Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1887)
- Date
- 1887-03-24
- Page
- Seite 189 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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189 Philosophen der Griechen und in wie weit sie bei uns Widerhall und Nacheiferung gefunden. Meine Beschäftigung mit ihnen währte lange Zeit und nahm alle meine Muße in Anspruch, die mir mein Antheil an den Staatsgeschäften ließ. Ich studirte ihre Systeme eines nach dem anderen und so gründlich wie möglich, denn wie ich mich in eines derselben versenkte, glaubte ich einen Strahl der Wahrheit in meinen Geist aufzuuehmen. Aber es harrte meiner nur Enttäuschung. Denn wenn ich meinte, in dem einen System zu einem Ziele gelangt zu sein, trat das nachfolgende mit dessen vollem Gegensatz auf, senkte die Ergebnisse des Vorgängers in Zweifel und Verneinung und versuchte auf diesen Gedankentrümmern ein neues Bauwerk zu errichten, hinfällig wie das frühere vor den Keulenschlägen des folgenden Dialektikers. Das Ziel konnte nicht ausbleiben: Zuletzt gerieth man in die Selbstauslösung alles Wissens und Denkens, in den leeren Raum eines vollendeten Skepticismus, in welchem selbst das geleugnet ward, was ich sehe und greife. Einst! hatte man gesagt, daß Sokrates die Philosophie vom Himmel auf die Erde geholt habe. Aber mit seinem nächsten Schüler war dieselbe der Erde wieder entflohen und ich fand nirgends ein dauerhaftes Band zwischen den Gedanken dieser Philosophen und dem wirklichen Leben. Jeder spitzte aus seinen Voraussetzungen einen Grundsatz für das Leben zu, der bei dem nächsten Schritte in diesem unhaltbar und erfolglos erschien. Ich kann dir mit Worten nicht die Trostlosigkeit beschreiben, die mich nach dieser Erkenntniß, nach der gegewonnenen Ueberzeugung befiel, daß alle diese Bemühungen, im Schweiße meines Geistes zu einem sicheren Resultate zu gelangen, eitel gewesen" ... — Der Römer versank in Nachdenken, bis Baruch begann: „Herr, dem Menschen ist es zur Bestimmung gegeben. Vieles zu erstreben, was sich als eitel erweist, lange nachzujagen, was doch nur Haschen nach Wind ist. Davon bleibt Niemand frei, und wir müssen uns trösten darüber. Sieh, diese ganze Welt, die der Mensch um sich gebaut, und in welcher er nach Brod, Besitz, Ansehen, Macht jagt und alle seine Kräfte hieran setzt, ist doch nur eine Welt voll Eitelkeit und nichtigen Bestrebens; bauen wir doch, wie der hebräische Dichter sagt, nur Lehmhütten und Trümmer — wer aber kann und darf sich dem entziehen? Nun, wie im Weltlichen, so thuu wir auch im Geistigen viele vergebliche Schritte und sehen uns oft, wenn wir an einem Ziele angelangt zu sein wähnen, an den Anfang unserer Wanderung zurückversetzt. Es geschieht dies überall, wo uns der sichere Führer fehlt." — Der Greis hatte diese letzten Worte fast nur wie zu sich selbst gesprochen. Sein Zuhörer aber hatte wohl aufgemerkt und rief hastig aus: „Jawohl, der sichere Führer! Wo ist der aber zu finden? Giebt es einen solchen oder ist der Mensch verdammt, immer und ewig herumzuirren? ... Ich suchte auch fernerhin einen solchen Führer und wandte mich deshalb zu den Theosophen und Thaumaturgen, die so viel Lärm von sich machen. Hinweg mit .diesen Seiltänzern und Hanswursten! Dann suchte ich die Mysterien aller der Culte auf, die jetzt in dem allen Göttern zugänglichen Rom eine Stätte finden und ihr vielversprechendes Wesen in den entlegenen Winkeln der großen Stadt treiben, die griechischen, die sich mit einigen pomphaften Sentenzen begnügen, die Geheimnisse der Kybele, die doch nur ein unzulängliches Licht über das Werden als eine Naturgewalt ausstreuen, etwas, was wir ganz von selbst wissen, endlich die egyptischen, die ihre Weisheit in reiche fabelhafte Bilder hüllen, die, wie die ganze Lehre von Osiris, Isis, anderen Göttern und Thieren, die doch nur irgend eine Naturerscheinung wie Tages- und Jahreszeitwcchsel in Bildern darstellen und den Verstorbenen eine Verehrung widmen, die über das Gesetz der Verwesung hinausgeht. Nach allen diesen Versuchen, der Wahrheit auf die Spur zu kommen,! Verstand und Herz zu befriedigen, die in mir das Verlangen nur anspornten und zu keinem mich beruhigenden Ergebniß führten, wende ich niich jetzt zu Euch, Baruch. Man rühmt Euch, an der echten Quelle morgenländischer Weisheit geschöpft und Eure Lehre aus grauer Vorzeit durch alle Geschlechter unverändert erhalten zu haben, nicht durch Priesterjoch gebeugt, sondern bei freiem Geiste von Vater ans Sohn verpflanzend, was ein Jeder als zweifellos erkannt hat. Ihr lebt jetzt seit einem oder zwei Jahrhunderten in Rom, ohne Tempel und Altäre zu errichten, ohne Bilder eurer Götter aufzupflanzen, diesen statt der Opfer Gebete darbringend, und streng euer Gesetz beobachtend, mit Jedermann den Frieden suchend und von den Vergnügungen und Lüsten dieser Stadt euch fernhaltend. Darin, Freund, muß ein großer Gedanke enthalten sein und ein seltener Geist mich erfüllen. Diesen will ich kennen lernen und deshalb bin ich zu dir gekommen. Ich bin der Senator Markus Tribonius, der vor drei Jahren die Würde des Consuls bekleidete Daraus wirst du ersehen, daß du mir vertrauen kannst, daß ich in der reinsten Absicht zu dir gekommen. Wirst du meine Wünsche erfüllen?" — (Fortsetzung folgt.) Der Drofejsor GraMio Äseoli. (Nach dem Arch. isr.) Ein wissenschaftliches Jubiläum wurde jüngst in Mailand gefeiert. Es galt unserem Glaubensgenossen, dem Herrn Graziadia Ascoli, zum 25. Jahrestage des Beginnes seiner Vorlesungen in der wissenschaftlich-literarischen Akademie dieser Stadt. Seine zahlreichen Schüler und Bewunderer hatten beschlossen, ihm zu Ehren eine goldene Denkmedaille schlagen zu lassen, aber er hatte entschieden diese Ehre abgelehnt. Die Perseveranza hat einen Brief veröffentlcht, in