Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1887)
- Date
- 1887-03-31
- Page
- Seite 195 (sequence 3)
- Language
- German
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195 Jeder größere oder kleinere Staat schuf sich in der Residenz seines Fürsten eine größere oder kleinere Metropole. Hier wurden Universitäten und Gymnasien gegründet, Theater und Kapellen errichtet, Kunstgegenstände und Bibliotheken gesammelt, kurzum die jeweiligen Ergebnisse der Bildung, der Künste und Wissenschaften fanden daselbst eine Pflanz- und Pflegestätte und übten so bildende Einflüsse auf das Volk des Landes oder Ländchens. Selbst in politischer Beziehung war die Kleinstaaterei zu Zeiten insofern vonNutzen, als in dem einen Lande Zuflucht fand, was nach der jeweiligen Strömung im anderen Lande der Verfolgung und Verbannung unterlag. Ohne uns ein Urtheil über kirchliche Dinge zu gestatten, war doch die Reformation nur durch die deutsche Kleinstaaterei möglich. Frankreich und Spanien rotteten den Protestantismus durch die einheitliche Gewalt des Staates aus. Seitdem Preußen die größte deutsche Macht wurde, wuchs Berlin mit großer Schnelligkeit an, und als dieses die Hauptstadt des deutschen Reiches geworden, schwoll es zur Millionenstadt an. Nichts natürlicher, als daß sich jetzt die Blicke von ganz Deutschland nach Berlin richten, wo Kaiser und Reichsregierung und Parlament ihren Sitz haben. Aber ein historischer Zustand läßt sich nicht leicht und schnell hinwegräumen, und so viel es auch aus allen deutschen Gauen nach Berlin strömt, die Stelle wird es schwerlich einnehmen, welche Paris für Frankreich, London für Großbritannien inne hat. Schon numerisch ist das Verhältniß ein anderes: Berlin befaßt ungefähr den 35. Theil der Gesammtbevölkeruug des deutschen Reiches, Paris den 1^., London sogar den 9. Theil der resp. französischen und großbritannischen Bevölkerung. Während neben Paris die übrigen Akademien kaum ein nennenswerthes Dasein führen, besitzt Preußen außer Berlin noch 8 Universitäten und 11 bestehen in den übrigen deutschen Staaten; darunter München und Leipzig, die an Zahl der Studirenden der Berliner nahe kommen. Ueberall Herbergen diese Universitäten Männer der Wissenschaft von höchster Bedeutung; überall werden an ihnen die wissenschaftlichen Institute mit großer Sorgfalt gepflegt. Es giebt immer Fakultäten auf der einen oder der anderen Universität, welche an Ruf der Tüchtigkeit die betr. Berliner übertristt. Schulen für Musik und plastische Künste giebt es außerhalb Berlins mehrere und von großer Anziehungskraft. Wer kennt in Frankreich außerhalb Paris ein Theater von irgend welcher künstlerischer Bedeutung? In Deutschland wetteifern mehrere Plätze um die hervorragenden Leistungen auf diesem Gebiete. Kunstgewcrbeanstalten und polytechnische Schulen finden sich in Deutschland an mehreren Plätzen. So baut der deutsche Geist auf dem geschichtlich gewonnenen Grunde weiter fort und läßt es nicht zu, daß in einer großen Stadt das Vehikel der gesammten Cultur und Bildung der großen Nation aufgerichtek werde, daß die Metropole des Reiches auch das Monopol der Cultur, der Wissenschaft und Kunst an sich reiße. Wer gerecht urtheilt, muß sagen, daß die preußische Regierung selbst, so große Fürsorge sie auch für die Berliner Institute hegt, dennoch die übrigen Pflanzstätten geistiger Bildung nicht vernachlässigt, sondern alle erforderlichen Opfer für sie zu bringen stets geneigt ist. — Alles dies verhinderte zwei Erscheinungen nicht, daß nämlich Berlin vorzugsweise ein Herd der politischen Leidenschaften geworden, und dann, daß die Berliner sich einbilden, das ganze Deutschland aufgesogen zu haben, so dafi alles außerhalb Berlins nur ein schwacher Abklatsch des Berliner Lebens und Schaffens sei. Die erstere findet sich auch in allen Weltstädten und wird wohl durch den Contact großer Massen, durch den Zusammenstoß viel verworrener Lebensverhältnisse und durch die Anwesenheit der regierenden Kreise hervorgerufen. Lange Zeit lebte in Berlin der „Fortschritt" gleichsam ein idyllisches Dasein. Er beherrschte unbestritten alle Wahlen in die städtischen Aemter, in das Abgeordneten-! haus und den Reichstag. Als aber die Residenzstadt sich i zugleich zur größten deutschen Industriestadt aufschwang, I emancipirte sich die Socialdemokratie vom Fortschritt und trat mit in den politischen Vordergrund. Die Ursache hiervon liegt in der mächtigen Ansammlung der Arbeiter innerhalb eines Stadtkreises, wodurch sic sich leicht zu organisiren vermochten. Das Resultat war, daß Fortschritt und Socialdemokratie im politischen Leben Berlins neben einander bestanden. Seit 1880 hat sich aber diese Physiognomie wieder verändert. Bis dahin waren die Conservativen kaum bemerkbar. Jetzt traten sie mit großem Geräusch auf, nachdem die Regierung sich ihnen wieder zugcwandt hatte. Der Weg aber, den sie beschritten, war ein eigenthümlicher. Sie versuchten durch den Antisemitismus das Volk für sich zu gewinnen und zugleich für die protestantische Orthodoxie zu werben. Wir brauchen hier auf das traurige Schauspiel nicht einzugehen, das durch die antisemitischen Hetzprediger in der „Stadt der Intelligenz" aufgeführt wurde. Dennoch müssen wir sagen, daß, obschon der Antisemitismus in Berlin seinen Hauptherd gefunden, er doch daselbst nur eine Unruhe auf der Oberfläche, nicht aber in der Tiefe bewirkte. Es gelang ihm nicht, irgend welche Massenbewegung gegen die Juden zu bewerkstelligen. Während die Brandreden eines Henrici in Pommern und Preußen einige Pöbelaufstände verursachten, welche jedoch bald durch die Regierungsorgane und den Strafrichter ihr Ende erreichten, ist in Berlin dergleichen niemals vorgekommen. Es war damals ein unbehagliches Leben für die Juden, aber wirkliche Mißhandlungen von Individuen fanden nur selten statt, was dadurch bewiesen ist, daß die Strafkammern mit sehr wenigen i solchen Fällen sich zu beschäftigen hatten. Ter Dank hierfür z gebührt besonders der Socialdemokratie, welche sich von 13*