Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1887)
- Date
- 1887-04-07
- Page
- Seite 213 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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213 bei den ersten Strahlen der Wissenschaft und Aufklärung wieder völlig. Wir sind deshalb wohl berechtigt, dies als einen Vorzug und ein Charakteristikum des Judenthums zu bezeichnen. Wohlthätige Werke, x. Bei unseren Vätern war der Begriff wohlthätiger Werke (cp-cn von dem des Studiums der Lehre und des Gesetzes (top) niemals getrennt. Jeder wohlthätige Verein ließ sich regelmäßig Vorträge über Lehre und Gesetz halten, wofür er den Vortragenden honorirte. Verstanden die Zuhörer auch nicht immer, was ihnen da demonstrirt wurde, so machte dies nichts aus: das Zuhören selbst war ein verdienstliches Werk, eine Pflicht. Hiermit wurde bewußt oder unbewußt der Gedanke gefestigt, daß Wohlthätigkeit nicht als eine bloße Stimmung, als eine wechselnde Anwandelung des Gefühls geübt werden solle, sondern als eine von Gott uns auferlegte Pflicht, als eine göttliche Forderung an uns, als ein göttliches Gebot, dessen Erfüllung uns zum Segen gereiche» dessen Hintenansetzung uns strafwürdig mache. Es lag dies im Prinzip« der jüdischen Ethik, die ihre Wurzel in Gott und Gottes Willen hat, und deshalb allen Handlungen des Menschen eine Beziehung zu Gott unterlegt. Wir wollen heute nicht näher darauf eingehen, daß es sich gegenwärtig als ein dringendes Bedürfniß herausstellt, die seit längerer Zeit in Wegfall gekommene Gepflogenheit solcher Vorträge in den wohlthätigen Vereinen auf irgend eine Weise wieder zu ersetzen, da wir die Unkenntniß des Judenthums immer mehr überhand nehmen sehen, dieses aber seinen Bestand nicht bloß in der Gelehrsamkeit der Fachmänner, sondern durch die Kenntniß seitens der gesummten Masse zu erhalten vermag. Wir wollten hiermit nur begründen, daß wir unsre obige Rubrik nicht auf die wohlthätigen Werke in engerem Sinne beschränken, sondern auf alle Veranstaltungen gemeinnütziger Art, besonders aber der Verbreitung der Kenntniß des Judenthums, seines Lehrinhalts, seiner Geschichte und Literatur ausdehnen. Wir stellen deshalb an die Spitze unsres heutigen Referats den „III.Semesterberichtdes Akademischen Vereins für jüdische Geschichte und Literatur in Berlin." Voran steht ein Bortrag des Herrn Di-. David Cassel: „Die Armenverwaltung im alten Israel", in welchem ausführlich über den betr. Gegenstand nach dem mosaischen Gesetze gehandelt wird. Dieser Verein, der sich „die Verbreitung der Kenntniß jüdischer Geschichte und Literatur unter den Studenten aller Fakultäten der Berliner Universität und engen Anschluß der Vereinsmitglieder an einander zur Förderung der Freundschaft, Geselligkeit und des gemeinsamen wissenschaftlichen Strebens" zum Zweck gemacht, ohne irgend „eine exclusive Stellung in religiöser oder politischer Beziehung einzunehmen", hat einen regen Fortgang, ohne jedoch den gewünschten Umfang an Mitgliedern bis jetzt erlangt zu haben. Denn außer zwei Ehrenmitgliedern Dr. D. Cassel und Di-. H. Ritter zählt der Verein 14 „alte Herren" und 14 active Mitglieder. Das Verzeichniß der Vorträge, im Sommersemester 1885 7, im Wintersemester 1885—86 11, im Sommersemester 1886 3 und im Wintersemester 1886—87 wieder 11, zeigt uns das Interesse des Vereins an allen Epochen und Erscheinungen unsrer Geschichte und Literatur aufs Lebhafteste. Dabei sind nur zwei Borträge von den genannten Ehrenmitgliedern, die anderen von den activen Mitgliedern und den alten Herren (früheren Mitgliedern) gehalten ioorden, stets aber ist die Selbstthätigkeit das wirksamste Mittel, um das Interesse zu erhalten und das Studium anzufeuern. Wir gewahren deshalb mit Vergnügen Studirende der Medicin und der Jurisprudenz unter denen, welche Vorträge aus dem Gebiete, welches der Verein anbaut, gehalten haben. — Der „ Studien- und Arbeitsbeförderungs-Berein" für Israeliten in Bayern" hatte, um seine Mittel zu vergrößern, im vorigen Jahre einen Aufruf erlassen, um menschenfreundlich gesinnte Glaubensgenossen zur Theilnahme als Mitglieder zu bewegen. Wie der eben veröffentlichte Bericht über das Jahr 1886 bemerkt, hat dieser Aufruf einen guten Erfolg gehabt, die Mitgliederzahl hat sich vermehrt und Spenden und Geschenke fanden sich ein. Allerdings ist hiermit noch nicht genug geschehen und der Verein ist noch lange nicht im Stande, alle die Gesuche zu befriedigen, die an ihn gestellt werden. Im vorigen Jahre vertheilte er Stipendien an 13 Handwerker, 8 Candidaten der Medicin, 1 der Mathematik, 2 der Theologie, 4 der Jurisprudenz, an 2 Academiker, 12 Polytechniker, 1 Thierarzneischüler, 4 Candidaten der Pharmacie, 3 Gymnasiasten, 3 Musikschülerinnen, 1 Musikschüler, 1 Lehrerseminaristen, 1 Cantor und Lehrer, zusammen 2700 Mark. Bon den Einnahmen konnten noch für 500 Mark Pfandbriefe erworben werden und 611 Mark blieben Cassabestand. Das Vermögen des Vereins beläuft sich auf 27,000 Mark. Aus obiger Vertheilung ersieht man, daß der Vorstand mit Umsicht alle Zweige der Arbeit, der Wissenschaft und Kunst nach Maßgabe seiner beschränkten Mittel bedenkt, und kann man deshalb nur wünschen, daß dem Vereine immer mehr thätige Theilnahme zugewendet werde. — Der israelitische Unterstützungs-Verein zu Wiesbaden hat seinen 16. Rechenschaftsbericht und zwar für das Jahr 1886 erstattet. Mit Vergnügen heben wir hervor, daß dieser Bericht die Befriedigung ausspricht, die der Vorstand aus dem Anwachs der Mitglieder und aus der Ausdehnung seiner Thätigkeit geschöpft hat. Wiesbaden ist bekanntlich Kurort,