Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1887)
- Date
- 1887-03-31
- Page
- Seite 201 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227677--44300-3266571- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 1× ep/1000826
OCR text
201 schädigen, und bringen Anträge in das Haus, die keine Unterstützung finden. So auf Erwerbung einer Deportationsinsel, wohin diejenigen mindestens auf 6 Monate gebracht werden sollen, welche in der Presse Unwahrheiten Vorbringen. Der Antrag wurde nicht unterstützt. Natürlich rechnen sie darauf, daß ihr Antrag — aber er macht doch einiges Aufsehen — in's Wasser fällt, denn Niemand würde die Insel mehr bevölkern als die Antisemiten mit ihren beständigen Preßsünden. Noch ein anderer Antrag. Schönerer brachte einen Börsensteuer-Gesetzentwurf ein, der ein Curiosum, die reine Posse oder Travestie ist. So fordert z. B. § 3, daß zur Erlangung der Mitgliedschaft an einer Börse die Leistung eines Sicherstellungserlages („deutsch" statt Caution) in der Höhe von 10 000 fl. erforderlich sei. Damit wäre die Börse überhaupt existenzunfähig und der kleine Speculant ausgeschlossen. Aber Schönerer geht noch weiter. Er will die Juden von der Börse ausmerzen, indem er in der Begründung seines Antrages sagt: „Soll die Durchführung des vorgeschlagenen Gesetzes überhaupt möglich sein, so ist es unerläßlich, daß der Abschluß der Börsengeschäfte ausschließlich durch beeidete Makler erfolgt. Die Antragsteller können es nicht unterlassen, an dieser Stelle ausdrücklich zu erklären, daß sie die Anstellung Von Juden als Makler für unstatthaft erachten, daß sie jedoch die Aufnahme einer diesbezüglichen Bestimmung unterlassen haben, weil sie sich Vorbehalten, ein Gesetz über die Unzulässigkeit der Anstellung von Juden in Stellungen mit amtlichem Charakter in Vorschlag zu bringen." Ewig schade um die Druckkosteu, welche die vielen Anträge Schönerer's bereiten! Wien, 23. März. (Privatmitth.) Folgende Notiz, die im „Vaterland", dem Organe der österreichischen Clerikalen sich findet, verdient weitere Verbreitung: „Aus einer österreichischen Universitätsstadt wird uns von gut unterrichteter Seite geschrieben: Es dürfte Sie vielleicht interessiren, daß kürzlich wegen Berufung eines hiesigen Professors von Berlin bei maßgebenden Persönlichkeiten Erkundigungen eingezogen worden, ob die in Aussicht genommene Persönlichkeit Jude oder auch nur getauft sei; darum erkundigt man sich allerdings bei uns auch, nur scheint bei uns der Jude in der Regel vorgezogen zu werden." Die Nachricht ist jedenfalls richtig, da dieser Correspondent ohne Zweifel in näherer Fühlung mit academischen Kreisen steht, da z. B. der antisemitische Professor Wehrmund, der Benedictiner Gitlbauer, beide in Wien, ihre Geistesproducte mitunter im „Vaterland" deponiren. Die Geschichte dürste sich vielleicht auf die Besetzung der in Berlin erledigten Stelle für Gynäkologie beziehen, für welche uian etwa in Wien jemand in's Auge gefaßt haben wird. Neu ist jedenfalls die Thatsache, daß selbst die Taufe nicht mehr genügt, um Jemanden von dem Geburtsfehler des Jndenthums rein zu waschen, daß man sich also ganz im Fahrgeleise der antisemitischen Rassentheorie bewegt. Alt hingegen ist die jesuitische Persidie, welche die Dinge mit absichtlichen Verdrehungen darstellt, um sie für ihre Zwecke auszubeuten. Es gehört eine Stirn dazu, zu behaupten, daß bei uns in Oesterreich für irgend ein staatliches Amt das Judenthum eine Empfehlung vorstellt. Mußte doch der gewesene Unterrichtsminister v. Conrad selbst die Behauptung revociren, daß für die Besetzung des academischen Lehrstuhles nicht die Confession, sondern die Tüchtigkeit ausschlaggebend sei, obwohl man sehr wohl weiß, daß selbst diese Aeußerung nur cum grano salis wahr ist, d. h. nur insofern, als ein Jude sich um die Wissenschaft solche Verdienste erworben hat, daß man füglich ihn nicht umgehen zu können meint. Werthvoll ist uns jedoch, diese Herren so auf der frischen That der Lüge ertappt zu haben. Italien. Rom, im März. Wenn das ausgestreute Gerücht, König Humbert habe die Vorschläge des Ministerpräsidenten Depretis zur Bildung eines neuen Ministeriums deshalb abgelehnt, weil der mitvorgeschlagene Luzzatti Jude sei, noch irgend welchen Glauben gefunden, so wird es durch eine Veröffentlichung des officiösen Popolo Romano vom 25. Jan. völlig beseitigt. Es heißt da: „Der unerwartete Entschluß des Herrn Depretis (auf das Mandat zum neuen Ministerium zu verzichte») hat zu verschiedenen Gerüchten über die etwaigen Ursachen Anlaß gegeben, welche jeder Begründung entbehren. Wir sind in der Lage auf das Entschiedenste und Formellste zu dementiren, daß die Candidatur des Herrn Luzzatti für j das Portefeuille des öffentlichen Unterrichtes im Quirinal Opposition gefunden habe. Se. Majestät der König hatte nicht nur Herrn Depretis lote üblich die vollkommenste Freiheit in der Wahl ohne jede Begrenzung oder Beschränkung gelassen, sondern er hatte sogar alle Vorschläge genehmigt, welche von jenem gemacht worden." Auch das ist falsch, daß der König Victor Emanuel 1873 den Herrn Mauroganatv nicht als Finanzminister zugelassen habe, weil dieser Jude sei, sondern im Gegentheil der König forderte damals selbst Mauroganatv auf, das Portefeuille zu übernehmen." Rußland. Riga, im März. (Privatmitth.) (Die Juden in Eft-, Liv- und Kurland.) Die „Russisch-Baltischen Blätter" beschäftigen sich in ihrem eben jetzt zur Ausgabe gelangten 2. Hefte mit der politisch wichtigen Frage, in wie weit die russischen Ostsee-Provinzen Liv-, Est- und Kurland noch heute eigentlich Deutsche Provinzen sind und weist in beachtenswerther Weise nach, daß die Juden auf die Be- I.!