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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-04-07 · Heft 14 (7.4.1887) · p. Seite 217

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 14 (7.4.1887)
Date
1887-04-07
Page
Seite 217 (sequence 9)
Language
German
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‘h1 auch wirklich zu beten, so daß die fromme häusliche Uebung zugleich zur Einübung des in der Schule Gelernten wurde. Warum soll das nicht auch heute so sein? Spricht das Kind täglich auch nur kurze Gebete, die es in der Schule hat lesen und verstehen lernen, so dient es nicht blos Gott, sondern auch sich selbst, indem es in dem Unterrichtsgegenstand sich befestigt. Man kann es widerstrebend nennen, daß hier der höhere Zweck dem niederen dienen soll. Jndeß das Höhere steht hier so hoch, daß es nicht entweiht wird, wenn es noch einem anderen sittlichen Nebenzwecke dient. Kurz ausgedrückt: Soll das in der Schule gelernte Hebräisch nicht ebenso schnell vergessen werden, wie es gelernt worden, so muß das Haus für die Uebung darin mehr Sorge tragen." — Dresden, 28. März. Herr Rechtsanwalt Emil Lehmann feierte sein 25 jähriges Jubiläum als Mitglied des jüdischen Gemeindevorstandes. Die hiesige Cultusgemeinde selbst, die am 18. Mai 1837 durch ein Gesetz constituirt werden konnte, feiert an gedachtem Tage ihr 50 jähriges Bestehen. Oranienburg, 26. März. Der „Voss. Ztg. wird geschrieben: Am Abend des Geburtstages unseres Kaisers brachte der Hauptmann der hiesigen Schützengilde, Hotelbesitzer E-, den Toast auf den Kaiser aus, und benutzte hierbei einen von demselben als Prinz von Preußen der Gilde gewidmeten Pokal. Nach Beendigung des Toastes forderte Herr E. alle Anwesenden auf, auf die Gesundheit des Kaisers aus dem Pokal zu trinken. Unter den Anwesenden stand der frühere einjährig Freiwillige, jetzige Geschäflsführer St., dem auffvrdernden Herrn E. am nächsten, und als derselbe der Aufforderung Nachkommen wollte, zog Herr E. den Pokal zurück und sagte: „Ach nein, Juden dürfen daraus nicht trinken". In Folge dieses kaum glaublichen Vorganges haben sämmtliche 6 bis 7 jüdische Mitglieder ihren Austritt aus der Gilde erklärt, wobei nicht unerwähnt bleiben darf, daß es gerade ein jetzt verstorbenes jüdisches Mitglied war, das der Gilde namhafte Zuwendungen gemacht hat, insbesondere ein Legat, wodurch alljährlich 45 Mk. einer bedürftigen Wittwe gezahlt werden können. (Unsrer Meinung nach würde ein Jnjurienproceß wegen einer solchen öffentlich angethanen Beleidigung bedeutenden Erfolg haben. Redakt.) Oesterreich-Ungarn. Wien, 25. März. (Privatmitth.) Die Leichenbestattung des Herrn Josef Ritter v. Wertheimer fand selbstverständlich unter großer Betheilignng des Publicums statt. An seinem Sarge sprach Herr Prediger vr. Jellinek und im Namen der israelitischen Allianz Herr Rabbiner vr. Güdemann. Am offenen Grabe widmete ihm der Präsident des Schriftstellervereins „Concordia", Herr Schembera, einen warmen Nachruf. Hervorgehoben mag werden, daß W. sich vor einem Jahre selbst den Sterbezettel geschrieben hat, mit der Bemerkung: „Kranzspenden werden dankend abgelehnt." An dem Sarge fehlte auch, wider den sonstigen Gebrauch, das Adelswappen des Verstorbenen. Gestern fand im Tempel eine Todtenfeier statt, bei welcher vr. Jellinek die Gedächtnißrede hielt. Heute wurde eine Todtenfeier in der von ihm begründeten Kinderbewahranstalt abgehalten. An demselben Tage, an welchem W. beerdigt wurde, fand auch das Leichenbegängniß des Herrn Simon Spitzer, Professors an der Technik, statt, an welchem sich die Professoren und Studenten betheiligten. Spitzer genoß in wissenschaftlichen Kreisen großes Ansehen als Mathematiker. Herr vr. Philipp Mautner, Mitglied des Gemeindevorstandes, wurde zum Vicepräsidenten der Advocatenkammer gewählt. Papa, 21. März. (Privatmitth.) Heute verschied hier im Alter von 77 Jahren der städtische Arzt, vr. Moritz Feitel, einer der ältesten Mitarbeiter Ihrer Zeitung. Feitel, der über funzig Jahre als Arzt thätig war, gehörte zu denjenigen Aerzten der Neuzeit, welche, wie Gideon Brecher, Phöbus Philippson, Mor. Rappaport u. a. lebhaftes Interesse an den Vorgängen im Judenthuine nahmen und die jüdische Wissenschaft pflegten. Vor 45 Jahren entstanden aus Vorträgen, welche er hier gehalten, seine Hauspostille zur Belehrung und Erbauung für Israeliten, und noch vvr anderthalb Jahren veröffentlichte er Reminiscenzen aus seinem Umgänge mit Leopold Löw, dessen injimer Freund er war. Er wurde hier von Juden und Christen hochgeschätzt. Tunesien. Tunis, 23. März. Hier haben seitens der Israeliten ziemlich bedeutende Unruhen stattgefunden, die aber heute völlig beschwichtigt sind. Am 20. nämlich sollte ein Decret über eine Neuordnung des Beerdigungswesens in Kraft treten. Dasselbe betrifft nur die Christen und die Juden, während die Mohamedaner davon unberührt bleiben. Das Reglement übertrug die Beerdigung einem Concessionär und entzog sie der Religionsgemeinde. Die Israeliten hatten schon vorher gegen dasselbe protestirt, da sie bisher ihren besonderen Beerdigungsdienst hatten, und behaupteten, das neue Reglement widerspreche ihren religiösen Gefühlen und schädige ihre Interessen. Wie dem „Temps" berichtet wird, machte man ihnen wichtige Concessionen, die ihnen aber nicht genügten; sie weigerten sich, dem neuen Reglement sich zu unterwerfen und suchten gestern zwei Beerdigungen ohne die nunmehr vorgeschriebenen Formalitäten vorzunehmen. Eine 14

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