen seinen Vorzügen noch eine seltene Anspruchslosigkeit verband, ein unerwartet rasches Ziel gesetzt. Spitzer wurde am 3. Februar 1826 in Wien als der Sohn armer Eltern geboren, und es war ein Beweis der frühzeitig entwickelten Energie seines Geistes und Charakters, daß er trotz materieller Sorgen und Entbehrungen sich dem schwierigen Studium der höheren Mathematik widmete und dasselbe mit Auszeichnung absolvirte. Das Jahr 1818 führte zwar eine sehr störende Unterbrechung seiner wissenschaftlichen Bestrebungen herbei, indem Spitzer damals seiner Militärpflicht genügen mußte, er konnte dies aber, obwohl er Techniker war, nicht bei der Artillerie oder einem technischen Waffenkörper thun, sondern wurde zum — Fuhrwesen abgestellt. Aber auch dieser harte Zwang vermochte ihn dem wissenschaftlichen Ziele, das er als seine Lebensaufgabe erkannt hatte, nicht zu entfremden, und selbst unter so schwierigen Verhältnissen setzte er seine mathematischen Studien und Arbeiten fort, bis ihn jene Macht, die der Publicität seit jeher innewohnte, aus dieser unwürdigen Lage befreite. Am 9. August 1849 theilte die amtliche Wiener Zeitung in einem Berichte über eine Sitzung der Gesellschaft von Freunden der Naturwissenschaft mit, daß „Herr Simon Spitzer, k. k. Fuhrwesens-Corporal, über die Aufsuchung der imaginären Wurzeln höherer numerischer Gleichungen sprach" und daß er hierüber ein Memoire ausgearbeitet habe. Diese Mittheilung erregte die Aufmerksamkeit höherer militärischer Persönlichkeiten und hatte für Spitzer zur Folge, daß er aus dem Militärdienste entlassen und seinem wissenschaftlichen Berufe zurückgegeben wurde. Er wurde Assistent und im folgenden Jahre Privatdozent am 14*

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