Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1887)
- Date
- 1887-03-31
- Page
- Seite 196 (sequence 4)
- Language
- German
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196 vornherein den antisemitischen und orthodoxen Aufwieglern geschlossen entgegenstellte. Die meisten Anhänger fanden jene in der Klasse der Kleinhändler und der Handwerker. Es darf nicht übersehen werden, daß sich die jüdische Bevölkerung seit 1850 in Berlin erstaunlich vermehrt hat. Während die Juden im deutschen Reiche 1,1"/o ausmachen, bilden sie in Berlin gegenwärtig 4,6°/o der Gesammtbevölkerung der Stadt, und es sind 12^ der ganzen deutschen Judenheit, die in Berlin angesiedelt sind. Man ersieht leicht, daß dieses rasche Wachsthum nur durch das Zuströmen provinzieller Elemente bewirkt werden konnte, und thatsächlich sind es zu einem großen Theil wohlhabende Männer, die nach Berlin gehen, theils um sich in der Residenz ihres Wohlstandes zu erfreuen, theils um hier einen fruchtbareren; Boden für ihre gewerbliche Thätigkeit zu finden. Deshalb die allgemein verbreitete Meinung von dem reichen''Besitzstände der Juden, der natürlich noch viel mehr den Schein, als die Wirklichkeit für sich hat. Neid und Concurrenzhaß lhaten daher das ihrige, um dem Antisemitismus Anhang zu verschaffen und Tropfen seines Giftes in alle Gemüther zu flößen. Hinter dem Antisemitismus schritten nun die Conservativen vor und faßten in Berlin von Neuem Fuß. Mit der Zeit erfuhren sie, daß, was ihnen ihre ersten Schritte erleichtert hatte, bald mehr zum Hindernisse ward. Sie verläugneten zwar den Antisemitismus nicht, aber sie schoben ihn doch zur Seite, um alle diejenigen nicht abzustoßen, welche auf einen gewissen politischen Anstand halten. So ist gegenwärtig Berlin ein Tummelplatz dreier politischer Richtungen, des Fortschritts, der Socialdemokratie und der Conservativen. Zwar konnten die letzteren jenen beiden noch kein factisches Terrain abgewinnen, aber mit jedem Wahlkampfe vermehrt sich doch die Zahl ihres Anhanges, wobei natürlich die Veranlassung zur Wahl immerhin mitspielt. Zwischen solchen entschiedenen Parteien konnte, wenigstens bis jetzt, eine Mittelpartei der Nationalliberalen keinen Raum gewinnen, und sie vermochten noch niemals bei den Wahlen irgend ein Gewicht zu erlangen. — Als die antisemitische Fluth in Berlin im Steigen war, die Conservativen sie beförderten und benutzten, um in ein größeres Fahrwasser zu gelangen, die Nationalliberalen aber sich neutral verhielten und schwiegen, waren cs die Männer des Fortschritts allein, welche für die Gleichberechtigung und Gewissensfreiheit und gegen die Verlogenheit und Berfolgungssucht der Antisemiten mit aller Kraft auftraten. Was Wunder daher, daß die Berliner Juden sich dem Fortschritt anschlossen? Hier war es nun, wo jene zweite Eigenschaft der Berliner, das was in Berlin vorgeht auch in ganz Deutschland vorauszusetzen und die Zustände im deutschen Reiche lediglich als einen Abklatsch der Berliner zu betrachten, sich hervordrängte. Man kanr zu der Meinung und Behauptung, daß alle deutschen Juden einen einheitlichen politischen Körper bildeten und naturgemäß der Fortschrittspartei huldigten. Hiergegen streiten alle Thatsachen. Denn wo nicht wie in Berlin die allgemeine Strömung dem Fortschritt zugewendet war, wo der Antisemitismus sich nicht in gewissen Persönlichkeiten verkörperte und wo die Nationalliberalen ihren früheren Principien der Gleichberechtigung und Gewissensfreiheit entschieden treu blieben, da fanden sich überall, wie von Anfang an, so auch jetzt noch zahlreiche Juden in den Reihen der Nationalliberalen und selbst unter den Vorkämpfern für diese. Gleiches fand, wie zahlreiche Berichte zeigen, auch bei den jüngst vollzogenen Wahlen statt. In Berlin aber verkannte man dies. Gerade in der Residenz hatten die Kartellparteien zwar Stöcker, Wagner und Cremer aus der Wahlbewegung ausgeschieden, dafür aber andere ausgesprochene Antisemiten, wie Rechtsanwalt Wolf und Major a. D. Blume als ihre Candidaten aufgestellt. Diese Herren hatten zwar die Wahlzeit als „Schonzeit für die Juden" bezeichnet, jedoch die Absicht nicht verhehlt, nach Ablauf derselben ihren Streit gegen die Juden wieder anzuheben. Wie nun auch die Juden im deutschen Reiche für nationalliberale Candidaten, ja selbst für „anständige Konservative" stimmten, in Berlin waren sie darauf angewiesen, gegen diese antisemitischen Candidaten zu stimmen. Allerdings zeigte sich in einer gewissen kleinen, aber bedeutsamen Schicht der jüdischen Bevölkerung die Neigung, für Septennatscandidaten, und wären sie auch entschiedene Antisemiten, einzutreten. Die Mehrzahl verblieb auf der anderen Seite. Da erstanden wie bekannt zwei angesehene Professoren, welche ihre Glaubensgenossen aufforderten, selbst für diese Antisemiten zu stimmen, weil dies eine patriotische Pflicht sei. Wir brauchen den Jrrthum hierin nicht noch einmal nachzuweisen, wie dies bereits in dieser Zeit, geschehen ist. Der Patriotismus erfordert vor Allem, die principiellen Grundsäulen des Staates gegen die Maulwürfe zu schützen, welche sie unterwühlen und Umstürzen wollen. Abermals werfen die Herren Berliner die sämmtlichen deutschen Juden in den Berliner Topf, und Prof. Lazarus in der Meinung, so wie in Berlin stehe es im ganzen deutschen Reiche, richtete seine Broschüre an „die deutschen Juden." Hiergegen muß man protestiren, denn gerade auf diesem Wege wird die Behauptung von der politischen Uniformität der Inden aufrecht erhalten und dient den Antisemiten zu einem willkommenen Beleg für ihre Insinuationen von dem innigen Zusammenhänge der Juden unter einander und von deren Bestreben nach politischer oder gar nach der Weltmacht. Es mögen wohl diese letzten Vorgänge noch eine Zeit lang einigen Wellenschlag nach sich Ziehen, auch ein gewisses Ferment in die Weiterentwickelung der Verhältnisse werfen. Sicher ist nur, daß die Antisemiten in Berlin ihre Anstrengungen von Neuem beginnen, Boden in der Menge und in bet Gesetzgebung zu gewinnen.