Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1887)
- Date
- 1887-03-24
- Page
- Seite 190 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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100 welchem H. Ascoli seinem Dank den Urhebern dieser glänzenden Manifestation aussprach. „Aber," fuhr er fort, „wie könnte ich dies annehmen? Das ist ganz unmöglich, darüber wollen wir garnicht weiter sprechen. Wir beklagen uns immer über die übertriebenen Ehren, welche man den Verstorbenen zu Theil werden läßt; jene können wenigstens nicht mehr eitel darauf werden, noch ihrer später unwerth sich zeigen, wie sollen wir uns aber zu Unterschriften entschließen, um die Züge Lebender darzustellen, die noch volle Zeit vor sich haben, sich der Meinung, die man von ihnen hat, unwürdig zu machen? .. Aus Achtung vor den Willen des Gefeierten mußte man diese Idee aufgeben und man hat sich darauf beschränkt, ihm ein bescheidenes Album mit ungefähr hundert Unterschriften seiner Schüler zu überreichen. Dieses Album enthält auf der einen Seite eine goldene, mit Verzierungen verschönte Fläche und auf der anderen die einfache Inschrift: A Graziadio Isaia Ascoli, I Discepoli 1861—1886. Einer seiner Schüler, Herr Professor Ferrini, hielt bei dieser Gelegenheit eine Rede voll Liebe und Dankbarkeit für den berühmten Philologen in dem großen Saale der Akademie. Indem der Redner die Anwesenheit der früheren und neuen Schüler betonte, sagte er: „Wir sind also die ersten und die letzten in der Reihenfolge, wir vertreten die beiden Enden dieser Kette, deren jeder einzelne Ring aus einem Herzen gebildet ist, das für Sie schlägt, aus einem Geiste, welcher sich beugt, um Sie zu ehren. — Das Vaterland liebt Sie zärtlich, denn es schuldet Ihnen so viel Ruhm in einer wissenschaftlichen Sphäre, welche ein altes Vorurtheil seinem Genius für unzugänglich hielt!" Herr Ascoli erwiderte in tiefer Bewegung, und seine Worte, welche die größte Bescheidenheit ausdrückten, wurden von lang anhaltenden Beifallsrufen begleitet, welche sich erneuerten, als er den Saal verließ. Zahlreiche Glückwunschtelegramme kamen ihm aus mehreren Städten zu, in denen der Zweig der Wissenschaft, dem er sich widmet, gepflegt wird: aus Rom, aus Neapel, Florenz, aus Bologna, Turin, Padua, Trieft, aus Leipzig, Hamburg, Oxford u. s. w. Diese Feier konnte nicht ohne Echo in Görz, der Heimath des berühmten Gelehrten, bleiben, und die jüdische Gemeinde wollte ihn aufs Beste ehren, indem sie ihrem Kinderasyle den Namen Graziadio Ascoli gab. Der bedeutende Gelehrte war so vieler Auszeichnung wohl würdig. Im Alter von dreizehn Jahren schon begab er sich nach Wien, um sich von dem großen Orientalisten Hammer-Purgstall prüfen zu lassen. Er bestand die Prüfung auf bewunderungswerthe Weise. Mit siebzehn Jahren (1846) veröffentlichte er seine erste Arbeit: „Ueber den Dialekt des Friaul und über seine Verwandtschaft mit der walachischen Sprache." Während er die industriellen Unternehmungen seines Vaters fortführte, den er in früher Kindheit verloren, fand er dennoch Zeit, sich mit Eifer dem Studium zu widmen. Im Jahre 1818 lies er eine Broschüre unter dem Titel erscheinen: „Das italienische, tolerante, einige Görz." Ich, ein Jude, so schrieb er darin, der als Jude von meinem Glauben überzeugt bin und abgesehen von der Eigenschaft als Bürger, habe keine Sorge wegen der christlichen Intoleranz, ich wende mich an die Geistlichen der christlichen Religion; und nicht als Jude, sondern als Bürger, danke ich ihnen aus der Tiefe meiner Seele, daß sie so freisinnig zum christlichen Volke gesprochen haben. Und er schloß: Beschleunigen wir den Tag, an dem wir Alle, ohne Unterschied des Glaubens und der Kaste, in ein- und derselben Liebe uns zusammenfinden werden. Vereinigen wir alle unsere Anstrengungen, damit dieses Land, das wegen seiner Naturschönheiten so beneidenswerth ist, es ebenfalls werde wegen der wahrhaft nationalen Erziehung seiner Jugend, möge es sich ehren durch die Toleranz und die Einigkeit." Dem Enthusiasmus von 1848 folgte die Reaction, und Herr Alscoli suchte Trost in der Liebe zu den Seinen und in angestrengten Studien. Die Früchte seiner Nachtwachen waren im Jahre 1851 seine Rede „Ueber die ethnognaphischen Bedingungen Europa's"; 1855 seine „Orientalischen und linguistischen Studien;" 1861 seine „Kritischen Studien," die periodische Revue über den Ursprung der grammatikalischen Formen, über die italienischen Dialecte, über die ausländischen Colonien rc. Als warmer Patriot nahm er gern den Lehrstuhl der vergleichenden Philologie an, welchen die Regierung des freien Italiens ihm im Jahre 1861 an der Akademie zu Mailand anbot. Hier veröffentlichte er seine berühmten Vorträge über Glottologie und mehrere nicht weniger wichtige Werke. Auf den linguistischen Congressen zu St. Petersburg, Paris und Berlin wuchs sein Ruf immer mehr. Viele Regierungen verliehen ihm Ehrenzeichen und die Stadt Berlin machte ihn zum Ehrenbürger. Herr Ascoli ist wahrlich eine der Berühmtheiten des heutigen Judenthums. Leone Ravenna. Vermischlrs. Historische Notiz. Das Re-chsregiment, das, aus deutschen Fürsten zusammengesetzt, Kaiser Karl V. während seiner Abwesenheit von Deutschland zu vertreten hatte, legte jenem im Jahre