Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1887)
- Date
- 1887-03-17
- Page
- Seite 170 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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170 Staatskirche in Oesterreich" in Nr. 8 der A. Z d. I. Ich will mit dem Schlüsse anfangen. Der Verfasser des genannten Artikels beklagt es, daß wir kein Centralorgan (will sagen ein Consistorium) für Wahrung unserer Interessen besitzen. Nun ist es gewiß wahr, daß wiederholt Fälle Vorkommen, in welchen man es beklagt, daß wir kein Centralorgan aus Fleisch und Blut besitzen; aber wenn der Gegenstand auf die Tagesordnung gesetzt wird, so möchte er keine Unterstützung finden, denn auch die kleinste Gemeinde würde nicht ein Titelchen von ihre» Hoheitsrechten aufgeben wollen und noch weniger würden es die P. T. Herren Vorsteher. Andrerseits ist wohl auch nicht zu bestreiten, daß die Autonomie thatsächlich ein hohes Gut der Gemeinden sei. Da wir kein Centralorgan haben, so ergiebt sich als weitere Folge, daß wir Juden als solche weder im Herrenhause noch in den Landtagen vertreten sind. Bekanntlich wollte Minister Tißa eine Virilstimme für den Oberrabbiner in Budapest im Herrenhause gewahrt wissen. Er hat jedoch dieses Vorhaben fallen gelassen, nachdem ihm eingewendet worden war, daß der Oberrabbiner in Budapest nicht die gesammten Juden in Ungarn vertrete. Tie Schulgesetznovelle vom Jahre 1883 ist allerdings nicht uns zu Liebe gemacht worden; aber in der Praxis ist sie bis jetzt zu unfern Gunsten. Bereits wirkt ein jüdischer Oberlehrer an einer hiesigen Volksschule und demnächst wird ein jüdischer Oberlehrer an einer andern Volksschule bestellt werden, was wohl sonst bei der jetzigen Zeitströmung nicht der Fall gewesen wäre. In Tyrol sind kaum 400 jüdische Seelen. Da gestehe ich aufrichtig, daß die Forderung, daß Juden im Landesschulrathe rc. Sitz und Stimme einnehmen sollen, unter Tyroler Verhältnissen etwas zu viel gefordert ist. Es ist bedauerlich, daß im Cultusministerium kein Jude als Referent für jüdische Cultusangelegenheiten ist. Es ist jedoch hier nicht bekannt, daß ein getaufter Jude dem betreffenden Referenten die nöthige Aufklärung giebt. Graz, 1. März. Das mit so großem Aplomb hier gegründete antisemitische Tagblatt „Deutsche Presse" hat nach 2>/2monatlichem Bestände heute plötzlich sein Erscheinen gänzlich eingestellt. Der Verlust des Unternehmers übersteigt weit 100,000 fl. Rußland. Tiflis, im Febr. Das eben erschienene Februar-Bulletin der All. isr. Univ. berichtet: Es hat zu jeder Zeit eine ziemlich große Anzahl persischer Juden in Tiflis, Erivan und Schoulaver gelebt. Diese jüdische Bevölkerung besteht heutzutage in diesen drei Orten aus ungefähr 300 Familien; sie ist noch rein persischer Nationalität geblieben und steht unter dem Schutze des persischen Consuls. Diese Familien wurden jüngst gezwungen, ihre Wohnstätte zu verlassen und in ihr Vaterland zurückzukehren, ohne daß man erfahren «kann, ob dieser Befehl von der Lokalregierung ausgeht. Der ihnen bewilligte Aufschub ist ein sehr kurzer und die Vertriebenen die mehr oder weniger in Geschäftsunternehmungen verwickelt sind, werden nicht die Zeit haben, ihre Außenstände einzukassiren. Es ist zu hoffen, daß die wohlwollende Vermittelung des persischen Consuls zu ihren Gunsten eine Verlängerung des Aufenthaltes erwirken wird, damit sie wenigstens ihr Vermögen einziehen können und nicht ohne Geldmittel in ihr Vaterland zurückkehren. Rumänien. Bukarest, 6. März. (Privatmitth.) Unsere Zustände wollen sich noch immer nicht einer Besserung zuneigen. Die Austreibungen von Juden gehen immer weiter, nachdem die Regierung den Präfecten freies Spiel gelassen, dergleichen zu verfügen. Wer sich irgend davon bedroht glaubt und Mittel besitzt, um auszuwandern, verläßt diesen Boden des Hasses und der Berfolgungssucht, die jedoch nicht im Volke selbst, sondern nur in den höheren Ständen vorherrschen. Dagegen ist das Verhalten der Juden selbst tadellos. Bei der jüngsten Aushebung hat sich kein einziger Jude der Rekrutirung entzogen und über 300 sind bereit, in den Waffendienst zu treten. Um der Bevölkerung Furcht vor den Juden einzuflößen, bedienten sich die antisemitischen Agitatoren seit längerer Zeit der Alliance isr. univ. als Schreckbild. Sie faßten deshalb den Beschluß, eine Ligue antisemitique universelle zu gründen und luden dazu die auswärtigen Antisemitenführer aus den 17. Februar ein. Sie fanden aber keinen Anklang und machten damit vollständiges Fiasco, wie mit ihrer Antisemitenversammlung im vorigen Jahre. Dies kümmert sie aber wenig, da es ihnen nur darauf ankommt, immer wieder etwas Lärm zu schlagen, damit das Publikum sie nicht vergesse. Amerika. New-Pork, 1. März. (Privatmitth.) Wenn auch in die Gesetze der nordamerikanischen Union und die Sitten des sie bewohnenden Volkes von den Vorurtheilen, welche noch heute aus dem Mittelalter in der Alten Welt vorherrschen, wenige übergegangen sind, so verhält es sich doch anders mit den Ansichten auf verschiedenen Gebieten. Diese sind in den Geistern mit über den Ocean gefahren. Dies sprach sich jüngst auch in der Abhandlung eines Geistlichen Rev. S. B. Calthrop „Israels letztes Wort aus", in der er zu erweisen sucht, daß „das erste Wort des Christenthums das letzte Wort Israels" gewesen sei. Diese Meinung, daß das Judenthum mit dem Entstehen des Christenthums abge-