Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1887)
- Date
- 1887-03-31
- Page
- Seite 194 (sequence 2)
- Language
- German
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194 Evans in russenfreundlichen Organen, wie im„Lobo“, wahrhaft mittelalterliche Wuthausbrüche gegen die Juden ergehen (Jahrg. 1877, Nr. 23). — Die Zeit ging darüber hinweg, ohne daß sich eine Wirkung von jenen Manövern verspüren ließ. Der Bruch in der liberalen Partei heilte aus, und Gladstone nahm wohl die liberalen Juden wieder mit Wohlgefallen in die Partei auf. Jüngst yun, da ein ähnlicher Vorgang wegen der bekannten Absichten Gladstone's, Irland von Britannien so gut wie unabhängig zu machen, sich in der liberalen Partei abspielte, fühlte sich Gladstone bewogen, in der „dlinstssntb Century“ in einer Abhandlung über Irland auch über die Juden zu sprechen. Er sagt: „Vor einiger Zeit warf M. Godwin Smith den Juden vor, daß ihnen der Patriotismus fehle, und diese Beschuldigung rief einen energischen Protest hervor. Gewiß ist es, daß dieses Volk, soweit wir cs kennen, bemerkenswerthe Tugenden besitzt und ich habe nicht die Ueberzeugung gewonnen, daß es die Fehler habe, die man an ihm bemerken will. Jndeß das kann nach meiner Meinung gesagt werden, daß es sich nicht vollkommen genug mit den anderen Engländern vermische, um alle die charakteristischen Merkmale zu verlieren, die sie von jenen unterscheiden. Der Jude bleibt immer Jude und trägt in sich ein besonders Gepräge, welches, um die Wahrheit zu sagen, nicht das Zeichen einer intellectuellen und moralischen Inferiorität ist. Ist es nicht wahrscheinlich, daß dieses Gepräge etwas Monumentales hat, wenigstens, daß es eine Wirkung der Verfolgungen darstellt, die durch das ganze Mittelalter stattgefunden, und die in dem jüdischen Charakter eine nicht oberflächliche, sondern sehr tief eingesenkte Spur hinterlassm haben." — Man sieht, daß die letzten zehn Jahre (seit 1876) auch an Mr. Gladstone nicht wirkungslos vorübergegangen. Von den früheren Anschuldigungen gegen die Juden, daß sie keinen Patriotismus besäßen u. dergl., keine Rede mehr. Sie besitzen ihre Tugenden, intellectuelle und sittliche, sie stehen keiner anderen Nation nach, und unterscheiden sich durch keine besonderen Fehler — aber sie haben ein eigenthümliches Gepräge, das „monumental" erscheint und aus den mittelalterlichen Verfolgungen herrührt — kurz, „der Jude bleibt immer Jude". Bei dieser Auseinandersetzung fällt uns alsbald Zweifaches auf. Zuerst, daß einem Staatsmann, der seit einem halben Jahrhundert das Geschick des Staates leitet, eines Staates, der eine außergewöhnliche Menge von Nationalitäten umfaßt, von der eisigen Nordgrenze Canadas bis zu den Inseln des Stillen Oceans, dessen Grundstock schon aus drei Stämme» von sehr verschiedenem „Gepräge" besteht, daß einem solchen Politiker ein an Zahl so überaus geringes Volkselement, wie die circa 50,000 Juden Großbritanniens bilden, als besonders bemerkenswerth erscheint und ihm den Begriff von einer monumentalen Ausprägung beibringt. Zu zweit, daß Gladstone so gut wie viele andere auf dem Continente so überaus ungeduldig ist, auch die letzte Spur einer Eigenthümlichkeit aus den Juden schwinden und sie vollständig in die allgemeine Masse aufgehen zu sehen. Wer unbefangen die Juden seit dem Beginn dieses Jahrhunderts beobachtet hat, dem können die außerordentlichen Veränderungen und Kulturfortschritte auch in der jüdischen Masse nicht entgehen, so daß jede jüngere Generation derselben von der vorangegangenen sich mehr unterscheidet, als ihr ähnlich ist. Oder haben denn dieselben Männer bei anderen Volkstheilen eine schnellere Entwicklung gesehen, eine gründlichere Veränderung, die sie berechtige, von den Juden im kürzesten Zeitraum eine durchaus gänzliche Umwandelung zu verlangen? Und endlich, ist denn eine Individualität, die, wie Gladstone anerkennt, intellectuelle und sittliche Tugenden besitzt und sich durch keine besonderen Fehler abzeichnet, in der Gesammtheit nicht allein vollberechtigt, sondern auch von Nutzen? Ist es nicht wünschenswerth, daß sie diese Tugenden von Geschlecht zu Geschlecht weiter übertrage und vermittelst derselben nach ihren Kräften wohlthätige Wirkungen übe? . . . Jedenfalls ist es erfreulich, einen so hervorragenden Mann von seinen früheren Vorurtheilen zurückgekommen und ein so günstiges Urtheil aussprechen zu sehen. In einem Staate, wie das britische Reich, ist es im Grunde kein Tadel, einem bestimmten Volkselemente eine gewisse Festigkeit in seiner geschichtlich gewordenen Individualität zuzuschreiben und die Briten sind es gerade, denen man in den Eigenthümlichkeiten ihres Charakters Conseqnenz, ja Unbeweglichkeit zuschreibt und die gerade aus diesem Grunde jede Eigenthümlichkeit zu schätzen missen, wenn sie keine schädlichen Tendenzen verfolgt. Berlin, 17. März. Äus Serlin. Man hat der deutschen Kleinstaaterei viel Böses nachgesagt, gewiß mit Recht. Kein unparteiischer Geschichtsforscher wird aber leugnen, daß sie auch mancherlei Nutzen geschafft und auf die Entwickelung der deutschen Bildung und die Cultur des deutschen Geistes und Charakters wohlthätige Wirkungen geübt hat. Wenn Jahrhunderte hindurch ein großes Centrum auf die übrigen Theile der Nation erdrückend wirkt, alle bedeutenden Kräfte an sich zieht und sich zum Schauplatz alles geistigen Strebens und Schaffens macht, so daß außerhalb desselben nichts in volle Blüthe schießen und zu guter Frucht reifen kann: so kann es nicht ausbleiben, daß eine einseitige Entwickelung Platz greife und viele lebensfähige Keime, die nicht bis zum Centrum gelangen können, untergehen. Wir habe» hiervon in Paris und fast ebenso sehr in London ein Beispiel. In Deutschland war es anders.