Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1887)
- Date
- 1887-03-24
- Page
- Seite 188 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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188 römischen Küste landete, dem suchten die römischen Juden nach Kräften zu Hilfe zu kommen. Schon der Prophet während des babylonischen Exils hatte dem jüdischen Volke zugerufen, wollt ihr Heil und Schutz bei Gott erringen, so befreiet Gefangene, speiset Hungrige, kleidet Nackende, führet den Hilfsbedürftigen in euer Haus! Und das Volk hatte diese Lehren in den Grund seiner Seele gedrängt und seitdem erachteten die Bekenner des Fudenthums als heiligste Pflichten, Gefangene zu befreien und Fremdlinge in ihr Haus aufznnehmen. Die ganze Gemeinde wie alle ihre einzelnen Mitglieder setzten Alles daran, von den kriegsgefangenen Juden durch Einfluß und Geschenke so viele wie möglich in Freiheit zu setzen, viele Sclaven zu erlösen, den Flüchtlingen eine Stätte zu bereiten und einen Erwerb zu verschaffen. Die reicheren unter ihnen streckten große Summen vor, aber auch der ärmste opferte seine Sesterzien und bei Mangel derselben seine persönliche Thätigkeit. Das Unheil, das die palästinensischen Juden betroffen, war sehr groß; aber ihm kam die Hilfsbereitschaft der Stammesgenossen gleich; viele. Schäden wurden ersetzt, doch der Geist der Liebe und Barmherzigkeit feierte hier inmitten blutiger Niederlagen schöne, verklärende Siege. Es war natürlich, daß von diesen Vorgängen mancherlei Kunde in das Publikum drang und wenn diese bei dem einen Theile Mißgunst und den Verdacht einer schädlichen Zusammengehörigkeit erweckte, so rief sie im anderen Theile Bewunderung hervor und die Erkenntniß, wie auch eine viel getroffene Körperschaft durch die thätige Liebe sich aufrecht erhalten und gedeihen könne. Es war in einer späteren Nachmittagsstunde, als ein stattlicher, reich gekleideter Römer in eine enge Nebengasse einlenkte, die niedrigen Häuser von rechts und links musterte und endlich auf die Pforte eines derselben zuschritt und kräftig anklopfte. Er mußte sich wohl über die Lage des Hauses, das er aufsuchte, erkundigt haben, da er in dieser entlegenen Stadtgegend, in dem Wirrsal enger Gäßchen keinen Bescheid wußte. Die Pforte öffnete sich von Innen und der Römer trat in das Innere, das an Einrichtungen und Maßen dem Aeußeren glich, doch aber eine gewisse Wohlhabenheit und besonders eine große Sauberkeit bekundete. Unser Römer war ein ältlicher Herr mit durchfurchtem Gesicht, einer mächtigen Stirn und großen stechenden Augen. Er mußte viel erfahren und viel gedacht haben. Seine äußere Erscheinung txug den Stempel der Würde, sowohl seines Ranges, als auch seines inneren Werthes. Ein Jüngling trat ihm entgegen und fragte nach seinem Begehr. „Ich möchte den Herrn des Hauses, Baruch ben Jeduthun heißt er wohl, sprechen." — „Das ist er," lautete die Antwort, und ich will Dich zu ihm führen." — Der Römer folgte dem Jüngling in das Atrium, wo ihm der Gesuchte entgegentrat, ein würdiger Greis mit langem silbernen Barte und gleichem Haupthaar, Ruhe und tiefe Gedankenschatten ausgeprägt auf dem bleichen Antlitz, von welchem zugleich ein milder, freundlicher Sinn ausstrahlte. Der Römer nannte seinen Namen und bat den Greis um einiges Gehör. Dieser führte ihn zu einem Sitze vor dem kleinen, doch mit frischem Rasenstücke, einigen Blumen und einem kleinen Springbrunnen geschmückten Hofe. „Es ist ein eigenes Verlangen," hob der Römer an, „welches mich zu Dir führt und das ich an Dich zu stellen mir erlauben möchte. Du wurdest mir als einer der bewährtesten Lehrer Deiner Gemeinde gerühmt und Deine Erscheinung hat mich mit besonderem Zutrauen erfüllt. Würdest Du mir gestatten, Dir eine offenmüthige Erklärung zu geben?" — „Als einen Lehrer meiner Gemeinde," lautete die Antwort, „lasse ich mich gern bezeichnen, denn diesen Ruf zu erfüllen war mein Bestreben von Jugend auf. Zu den bewährtesten getraue ich mich nicht zu zählen. Viele übertreffen mich an Kenntniß und Weisheit, und ich bin nicht einmal das Haupt eines Gerichtshofes. Doch bin ich gern bereit, wenn Du mich mit Deinem Vertrauen beehrest, Deine Wünsche entgegenzunehmen." — „Ich will mich möglichst kurz fassen. So weit meine Erinnerung zurückgeht, war ich von dem Verlangen erfüllt, Welt und Menschen zu erkennen und der Wahrheit über die übersinnlichen Fragen, die der Menschengeist nicht von sich abweisen kann, näher zu kommen. Frühzeitig verlor jener Wust von Wahngebilden, von sog. Göttergestalten, all' seinen Glanz, allen Glauben in meinem Geiste, jener Wust, welchem die bethörten Hellenen und nach ihnen meine geistesträgen Ahnen Altäre und Tempel errichten und von blödsinnigen Priestern Opfer darbringen ließen. Ich bekenne mich zu der Meinung Plato's, der die Poeten aus seiner Republik verbannen wollte, weil sie die Vorstellungen des Volkes von der Gottheit verwirren und das Gefühl für Recht und Unrecht verkümmern. Du kennst doch Plato und seine griechischen Genossen?" — Der Greis schüttelte das Haupt. „Ich kenne sie nicht und habe keine Gelegenheit gehabt, ihre Weisheit zu studiren. Uns ist es vorgeschrieben. Tag und Nacht in der Lehre Gottes zu forschen und sie nicht aus unsrem Munde und aus dem Munde unsrer Kinder und Kindeskinder zu lassen. Ihr werdet uns darob einseitig und beschränkt halten und habt vielleicht Recht. Aber unsre Lehre erfüllt und befriedigt uns so sehr, daß wir nach fremder Kost kein Verlangen tragen. Ich bemerke Dir dieses sogleich, damit Du nicht Vorstellungen von mir hast und Erwartungen von mir hegest, denen ich nicht entsprechen könnte." — „Sei beruhigt, Baruch, wenn ich von den Meinungen Anderer hören wollte, wäre ich nicht zu Dir gekommen. Dazu bietet sich in Rom und Athen Gelegenheit genug. Ich fahre also fort. Nachdem ich all' diese Götterfabeln in ihrem Nichts oder vielmehr in ihrer Schlechtigkeit erkannt hatte, wandte ich mich zu den