Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1887)
- Date
- 1887-03-31
- Page
- Seite 204 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227677--44303-3266574- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
204 Spitzers war aber bereits damals eine so anerkannte, daß der Untersuchungsrichter Graf Leo Thun ihm eine ordentfiche Professur am Polytechnikum antragen ließ, allerdings unter der Bedingung des Confessionswechsels, den Spitzer aber entschieden ablehnte. Im Jahre 1858 wurde der junge Gelehrte zum Professor für Merkantilrechnen an der Handelsacadenne in Wien ernannt. Die Lchrthätigkcit Spitzer's erstreckte sich alsbald auf alle Zweige dieser Wissenschaft. So bekleidete derselbe die Stelle eines Professors der analytischen Mechanik an der technischen Hochschule, ferner die eines Professors für kaufmännische und polytechnische Arithmetik an der Wiener Handels-Academie, er gehörte der Prüfungscommission für Lehramtscandidaten der Handelsschulen an und bekleidete zugleich den Posten eines Directors in der Hypothekenbank. Die schriftstellerische Thätigkeit Spitzers war eine überaus reiche und ergiebige, er hat mehrere bedeutende Werke und eine große Anzahl mathematischer Abhandlungen veröffentlicht. Bor mehreren Jahren machte eine Polemik Spitzers mit dem Mitgliede der Academie der Wissenschaften, Herrn Joseph Petzval, großes Aufsehen. Letzterer hatte eine Entdeckung Spitzer's, eine „Fntegrationsmethode zur Lösung einer gewissen Gattung linearer Differential-Gleichungen" unberechtigt für sich in Anspruch genommen. Professor Spitzer hat für das practische Leben überaus werthvolle Werke geschaffen. Seine „Berechnungen der Looswerthe in Oesterreich", seine Amortisations-Tabellen sowie die verschiedenen, geradezu genialen Berechnungen der Staatswerthe für's praktische Leben haben die Anerkennung der Fachkreise gewonnen und allgemeine Beachtung gefunden. Die mathematischen Arbeiten von Simon Spitzer sind zahllos, wir erwähnen die hervorragendsten: „Die allgemeine Aufklärung der Zahlengleichungen mit einer und mehreren unbekannten", „Anleitung zur Berechnung der Leibrenten und Anwartschaften", „Anleitung zur Berechnung der im Wiener Coursblatte notirten Papiere nebst einem Anhänge über Prämien, Tabellenüber Zinseszinsen und Rentenrechnung". In den Denkschriften der kaiserlichen Academie der Wissenschaften, in den Sitzungsberichten derselben, finden sich überall Spuren der Spitzer'schen Arbeit. Professor Spitzer schrieb „Bemerkungen zur Theorie des Größten und Kleinsten", stellte zahlreiche wichtige Grundsätze in der höheren Mathematik auf, welche die weiteste Verbreitung fanden. In der Tagespresse stellt er sich mit den geistvollen Aufsätzen ein, so über „Die Leidenschaft in der höheren Mathematik" und auch in der französischen, englischen, italienischen und russischen Literatur fanden seine Werke Beachtung und Verbreitung in zahllosen Uebersetzungen. — In Frankfurt verschied, wie dasselbe Blatt berichtet, Geh. Commerzienrath Jacques Reiß, nachdem er am 3. d. M. seinen achtzigsten Geburtstag im Kreise aller der Seinen hatte begehen können, am Herzschlage; seine ihm bis ins hohe Alter treu gebliebene Rüstigkeit hatte er erst in allerletzter Zeit etwas eingcbüßt. Am 3. März 1807 in Frankfurt geboren, war er aus einem Familienkreise hervorgegangen, welcher u. a. den Mittelpunkt von Ludwig Börne's Verkehr in dessen Jugend gebildet. Mit seinem vor zwei Jahren verstorbenen Bruder Enoch Reiß war er schon frühe der Begründer einer jener Weltfirmen, durch welche deutscher Unternehmungsgeist der europäischen Industrie den Markt von China und Japan eroberte. Die von hier aus begründete Firma von Reiß Brothers hat gegenwärtig ihre Häuser in Manchester, Birmingham, Bradford, London und Iokohama, welche alle unter der Leitung der Söhne und Neffen des Verstorbenen stehen. Mit Jacques Reiß verliert unsere Stadt wieder einen jener Bürger, deren Leben und Wirken im alten Frankfurt wurzelte und die den durch ihre Thatkraft und ihre Umsicht gewonnenen Besitzstand gerne allen gemeinnützigen Unternehmungen der Vaterstadt zu Gute kommen ließen. Der Verstorbene war während seines thätigen Lebens vorübergehend Mitglied des früheren gesetzgebenden Körpers und bis zum Jahre 1866 Mitglied des 51er Ausschusses. Bei einer großen Reihe industrieller Unternehmungen und Verwaltungen hatte er bedeutenden Antheil, so bei der Frankfurter Bank, der Versicherungsgesellschaft „Deutscher Phönix", der Oberurseler Baumwollspinnerei, der Kronberger Bahn, welche letztere hauptsächlich durch ihn in's Leben gerufen war rc. Durch sein reges Interesse an allen vaterstädtischen Sachen, sowohl auf dem Gebiete der öffentlichen Wohlfahrt als der Kunst, genoß Jacques Reiß die allgemeine Achtung und Beliebtheit in außerordentlichem Maße. Auf seiner schloßartigen, vom Architecten H. Burnitz gebauten Villa Schönbusch in Kronberg finden sich viele Zeugnisse seines fördernden Interesses für die Bestrebungen der Künstler und speciell der Frankfurter Künstler. Bei den Mitgliedern der hiesigen Künstler-Gesellschaft werden die Sommerfeste, welche vor etlichen Jahren in den Parkanlagen seiner Kronberger Besitzung stattgefunden haben, unvergessen sein. — Aus Frankfurt a. M. schreibt man: Am 15. ds. starb nach kurzem Krankenlager Herr vr. Berthold Ster», Lehrer an der Realschule der israelitischen Gemeinde. Am 22. October 1849 in Schwerin geboren, studirte er in, Göttingen und Berlin und besuchte dann eine Zeitlang das College de France und die Sorbonne zu Paris. Nachdem er die Facultas für Deutsch und die neueren Sprachen erlangt hatte, unterrichtete er ein Jahr lang an der Jacobson- Schule zu Seesen. 1873 kam er nach Frankfurt an die Realschule der israelitischen Gemeinde, wo er hauptsächlich die neueren Sprachen lehrte. Er war ein trefflicher Lehrer, ein tüchtiger Pädagoge und ein guter Mensch. — Am 11. d. verstarb in Berlin der Commissionsrath Johann Hoff, der Erfinder des Malzextractes, der durch seine ausgedehnte