Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 14 (7.4.1887)
- Date
- 1887-04-07
- Page
- Seite 211 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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211 Frankreich heute mit dem Generalresidenten, Herrn Massicault in Paris haben wird. Wir wollen noch hinzufügen, daß man sich nicht täuschen darf über den Charakter der Unruhen, welche Tunis erregt haben. Man hat das starke Wort „antifranzösische Kundgebung" ausgesprochen; es bedarf der Unkenntniß der Lage, um in dieser Sache von Seiten der tunesischen Israeliten etwas anderes zu sehen als eine Vertheidigung ihrer Rechte; die tunesischen Israeliten lieben Frankreich und sind ihm ganz ergeben; man würde das wohl sehen, wenn man die Naturalisation freistellen würde. Unglücklicherweise schließt der Entwurf betreffend die Naturalisation in Tunesien die Tunesier von der Möglichkeit aus, die Eigenschaft als Franzosen zu erlangen. Es ist unglaublich, aber es ist so! Es ist eine Absurdität; man fürchtet die Eigenliebe des Bey zu verletzen durch Wegnahme der Unterthanen! Wir hoffen, daß die Regierung es sich zweimal überlegen wird, bevor sie einen Entwurf annimmt, der dem gesunden Menschenverstand so widerspricht. Machen wir dort unten so viel französisch als möglich; es steht uns frei, die Bedingungen des Aufenthalts, des Unterrichts, der Moralität daran zu knüpfen. Wir haben es nöthiger als je in diesem Lande, wo das italienische Element das französische mindestens um das drei- bis vierfache überwiegt. Und wenn in diesen letzten Tagen antifranzösische Kundgebungen stattfanden, so kamen sie nicht von den tunesischen Israeliten, sondern von den italienischen, die zur Vertheidigung ihrer Gebräuche die Zusage der Schutzverträge angerufen haben und sich erinnerten, daß sie gleichzeitig Israeliten und auch Italiener seien. Die italienischen Israeliten lieben Frankreich nicht, das läßt sich begreifen; aber behandeln wir darum die tunesischen Israeliten mit desto größerer Rücksicht und Wohlwollen, die für uns die größte Sympathie hegen. Wir ziehen den Schluß: 1) facultative Mitwirkung des Leichenbestattungs-Dienstes; 2) Schaffung eines Consistoriums; 3) persönliche und facultative Naturalisation für die französische Regierung der tunesischen Israeliten unter gewissen Bedingungen (wie übrigens der Araber, wenn es ihnen beliebt.) Und vor Allem, civilisiren wir schnell dieses so thätige, so intelligente Volk; thun wir das, was dort erst in rudimentärer Weise geschehen ist durch einen Director, der nicht genug Initiative Hot, wenn auch viel Eifer: geben wir ihnen Schulen! 8. (Ueber den Verlauf der Unruhen siehe Zeitungsnachrichten aus Tunis.) Bonn, 2. April. Aberglaube im Iudenthume. Dem jüdischen Stamme gebührt zweifellos die Anerkennung, daß er, seine Lehrer und seine Volksmasse, seit den Tagen des babylonischen Exils voll und ganz dem reinen Gottesbegriffe anhing und mit großer Sorgfalt die beiden ersten der Zehn Gebote befolgte, so daß bis heute in den Synagogen niemals Abbildungen irgend einer Art gefunden wurden. Dies verhinderte jedoch nicht, daß auch in das Judenthum, wie es unter den Völkern der mannigfaltigsten Culturstufen bestand und die finsteren Zeiten der allgemeinen Unwissenheit und Barbarei durchzumachen hatte, Aberglaube eindrang und zu Mißbräuchen und extravaganten Vorstellungen veranlaßt. Wir können aber aus der Geschichte constatiren, und dies ist der Zweck unsres heutigen Artikels, daß stets vor dem Lichte der Cultur, vor der Entwickelung der Bildung dieser Aberglaube aus dem Judenthume, aus seinen Lehrern und seinem Volke, immer wieder schwand und keine tieferen Spuren hinterließ. Wie vor den Sonnenblicken der Propheten aller götzendienerische Spuk, aller heidnische Aberglaube — bis auf das Werfen von Stäbchen zur Erforschung der Zukunft — zurückwich, so später vor der Leuchtkraft der Wissenschaft, vor der Wirkung der Verstandesthätigkeit. Wir wollen hierfür einige geschichtliche Beispiele anführen. Seit alter Zeit hatte sich der Aberglaube besonders der Krankheiten, ihrer Ursachen und Heilungsarten bemächtigt trotz der wissenschaftlichen und erfahrungsmäßigen Medicin des Hippokrates, Celsius, Aretäus, Galen ff. finden wir iu der Naturgeschichte Plinius des Aelteren (si. 79 nach d. gew. Zeitr.), der doch von der hellenischen Literatur die ausgedehnteste Kenntniß besaß, die abergläubischesten und ungeheuerlichsten Heilmittel angeführt, und zwar mit der zuversichlichtsten Miene. Es wird uns daher nicht verwundern, wenn wir bei dessen Zeitgenossen, dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus, ähnlichen Meinungen begegnen und zwar mit der Bemerkung, daß sie bei den Juden im Schwange seien. Wir dürfen dabei nicht vergessen, daß die letzteren aus Babylon Vieles mitgebracht, was ihrem eigentlichen Religionsfond und ihren ursprünglichen Sitten nicht entsprach. So die Ausbildung der Engellehre zu ganz bestimmten Personificationen mit Namen wie Michael, Gabriel, Uriel, und daß die lebhafte Verbindung mit jenen Ländern auch weiterhin solche Zufuhr ermöglichte. Im 8. Buche Kap. 2 der „jüdischen Alterthümer" des Josephus, wo er vom Könige Salomo handelt, sagt er: „Selbst von der Geisterwelt gab Gott zum Nutzen und zum Dienste der Menschheit ihm Kunde. Er hinterließ nämlich Sprüche, um Krankheiten zu beschreien, und Beschwörungsformeln, womit man den bösen Geistern eine solche Gewalt anthun kann, daß sie nie 14*