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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-04-07 · Heft 14 (7.4.1887) · p. Seite 218

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 14 (7.4.1887)
Date
1887-04-07
Page
Seite 218 (sequence 10)
Language
German
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S18 große Menge Israeliten drängte sich in den Friedhof und es kam zum Kampf mit der Polizei, die nur mit Mühe die Ruhe wiederherstellte. Heute schlossen die Israeliten ihre Läden und wiederholten die Demonstrationen auf dem Friedhofe und vor dem Stadthause. Die Polizei stellte die Ruhe wieder her. Gestern und heute wurden mehrere Verhaftungen vorgenommen und es gab auch drei Verwundete Der Vorsitzende der Stadtverwaltung mußte sich durch Militär nach Hause escortiren lassen. Da der Resident abwesend ist, conferirte der Minister des Bey über die Affaire mit dem ersten Secretär der französischen Gesandtschaft. Die Verhafteten wurden übrigens mit einer kleinen Geldstrafe entlassen. Der französische Generalresident befindet sich augenblicklich in Paris, und das dortige Consistorium nahm die Gelegenheit wahr, eine Deputation an ihn abzusenden, an ihrer Spitze der Großrabbiner Zadoc-Kahn. Das Ergebniß der Besprechung war, daß der Generalresident verhieß, den Israeliten die Ausübung ihrer Gebräuche wieder zu gestatten und auf die Schöpfung eines Consistoriums nach dem Muster der französischen hinzuwirken. Palästina. Jerusalem, 15. März. (Privatmitth.) Da die Zahl derer in Europa, welche eine jüdische Colonisation in Palästina mit günstigen Augen betrachten, im Wachsen begriffen ist, wird es diese interessiren, etwas aus der wirklichen Lage der Dinge im heiligen Lande und namentlich in Jerusalem zu erfahren. Es besteht dies darin, daß Rußland mit großer Energie dahin .strebt, die factische Suprematie in der h. Stadt und im Lande zu erlangen. Schon jetzt, wenn man von den Bergen Judas den ersten Blick auf Jerusalem wirft, erkennt man es nicht mehr. Eine Menge weißgetünchter Gebäude einfachen Stils, aber von großer Ausdehnung, umgeben die Westseite der Stadt dermaßen, daß man von dem charakteristischen Bilde der Stadt nichts mehr gewahrt. Sie gehören sämmtlich den Russen und bilden einen Complex von Herbergen, Asylen, Klöstern und Krankenhäusern. Außerdem kauft Rußland, nach einer besonderen Neigung des jetzigen Zaren, allerorten in Stadt und Land ausgedehnte Grundstücke an, wodurch der Werth der letzteren bereits ziemlich gestiegen ist, ohne daß dadurch die Ertragsfähigkeit derselben wächst. Auf diesem Wege erlangt Rußland den größten Einfluß auf die hiesigen Verhältnisse, und die Freunde der jüdischen Colonisation müßten, wenn sie Grundeigenthum erwerben wollen, sich damit beeilen. In den hiesigen Kreisen unterhält man sich schon davon, daß es zu den Plänen Rußlands gehöre, nicht bloß Konstantinopel zu erwerben, sondern auch Herrscher in Jerusalem zu werden und die Bekenner der griechisch-orthodoxen Kirche in Palästina so zu vermehren, daß sie an sich schon die herrschende Klasse ausmachten. Vieles hiervon gehört allerdings der Zukunft an, vielleicht einer fernen, aber wer die Geschichte Rußlands seit Peter dem Großen kennt, weiß, daß es seine Pläne nicht nach der Zeit bemißt, sondern mit Consequenz von Fall zu Fall fördert. Bisweilen zurückgeworfen, kehrt es immer wieder zu dem einmal betretenen Pfade zurück, bis es seinem Ziele immer näher kommt. Ein Blick auf die Karte Europas und Asiens giebt hierüber den belehrendsten Aufschluß. Bonn, 3. April. (Notizen.) Sigismund Cormellin ist in Paris verschieden. Er gab in Bukarest eine Zeit lang die Zeitschrift 1'Eobo Danubien, dann in Pest la Concorde und zuletzt hier l’Echo de l’Orient heraus. — Aus Pest wird uns geschrieben: In der jüngst stattgehabten Sitzung des Somogy-Csurpoer Matrikenbezirks wurde Herr vr. M. Schreiner, einer der aus der Landes-Rabbinerschule in Budapest jüngst entlassenen Rabbiner mit großer Majorität zum Rabbiner des Bezirks gewählt. — In Gr.- Bittse findet den 29. d. M. die Einweihung der neuerbauten Synagoge statt. — Man schreibt aus Berlin: Am Mittwoch den 23. März starb hier der Privatgelehrte Landshut, ein durch unermüdlichen Sammelfleiß ausgezeichneter, anspruchsloser Mann. Seine seltenen Sammlungen, mitunter Unika, beziehen sich vorzugsweise auf die Specialgeschichte der Berliner jüdischen Gemeinde. Seinen Bemühungen war es zu danken, daß der im Jahre 1672 angelegte und im Juni 1827 geschlossene, hinter den Grundstücken der Oranienburgerstraße 7—10 belegene alte Friedhof der jüdischen Gemeinde, dessen Jnspector er war, nicht dem Verfall preisgegeben wurde, indem er sämmtliche Grabsteine auffrischen ließ und dadurch ein reiches Material für die Familiengeschichten erlangte. Auch literarisch hat sich der Verstorbene hervorgethan, besonders bez. der Geschichte der jüdischen Gebete in hdh: npo (Königsb. 1845.) Zu wünschen wäre, daß seine Sammlungen und Bücher erhalten bleiben und nicht zerstreut werden. Dieselben umfaffen in ganz hervorragender Weise auch die Zeit aus den 20er und 30er Jahren. Es ist Grund zur Annahme vorhanden, daß sie von bedeutendem Werthe auch für die Literaturgeschichte sind. Namentlich dürfte der Verein für die Geschichte Berlins unschätzbares Material aus der Zeit finden, in welcher der interconfessionelle Verkehr zur Zeit der Rahel auf seiner Höhe stand.

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