Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1887)
- Date
- 1887-03-24
- Page
- Seite 182 (sequence 6)
- Language
- German
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182 häufig von irrtümlichen Anschauungen ausgehen, Berichtigungen beizufügen, weil sich diese für den Fachmann von selbst ergeben und weil wir bloß die Thatsachen anführen wollten. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 15. März. Entdeckte Täuschung. Als im vorigen Jahre in der „Voss. Ztg." ein aus dem Spanischen übersetzter Brief zu lesen war, welchen der bekannte Schriftsteller Barrios im Jahre 1641 über die letzten Schicksale und den Tod Uriel Acosta's veröffentlicht haben sollte, der zugleich gehässige Auslassungen über Andersgläubige enthielt, erwiesen wir sofort aus dem Briefe selbst, daß er von Barrios gar nicht geschrieben sein konnte, also gefälscht seD). Die Voss. Ztg. nahm von unserem Nachweise, obschon wir diesen ihr zusandten, keine Notiz. Es war uns dies kaum auffällig, denn das Gefallen an der Wahrheit ist eben in Fällen, wo das Judenthum geschmäht wird, nur selten zu finden. Es ergab sich ferner, daß derselbe Brief bereits 1880 in der „Tribüne", „Magdeburger Zeitung" und neulichst sogar im holländischen „Israelit" gestanden. Jetzt ist die Sache aufgeklärt worden. Wir erhalten folgende Zuschrift: „Als im vorigen Jahre in der Vossischen Zeitung und darauf auch in einigen jüd. Blättern ein vorgeblicher Brief des in der\ Geschichte der Marannen so berühmten de Barrios veröffentlicht wurde, da zweifelte sofort an der Echtheit desselben der um die Geschichte seiner edeln Vorfahren so verdienstvolle Herr D. H. de Castro Mz. in Amsterdam. Sein Bedenken, begründet auf geschichtliche Daten, veröffentlichte er im „Israelische Nieuwsbode" vom 20. August 1886. Um aber Gewißheit über seine Vermuthung zu erlangen, wandte sich dieser Herr an den Buchhändler und Verleger I. Perez Junquerra in Madrid und erhielt durch dessen Güte die Nummer der El Dia, aus welcher dieser Brief genommen wurde. Es ist ein Extra-Blatt v. I. 1881 und wurde damals zur Jubelfeier des Dichters Calderon herausgegeben. Durch eine eigenthümliche Anmerkung in diesem Blatte, unterzeichnet von Menendez Pelayo, weitberühmtein Professor der Madrider Academie, aufmerksam gemacht, wandte sich Herr de Castro an diesen Herrn um gütige Auskunft bittend. Die Antwort des Herrn M, P. bestätigte vollends die Vermuthung des Herrn de Castro. Es heißt darin u. A. (in der Uebersetzung): „Der in der dem Andenken Calderon's gewidmeten Nummer der El Dia vorkommende Brief ist von mir geschrieben, er ist eine literarische Phantasie, bei welcher ich Uriel de Costa's Exemplar humanae vitae benutzte, und mich in Gedanken in jene Zeit versetzte. Auch alle übrigen Aufsätze in jener Nummer sind fingirt und 1) Siehe Jahrg. 1886 S. SOI, S88, 654. Geistesproducte noch lebender Schriftsteller, welche alte Manuscripte als Muster benutzten. Folglich existirt ein solcher Brief von de Barrios nicht. Ich habe ihn erdacht und geschrieben. Die Franzosen nennen dies »uns postiche“. Dem Herrn D. H. de Castro Mz. gebührt also das Verdienst, durch seine erfolgreichen Bemühungen den Werth oder vielmehr Unwerth jenes vielbesprochenen Briefes gründlich beleuchtet zu haben." M. Funerailles de M. Samuel Marx, Grand-rabbin de la eireonscription eonsistoriale israelite de Bayonne. Paris, Alcan-Levy. 1887. Die beiden Leichenreden, welche der Rabbiner von Toulouse, Herr L. Oury, und der Honorar- Großrabbiner von Belgien, Herr E. A. Astruc, an der Bahre des am 7. Januar er. bestatteten Großrabbiner von Bayonne, Herrn Samuel Marx, gehalten haben, und die uns die Verdienste und den ausgezeichneten Charakter des Verewigten in sehr beredten Worten schildern, sind uns eine willkommene Gabe. — Zu den Streitschriften, welche gegen die nicht zu qualifizirenden, aller Wissenschaftlichkeit entbehrenden und mit Fehlern nnd Jrrthümern genügend ausgestatteten Angriffe des Prof. Paul de Lagarde auf den sel. Zunz gerichtet wurden, gesellt sich nun noch eine dritte: „Einer, der nicht Liturgiker sein will. Antwort an Herrn Professor de Lagarde von Dr. Bernhard Ziemlich. Leipzig, Friese, 1887." Auch Ziemlich hatte über die Schrift des Dr. Tychen eine Kritik veröffentlicht, die ihm, wie dem Dr. Kaufmann, der Meister des Herrn Tychen sehr übel vernahm und seinen Ingrimm an dem sel. Zunz ausließ. Auch die Gegenschrift Ziemlich's übt eine verdiente, in vielen Punkten recht eindringliche Gegenkritik; nur hätten wir diese bisweilen etwas concinner gewünscht. — Unsere Leser wissen, daß in Wien und zunächst dann in Steiermark der Antisemitismus mit seinem Führer, Herrn von Schönerer, gegenwärtig in arger Blüthe steht. Glücklicher Weise hat Schönerer mit seinen Genossen sich gegen alle aufrichtigen deutschen Bestrebungen, wie gegen den „Deutschen Schulverein" und den „Deutschen Club" gewendet, und so kann es nicht ausbleiben, daß er von mehreren Seiten aus bekämpft und in seinem wahren Lichte gezeigt wird. Es scheinen hierzu „Wiener Flugschriften" dienen zu sollen, deren erste wir vorliegen haben: „St. Georg von Zwettl (d. i. der Spitzname Schönerer's) von Dr. Edmund Wengraf. Zweite Aufl. Wien, Gottlieb, 1887". Die Aufgabe, welche sich der Verf. gestellt hat, faßt er (S. 6) in folgenden Satz zusammen. Er will beweisen, „daß in unserem Vaterlande kein Mensch lebt, der die Sache des deutschen Volkes in Oesterreich so tief und nachhaltig geschädigt hätte, wie Herr von Schönerer; daß dieser Mann kein höheres Interesse als dasjenige seiner persönlichen Eitelkeit kennt; und daß er in seiner maßlosen Selbstvergötterung und seinem blinden Hasse gegen alle, die nicht an seine ein-