Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1887)
- Date
- 1887-04-07
- Page
- Seite 212 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227678--44312-3266584- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
212 mehr wiederkehren. Diese Kunst ist bis zur Stunde noch unter uns im Schwange. Ich habe zum Beispiel erfahren, wie ein gewiffer Eleazar aus unserm Volke in Gegenwart Bespasians und seiner Söhne, sowie seiner Obersten und einer Menge von Kriegsleuten, Alle, die von bösen Geistern besessen waren, von diesen befreite. Sein Verfahren dabei war Folgendes. Er hatte unter seinem Fingerringe eine von den Wurzeln, die Salomon angegeben hatte, hielt den Finger an die Nase des Besessenen, ließ diesen an der Wurzel riechen und zog dann den bösen Geist durch die Nasenöffnung heraus. Der Mensch fiel sogleich hin und man hätte schwören sollen, er wäre trotz Salomon und der von ihm verfaßten Beschwörungen nicht wieder zu sich selbst gekommen. Um aber die Anwesenden durch den Augenschein zu überzeugen, daß er Macht über den bösen Geist habe, setzte Eleazar nahe vor die Besessenen einen Becher voll Wasser oder ein Waschbecken und befahl dem bösen Geiste, beim Ausfahren aus dem Menschen dies umzustoßen und so die Zuschauer zu überzeugen, daß er denselben verlassen habe." Diese Stelle ist viefach lehrreich, besonders auch hinsichtlich vieler Stellen in den Büchern des Neuen Testaments. Der Aberglaube an Geister und Dämonen, an Beschwörungen und Besprechungen war also in der jüdischen Masse zu jener Zeit verbreitet und auch von den Gebildeten getheilt. — Uin so weniger ist es auffallend, daß einige Jahrhunderte später in den talmudischen Schriften die magischen Kuren und die abenteuerlichsten Ansichten von den Ursachen und den Heilmitteln der Krankheiten keine geringe Rolle spielen. Finden wir doch dergleichen in demselben Zeitalter auch bei dem medicinischen Schriftsteller Aettius (um 500 n. d. gew. Ztr.). Allerdings verbietet der Talmud Zauberei, emoritischen, d. h. heidnischen Aberglauben und heidnische Gebräuche Ohdn on), und zählt eine Menge einzelner Dinge auf, die dahin gehörten (Sabb. 67, 1.). Dem ungeachtet wird der Wahnglaube an Talismane, Amulete, Kamaien als Verhütungs- und Heilmittel gegen Krankheiten, Zaubereien, Wirkungen des Neides u. s. w. ausrecht erhalten. Diese Amulete bestanden entweder aus Pergamentstreifen, mit besonderen Sprüchen beschrieben, oder Wurzelbündelchen in kleinen dreieckigen Säckchen. Eine lehr' reiche Stelle hierüber findet sich i. Sabb. VI, 8, d.: „Ein Arzt ist beglaubigt, sobald er sagt: dieses Amulet ist ein bewährtes (-noiD Nyop), da ich zwei und drei Heilungen mit ihm bewirkt habe." Desgleichen wird verboten, am Sabbath ein Amulet zu tragen, das nicht von einem bewährten Arzte herrührt (Sabb. 60, 1.). Hieraus ersieht man, daß das Anfertigen und Empfehlen von Amuleten zu den Thätigkeiten und der Kunst der Aerzte gehörtes) 1) Nur zur Charakterisirung hier einige Beispiele solcher magischer Kuren. Bleibt Jemandem ein Knochenstück im Schlunde Kaum aber war das Licht der Wissenschaft auch in die Kreise der Bekenner des Judenthums gefallen, als von all' diesem Aberglauben nichts mehr zurückblieb. Der große Maimonides (geb. 1135), in seinen späteren Lebensjahren Leibarzt des Sultans Saladin, ein der Autorität der Tradition gewiß ergebener Mann, hat auch medicinische Schriften verfaßt, namentlich „das Buch der Aphorismen", in welchem er zu den Wegen des Hippokrates, Aristoteles und Galen zurückkehrt, und entschieden gegen alle Amulete und magische Kuren auftritt. Ueberhaupt drangen die vielfachen im Talmud empfohlenen abergläubischen Heilarten nicht ins Volk und geriethen bei den orthodoxen Rabbinen in Vergessenheit, weil diese die Hagada mißachteten und sich lediglich mit der Halacha beschäftigten. Auch bei den späteren jüdischen medicinischen Schriftstellern ist dieser Aberglaube nicht gepflegt worden. Er machte sich jedoch später durch die Kabbala wieder geltend, durch welche die Talismane und Amulete wieder eine große Ausbildung und Verbreitung fanden, wobei namentlich ein großer Mißbrauch mit den Namen Gottes getrieben wurde, welche in den mannigfaltigsten und sonderbarsten Formeln und Verschlingungen angebracht wurden, und denen dann eine außerordentliche, ja wunderbare Heil- und Schutzkraft zugeschrieben ward. Allein gerade dieses erweckte den Eifer der rein orthodoxen Rabbinen, zwischen denen und den Kabbalisten und den kabbalistisch angehauchten Rabbinen, wie z. B. R. Jonathan Eibenschütz, ein heftiger Kampf entbrannte, der mit der Beseitigung des kabbalistischen Aberglaubens endigte. Im Volke hatte er allerdings noch einige Nachwehen, die sich jedoch mit dem Erwachen der Aufklärungsperiode verloren. In unserer Zeit sind sie gänzlich in Vergessenheit gerathen. Wir glauben hiermit geschichtlich nachgewiesen zu haben, was wir als These vorangestellt hatten. Im Judenthume erlangte der Aberglaube niemals einen dogmatischen Werth, eine dogmatische Autorität; niemals vermochte er als ein Glaubenssatz aufzutreten und die Geister zu binden. Was er materiell an Boden zeitweise gewann, verlor er alsbald stecken, so nehme man ein Stück desselben Knochens, lege es ihm auf den Kopf und spreche: nn in n'ra y^a yb rrm nn in. Ist es eine Fischgräte, so sage man: fw fO’ty D’inD nn^yjj unoi «nayr. Ebenso werden unsinnige Sprüche gegen Eitergeschwulst, Blatterrose, gegen das Besessensein u. s. w, niitgetheilt, z. B. Sabb. 77, 2. Von den abenteuerlichen Heilungen seien als Beispiele erwähnt: Wird Jemand von einer Schlange gebissen, so nehme man den Fötus einer weißen Eselin, spalte ihn, und lasse den Gebissenen sich daraus setzen. Gegen Nachtblindheit nehme man eine aus Thierhaaren verfertigte Schnur, binde das eine Ende um den Fuß des Kranken, das andere Ende um den Fuß eines Hundes, dann läßt man von Kindern hinter dem Hunde her ein Geräusch mit Scherben machen und spreche: in nd:n ndn