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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-03-17 · Heft 11 (17.3.1887) · p. Seite 174

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 11 (17.3.1887)
Date
1887-03-17
Page
Seite 174 (sequence 14)
Language
German
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174 sie die Einfachheit zur allergrößten Mannigfaltigkeit aus. Jede uns sichtbar werdende Naturerscheinung geht aus dem Zusammentreffen und Zusammenwirken mehrerer Factoren hervor, und wer jene aus einem einzigen Factor entsprungen glaubt, wer die Dinge aus diesem einzigen Factor, dem er nachspürt, betrachtet, verfällt in schweren Jrrthum. Doch wir wollen uns nicht auf dem naturwissenschaftlichen Boden verirren, wo doch selbst die schwer wiegende Frage noch nicht gelöst ist: ob oder in wie weit vom Individuum erworbene Eigenschaften vererbt werden können? — Und nun, hinsichtlich des Menschen, was ist da Deine Meinung? — In der leiblichen Erscheinung des Menschen, die ja der Natur angehört, gestehe ich zu, spielt die Vererbung eine Rolle. Suchen wir doch, sobald wir Kinder von Eltern, die wir kennen, erblicken, sofort nach der Aehnlichkeit. Aber auch hier findet diese ihre Bedingungen. Können wir uns doch darüber nicht einigen, ob sie wirklich Aehnlichkeiten haben. Die Verschiedenheiten machen sich oft sehr geltend, und Geschwister Pflegen nicht immer sich sehr ähnlich zu sehen. Große Eltern haben oft kleine Kinder und umgekehrt. Auch überspringt die Aehnlichkeit oft ganze Geschlechter oder tritt in Seitenlinien auf. Aber in geistiger Beziehung finde ich nur selten Aehnlichkeiten heraus, im Gegentheil allzu häufig Gegensätze. Befragen wir zunächst unsre Lehrmeisterin, die Geschichte. Die h. Schrift weiß nur selten von den Söhnen bedeutender Männer zu berichten. Die Kinder der großen Mehrzahl in Israel erstandener wichtiger Personen stehen im Schatten der Vergessenheit. Von Moses Söhnen wissen wir nur die Namen. Von Josuas Nachkommen gar nichts. Des einfachen frommen Isaak beide Söhne, wie verschieden von diesem, der rauhe Jäger Esau und der listige Jakob, der seine Fehler durch schwere Leiden büßte und dadurch geläutert ward. Des frommen Eli Söhne waren Taugenichtse und die des großen Samuel so unbedeutend, daß das Volk über sie hinweg einen König verlangte. Selbst Salomo ist ganz verschiedener Art von seinem Vater David. Die Juden hätten sich vielen Schaden erspart, wenn sie die Abkömmlinge der Makkabäerhelden nicht mit der Königs- und Hohenpriesterwürde versehen hätten. In der allgemeinen Geschichte begegnen wir in vielen Dynastien einem großen Herrscher; ihm folgten aber in der Regel Schwächlinge, unter welchen die Macht des Staates wieder sank und unterging. Der Beispiele hierfür sind sehr viele. Wie schnell entarteten die Julier und die Flavier auf dem Cäsarenthrone, und aus der neuesten Zeit, was sind wohl die sämmtlichen Napoleoniden gegen ihren großen Ahnen werth! Man weist hierbei gewöhnlich auf die Familien hin, in welchen sich die Anlage für Musik, Malerei oder Bildhauerkunst vererbte. Man stelle aber nur die große Zahl genialer Künstler jenen gegenüber, und man wird erstaunen, wie selten eine solche Vererbung stattgefunden. So gut wie gar nicht hat man auf dem Felde der Dichtkunst derartige Beispiele von Vererbung; es fallen mir in der That nur die beiden Seneca, Corneilles und Alexander Dumas ein. Selbst in der Gelehrsamkeit zeichneten sich dauernd nur wenige Familien aus, wie eben die Jbn Esra und die Buxtorf. Wenn oft die Söhne den Beruf des Vaters wählen, so sind hierfür Gewohnheit und Beispiel von Kindheit an wohl entscheidend. Nehmen wir alsdann zu unsrem zweiten Lehrmeister, dem wirklichen Leben um uns, den Weg, so scheint er nach meinen Beobachtungen; nur wenig zu der Ansicht von der Vererbung zu führen. : Mir begegneten viel häufiger Beispiele gänzlicher Verschieden-! heit. Ich hatte einen Freund, ein durchbildeter, besonnener, * sittlich strenger Charakter. Sein Sohn, der ihm in der j äußeren Erscheinung sehr glich, endete schon in den mittleren Jahren als Trunkenbold. Ich kannte einen Geizhals, der seinen Beruf und seine Freude allein in dem Anhäufen von Thalern fand, und sein Sohn verschwendete dessen Reichthümer in überraschend kurzer Zeit. Zwei Diebe waren mir bekannt, welche von Zuchthaus zu Zuchthaus wanderten, und Jedes Sohn wurde ein solider, rechtlicher Geschäftsmann, der!zur Wohlhabenheit gelangte. Ein Autodidakt, der von rastlosem Wissensdrang beseelt war und sich viel Wissen erworben, hatte einen Sohn, der kaum lesen und schreiben und rechnen gar nicht lernte, trotz aller aufgewandten Mühe. Und so könnte ich Dir aus meiner Erfahrung noch Hunderte von Beispielen anführen, wo die Kinder von ganz verschiedenen Geistesgaben, von entgegengesetztem Charakter waren und deshalb zu sehr verschiedenen Zielen gelangten. Was man auch gegenwärtig hinsichtlich des Menschengeistes von zwingenden Gesetzen spricht: in der Tiefe der Menschenseele liegt die Freiheit und die Mannigfaltigkeit, und wer die Geister über einen Kamm scheeren will, geht durchaus fehl und wird von der täglichen Erfahrung widerlegt. Wir brauchen eine Tendenz der Natur durchaus nicht wegzuleugnen, wenn wir deren Allgemeinheit, deren Alleinherrschaft nicht anerkennen und diese nur als erträumt ansehen . . . Und darum Freund, schlage Dir die Vorstellung von der Vererbung der, nach meiner Meinung, schon Dir nur eingebildeten Eigenschaft aus dem Sinn. Hüte Dich vor Allem, diese Vorstellung vor Deinem Sohne zu äußern: Du würdest ihn bei all' Deiner Liebe nur unglücklich machen. Die kleinen Ungelegenheiten, die Du mir von ihm erzählt, passiren allen Schülern, sind mir auch recht häufig zugestoßen, und darf man ihnen gar keine Bedeutung zuschreiben, noch dazu wenn die Fortschritte des Knaben so anerkennbar sind, wie bei Deinem Sohn. Wir waren aufgestanden, um uns zu trennen. Mein Freund drückte mir kräftig die Hand, sein Gesicht hatte sich erheitert und aus seinen Augen blickte die Befriedigung in einer Weise, wie ich sie lange nicht bei ihm bemerkt.

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