Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1887)
- Date
- 1887-03-17
- Page
- Seite 173 (sequence 13)
- Language
- German
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173 es doch eilt Zeugniß, daß das Gefühl der Sittlichkeit, des Rechten und Guten tief in unserer Seele liegt; jede Entschuldigung ist da zugleich eine Anerkennung des Sittlichguten. Ich gebe auf eine solche Anerkennung recht viel, und dies scheint mir z. B. der besondere Werth der Predigt, welche immerhin in der großen Masse der Hörer das Bewußtsein dessen, was Tugend, Gerechtigkeit und Liebe ist, obenauf hält, und es als den richtigen Maßstab für unser Thun und Lassen aus der Seele des Volkes nicht schwinden läßt. — Biel mehr kommen uns die Menschen mit der Klage über ihre eigenen Geistesschwächen entgegen. Der Eine beklagt sich über sein schwaches Gedächtniß, der Andere über seinen Mangel an Vorstellungs- und Begriffsvermögen; der Dritte klagt sich seines fehlenden Lerntalents an und seiner Unfähigkeit, neue Ideen zu fassen, zu combiniren, zu speculiren. — Am traurigsten für sich und Andere sind Diejenigen, die sich nach mancherlei Täuschungen, die sie erfahren haben, »ach vielen fehlgeschlagencn Bemühungen, wenn sich der erwartete Gewinn in Verlust verwandelt und sie bei allein Fleiße, bei aller Mäßigkeit nur langsam, wenn nicht gar nicht vorwärts kommen, für einen „Pechvogel" halten und offen bekennen. Es ist ein fatalistischer Zug, der durch ihre! Gedankenwelt geht, daß sie dem Schicksal oder vielmehr dem! ihnen eigenen Geschick alles Unangenehme zuschreiben, was! ihnen widerfährt und was in den meisten Fällen doch nur; eine Folge ihrer Jrrthümer, ihrer Ungeschicklichkeit ist, >vci! sie den rechten Moment nicht zu treffen wissen. Ich habe! einen alten Freund, der in diese Vorstellung von sich selbst! sich ganz verloren hat und darüber oft mein tiefes Mit-! gefühl, schließlich meine Ungeduld erregt. In seinem vor! der Zeit gealterten Aussehen, in seinem faltenreichen Gesichte und in der Schwermuth, die aus seinen Augen blickt, prägt sich jene ihn beherrschende Empfindung aus. Jüngst begegnete ich ihm und seine besonders traurige Miene fiel mir auf und veranlaßte mich, ihn zu fragen: Was ist Dir, Freund? Ist Dir etwas Uebles begegnet? — Er sah mich eine kurze Zeit an und sprach dann: Ich wollte eben zu Dir gehen und Dich fragen: was hältst Du von der Vererbung? — Die Frage kam mir sehr unerwartet und ich erwiderte: Erst sage mir, was Dich zu dieser sonderbaren Frage veranlaßt? — Ich will es Dir nicht vorenthalten; ich bin voll Kummer und Sorge, und zwar über meinen Joseph, meinen einzigen Sohn. Ich fürchte nämlich, es ist ihm dasselbe Loos in die Wiege gelegt wie mir, und er wird ein richtiger Pechvogel werden, und dies bedrückt mir das Vater- Herz aufs Schwerste. — Wie, fuhr ich auf, von Deinem Joseph bildest Du Dir das ein, von diesem begabten Knaben, einem der besten Schüler des Gymnasiums, wie mir gestern erst sein Ordinarius rühmte, fleißig und pflichtgetreu und in raschem Fortschreiten begriffen! — Das ist Alles richtig, klagte der Andere, aber Du müßtest nur wissen, was ihm so Tag für Tag zustößt. Wenn er sich aufs Emsigste vorbereitet hat, kann er sicher sein, in der Klasse nicht ausgerufen zu werden, und wenn er einmal oberflächlich gearbeitet hat, kommt er gewiß zuerst daran. Besucht der Schulinspector die Anstalt, so wird der Junge so ängstlich und bange und antwortet so verkehrt, daß die Censur nicht gut ausfällt. Heute verlor er im eifrigen Gespräch mit seinen Kameraden auf dem Schulweg seinen Cäsar, und richtig wurde er zuerst anfgefordert, das aufgegebene Pensum zu übersetzen; er mußte bei dem Nachbar einsehen und der Lehrer schalt ihn tüchtig wegen Unordnung; dies verwirrte ihn so, daß er das Pensum nur stotternd und fehlerhaft vortrug, obschon er es fast wörtlich auswendig wußte. Solche Dinge passiren ihm täglich und vereiteln ihm die besten Erfolge seines Fleißes und seiner Begabung. Wie sollte ich da nicht zu der Meinung koinmcn, daß ihn derselbe Dämon verfolge, der mir das Leben verbitterte, daß er jene schlimme Eigenschaft von mir geerbt habe, welche unsre Alten „Schlemihlität" nannten . . . Ich war innerlich voll Aerger und rief dem alten Freunde zu: Da hast Du es! Fahr nur so fort, Deinem Sohne den Pechvogel vorzuhalten und ihm diese schöne Erbschaft von Dir einzureden: Du wirst dann richtig das letzte Fünkchen von Selbstvertrauen, von Muth und Lebensfreudigkeit in ihm anslöschen - und dann, wehe ihm, wenn er erst die Wege des Lebens beschreitet! Die Jugend muß Selbstvertrauen und Muth besitzen, wenn sie vorwärts kommen will im Leben; sie muß mit Zuversicht in die Zukunft schaue» und auf die Bahn, die sich ihr eröffnet, sonst mißlingt es mit seltener Ausnahme. Ich sehe die Jugend lieber vorlaut und etwas anmaßlich, als dnckmäuserig und zaghaft; das Uebermaß wird recht bald durch das Leben und die Erfahrung abgeschliffen. Aber das ist ja der Segen jener allgemeinen Lehrsätze, die jetzt von der Naturwissenschaft aus unter die Menschen gebracht und meist so übel angebracht werden! — Wir hatten uns auf eine Bank unter einem der schattigen Lindenbäume gesetzt, welche unsre Stadtpromenade so angenehm machen. Etwas zögernd fing mein Freund das Gespräch wieder an und sagte: So möchte ich meine Frage wiederholen: Glaubst Du nicht an die Vererbung? — Ich lächelte: Wie könnte ich die Vererbung als ein Naturgesetz leugnen? Ich habe mich doch ein wenig in der Zoologie und Botanik, in der Viehzucht und dem Gartenbau umgesehen, und wie könnte mir da entgehen, welche Bedeutung die Züchtung und Kreuzung bei Thier und Pflanze hat. Aber das ist das Uebel bei unsren modernen Lehrern, daß sie, sobald sie durch Beobachtung ein Gesetz gefunden, es allzu sehr verallgemeinern und für das universelle Gesetz ausgeben. Die Natur ist in allen ihren Grundzügen auf Einfachheit zurückzuführen, aber in der Wirklichkeit gestaltet s