Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1887)
- Date
- 1887-03-17
- Page
- Seite 169 (sequence 9)
- Language
- German
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169 Freitag wurde Herrn Prof. vr. Lazarus' Broschüre „An die deutschen Huden" ausgegeben, in welcher der Verfasser seine eigene Stellung zu den letzten Wahlen rechtfertigt und seine Auffassung über die politische Stellung der Juden darlegt. Am Sonnabend trat der „Hilfsverein für jüdische Studireude", dessen, man kann sagen, geborener Vorsitzender Herr Prof, vr. Lazarus seit Jahren gewesen ist, zu seiner statutenmäßigen Generalversammlung iin Locale der Brüdergemeinde zusammen. 211 stinimberechtigte Mitglieder waren anwesend, welche die Neubezw. Ergänzungswahlen für den Vorstand vorzunehmen hatten. Es wurden für die Vorstandsmitglieder von den 211 Stimmenden 199—166 Stimmen abgegeben, welche auf die Herren Arnold Croner und Stadtrath Wolff fielen, die wiedergewählt wurden, und auf die Herren Prof. vr. Senator, Prof. vr. Mendel, Stadtv. Liebermann und vr. Frankl, die neugcwählt wurden. Herr Prof. vr. Lazarus blieb mit 22 Stimmen in der Minorität. Berlin, 10. März. Die obige >V-Corresp. über die Audienz des Prof. Goldschmidt bei dem Fürsten Bismarck berichtigt die „Nat.-Ztg." Eine Unterredung habe allerdings stattgefunden, allein erst nach dem Wahlmanifest des Prof. Goldschmidt. Fürst Bismarck hat, nachdem er das „herzerfrischende" Manifest des Prof. Goldschmidt gelesen, diesen zu sprechen gewünscht. Wenn auch der private Charakter dieser Unterredung, wie die „Nat.-Ztg." sagt, verbietet, auf die Einzelheiten dieser Unterredung einzugehen, so wird es doch nicht zu indiskret sein, wenn wir im Allgemeinen hinzufügen, daß in der That auch die antisemitische Bewegung Gegenstand der Unterhaltung gewesen sein soll. Ob Herr Goldschmidt von dem Ergebniß dieses Theils der Unterredung wirklich so befriedigt ist, wie die betr. Lokalcorrespondenz annehmen läßt, wissen wir nicht. Bekannt ist aber, daß Fürst Bismarck ebenso klug in den großen Staatsactionen, den inneren wie in den internationalen, als Diplomat und Taktiker zu operiren weiß, wie in Privater Unterredung. — In der jüngsten Versammlung der Christlich-Socialen kündeten Stöcker und Wagner wieder ihren Kampf gegen das Judenthum an. — Der hiesige Thierschutzverein, der am 3. d. seine Generalversammlung hielt, sprach durch seinen Vorstand das Bedauern aus, daß ein großer Theil der hiesigen jüdischen Gemeinde angenommen habe, die Petition des Vereins fordere ein Gesetz, durch welches das rituelle Schächten verboten werde. Dies sei in seiner Petition wenigstens durchaus nicht enthalten. Berlin, 13. März. Die Unterredung zwischen dem Prof. Geheimen Justizrath vr. Lewin Goldschmidt und dem Fürsten Bismarck beschäftigt die hiesigen Blätter noch immer, ohne freilich über den Kernpunkt klarer zu werden. So wird in der „Post" aus zuverlässiger Quelle berichtet: „Geheimrath Professor Goldschmidt hat die am Tage vor der Wahl (20. Februar) in der „Nat.-Ztg." erschienene Erklärung an diesem Tage mit einem Begleitschreiben dem Herrn Reichskanzler übersandt und in diesem Begleitschreiben dem Bedauern Ausdruck gegeben, daß ein Theil seiner Glaubensgenossen durch die antisemitische Reactiou in die Arme der Fortschrittspartei getrieben worden sei. Wenige Stunden darauf wurde derselbe vom Reichskanzler um eine Unterredung ersucht, welche am folgenden Tage (21. Februar) stattfand, etwa eine Stunde währte und sich über sehr viele Gegenstände, unter Anderem auch über die antisemitische Agitation, erstreckte. Der Inhalt dieser Unterredung entzieht sich im Uebrigen der Oeffentlichkeit." — Die Thatsache ist hiermit festgestellt, über ein Resultat bleiben wir im Dunkel. — In der letzten Versammlung der Christlich-Socialen schloß Prof. vr. Adolf Wagner seinen Speech mit den Worten: „Ich sehe mich genöthigt, gegen den jüdischen Wucher anzukämpfen, und hoffe, daß alle anständigen Juden mich darin unterstützen werden." Das sieht ganz wie eine Verlegenheit aus, daß nämlich der Herr etwas sagen mußte, und nicht wußte, was er sagen sollte. Er kann doch den Antisemitismus nicht ganz aufgeben — aber was damit anfangen? Gegen den jüdischen Wucher — warum nicht auch gegen den christlichen Wucher? warum nicht gegen den Wucher überhaupt? Das ist doch nicht zweifelhaft, daß cs eben so gut christliche Wucherer und Wucherinnen giebt, wie jüdische. Das will ein Mann der Wissenschaft sein! Mit dem Wucher verhält es sich übrigens wie mit dem Diebstahl. Gäbe es keine Hehler, würde es keine Stehler geben. Gäbe es keine Leute, die die Wucherer aufsuchen, gäbe cs solche nicht. Mit dem Schimpfen auf die Wucherer ist daher gar nichts gethau, und Hcldenmuth und Aufopferung gehören auch nicht dazu. Also los, Herr Professor, wir wollen Ihnen sekundiren. Hannover, 10. März. (Privatmitth.) Wenn die Broschüre des Herrn Prof. Lazarus von der Ansicht ausgeht, daß die deutschen Juden sämmtlich der deutsch-freisinnigen Partei angehören, so kennt er die wirklichen Zustände gar nicht. Die hiesigen Juden gehören der Mehrzahl nach der nationallibcralen Partei an und haben für deren Candidatcn gestimmt, ja eine ganze Anzahl derselben hatte den nationalliberalen Wahlaufruf unterzeichnet. Es bleibt also von der in gedachter Broschüre enthaltenen Aufforderung „an die deutschen Inden" nichts weiter übrig, als daß tvir auch eventuell für einen Antisemiten stimmen sollten — dies wird niemals geschehen. Oesterreich -Ungarn. Wien, 3. März. (Privatmitth.) Gestatten Sie mir einige Bemerkungen zu dem Artikel: „Ein weiterer Schritt zur u