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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-03-31 · Heft 13 (31.3.1887) · p. Seite 197

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 13 (31.3.1887)
Date
1887-03-31
Page
Seite 197 (sequence 5)
Language
German
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197 Brünn, 23. März. Eine jüdische Tractatengesellschaft. Bon vr. G. Deutsch. Unseren Theologen fehlen hauptsächlich zwei Vorzüge, ivelche die Seelsorge anderer Confessionen auszeichnen, nämlich das Vermögen, ihre Action zu erweitern und ihr Wissen zu popularisiren. Das Ganze scheint ein traditionelles Uebel zu sein. Unsere Altvordern haben auch nicht sonderlich Werth darauf gelegt, von der großen Menge verstanden zu werden. Und ebenso gehört leider die Weltflucht der Rabbinen zu den ererbten Uebel». Ihr stetiger Wunsch war, ungestört den Studien obliegen zu können, und die Welt störte sie ungern darin; so hat sich ein Verhältniß der Passivität zwischen Rabbinen und Gemeinden gebildet. Unsere Gelehrten bearbeiten Themata, welche der großen Menge fremd sind, und unsere Rabbinen beschränken sich häufig mit Absicht auf die Wirksamkeit in der Predigt und im Unterrichte, sorgfältig vermeidend, durch Einmischung in die geselligen Verhältnisse Anstoß zu erregen, oder gar als Pfaffen oder Jesuiten verschrieen zu werden. Ein solches Verhältniß mag der Bequemlichkeit des Einzelnen höchst förderlich sein, indem es ihm die ganze Reihe von Unannehmlichkeiten erspart, welche mit jeder öffentlichen Stellung verbunden sind, und von welchen Niemand verschont wird, der im öffentlichen Leben seinen Gesinnungen durch Einwirkung auf Andere Ausdruck verleihen will. Eine andere Frage aber ist es, ob solche Utilitarier sich mit ihrem eigenen Gewissen, mit dem Gottesgerichte im Menschen abzufinden vermögen. Ich antworte verneinend. Zu diesen spricht der Herr: „Oh über Israels Hirten, die das Fell verzehren, in die Wolle sich kleiden, das Feiste schlachten und die Schafe nicht weiden" (Jechesk. 34). Das westeuropäische Judenthum ist in stetem Verluste und in fortwährender Zersetzung, das mögen leugnen, die sich begnügen können, durch Schönfärberei sich selbst zu täuschen. Wir aber sehen die Dinge tagtäglich vor Augen. Wir erfahren das aus den amtlichen Berichten, wie beispielsweise uns das statistische Jahrbuch der Stadt Wien 1886 meldet, daß 232 Juden aus dem Jndenthume ausgeschieden sind. Wir sehen häufig in unserem Gemeindeleben, wie die Opferwilligkeit, die Anhänglichkeit, die Werthschätzung des Judenthums unter der großen Menge zusehends schwindet, und wer sollte die Hand in den Schoß legen? Müßten wir nicht anwenden auf uns die Worte des Talmud Sotah 9, 6: „Was haben die Aeltesten gesündigt? Sie haben gesündigt, weil sie das Volk nicht belehrt haben." Wir dürfen uns nicht auf Predigten beschränken, wir müssen unter das Volk gehen, wir dürfen nicht warten bis man uns aufsucht, wir müssen dem Bedürftigen znrufen: „Komme, wer hungrig ist, sättige sich, wer dürstet." Das Judenthum ist keine propagandistische, keine missionirende Religion, aber in ihrem Kreise muß sie wirken. Die anderen Glaubensgenosfenschaften, die haben ihre Missionäre, ihre Missionsinstitute, wir aber begnügen uns mit gelehrten Schulen. Die anderen Confessionen, die eine fest geordnete Seelsorge haben mit genau vorgeschriebenem Wirkungskreise, mit genau abgegrenztem Sprengel, veranstalten außerordentliche Missionen, wir aber vermeiden es, uns zu zeigen, wo wir uns nicht zeigen müssen Darum, auf! laßt uns die Schläfrigen wecken. Wir können nicht immer zum Volke reden, wir können nicht mit dem Gelde frommer Aristokraten Männer besolden, deren Lebensberuf es ist, sich im Kreise des Volkes Gehör zu verschaffen. Wir müssen durch die Schrift wirken. Wir müssen wirken, denn bange Zeichen bietet uns die Zeit, der Eigennutz, der ungezügelte Egoismus entführt unseren Reihen alle Diejenige», die, geblendet vom Vortheil des Augenblicks, sich nach der Seite des Kreuzes kehren, wir können wirken, denn noch besitzt das Judenthum, Gott sei es gedankt, Männer genug, die mit Wärme des Gemüthes die geistige Begabung, das Gottesgeschenk, verbinden, um im Kreise der Ihrigen Erfolgreiches leisten zu können, und wir werden wirken, denn bei uns, mag es noch so sehr mystisch klingen, steht der Geist Gottes, der sich seinen Propheten offenbarte, der Allen, die treten in seinen Dienst, die Worte zuruft: „Und ich mache Dich heute zu einer festen Stadt, zu einer eisernen Säule, zu einer ehernen Mauer." Und alle die, welche befähigt sind, in Seinen Dienst zu treten, sie sollen ausrufen, sie sollen erfüllt und durchdrungen sein von den Gottesworten: „Meinen Rücken gebe ich denen preis, die ihn schlagen, und meine Wangen denen, die sie trafen, mein Angesicht habe ich nicht verwehrt vor Beschämung, vor Anspeien, aber der Ewige, er hilft mir, darum ward ich nicht beschämt, darum machte ich mein Angesicht gleich dem Kiesel, denn ich wußte, daß ich nicht zu Schanden werde." Das göttliche Reich auf Erden, es braucht menschliche Mittel, um unter Menschen zu wirken. Und darum ist unsere nächste Frage: „Wie sollen wir wirken?" Wir können wirken durch Wort und Schrift. Die Wirkung durch das Wort ist zum Theil naturgemäß beschränkt, indem sie sich nur auf die Glieder der Gemeinde und unter diesen nur auf die Besucher der Synagoge beschränkt und den zerstreut in kleinen Orten lebenden Juden überhaupt fern bleibt. Wir müssen also hauptsächlich darauf ausgehen, durch die Schrift zu wirken. Diese Schriften müssen zunächst in Betracht ziehen, daß unser Publikum der jüdischen Literatur nicht mehr das Interesse entgegmbringt, welches etwa noch in der Zeit des jüdischen Literaturvereins bestand, darum dürfen diese Schriften nicht gelehrt abgefaßt und nicht umfangreich sein, sie dürfen daher auch nicht buchhändlerische Speculation werden, denn sie müssen so billig sein, als die

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