Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1887)
- Date
- 1887-03-17
- Page
- Seite 166 (sequence 6)
- Language
- German
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166 eiguissen von 1866 zwang die Macht der Verhältnisse in Preußen wie in Oesterreich-Ungarn, zu einer neuen „liberalen Aera" Zuflucht zu nehmen. Der norddeutsche Bund und nach ihm das deutsche Reich erließen Gesetze über die völlige Gleichberechtigung aller Confessionen in ben deutschen Ländern. Gleiches geschah im österreichischen Staatsgrundgesetz. Einige Zeit hindurch erhielt sich die gesetzmäßige Ausübung, und der Grundsatz selbst galt als ein unanfechtbarer. Aber aus dem erbitterten Kampfe des Protestantismus gegen die katholische Kirche, dem sog. Culturkampfe, entfaltete sich naturgemäß eine solche leidenschaftliche Confessionalität, daß diese sich auch gegen die Juden wandte. Der Beweis hierfür liegt darin, daß gerade die ultramontane und protestantische Hetzpresse den schmählichen Kampf gegen die Juden heranfbeschwor und mit allen ihren Mitteln fortführte; so wie daß in Berlin der Beginn des Antisemitismus mit einer protestantisch orthodoxen Bewegung zusammenstel und beide sich in einer Person verkörperten. Die Reaction in Oesterreich seit dem Sturze des sog. Bürgerministeriums braucht von uns nur angedeutet zu werden. Ihr folgend, fand der Antisemitismus von Berlin aus seinen Eingang in die Donaustadt und Donauländer. — Was folgt nun hieraus? Doch sicherlich, daß Action und Reaction immer nur einen gewissen Zeitraum, bald einen geringeren, bald einen größeren, im Verlaufe der Völkergeschichte einnehmen, mit einander ringen und abwechselnd zur Herrschaft kommen; daß aber in diesem Auf und Nieder, in diesem Rechts und Links die Völker dennoch immer vorwärts kommen und in der Entwickelung weite Wegestrecken zurücklegen; mit einem Worte, daß die Entwickelung des Menschengeschlechts in einem Zickzack läuft, durch welches sie dennoch immer vorwärts gelangt. Den Beweis hierfür liefern uns auch hinlänglich die vier Phasen, die wir als solche bezeichneten, welche wir persönlich und mit Bewußtsein durchlebt haben. Was man auch sage, von den: patriarchalischen Absolutismus der zwanziger Jahre und dem souveränen Partikularismus jedes einzelnen großen oder kleinen deutschen Staates bis zum deutschen Reiche mit Reichstag und allgemeinem Stimmrecht ist trotz aller zeitweisen Rückzüge ein weiter Weg zurückgelegt. Und wir Juden, von dem eben aufgehobenen Leibzoll und den Stadtvierteln bis zur verfassungsmäßigen Geltung aller bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte, haben trotz aller zeitweisen Angriffe und Reaetionsversuche einen weiten Weg zmückgelegt im Zickzack, hat Der Weg doch zu gewissen Zielen geführt, von welchen wir nicht wieder zurückgedrängt werden können. Literarischer Wochenbericht. Bonn, 8. März. „Nöldeke, die semitischen Sprachen" (Schluß.) Doch lebte das Hebräische in der, nach dem Falle Jerusalems durch Titus erst recht aufblühenden Schule noch lange weiter und wenn auch die Sprache der Mischna ff. Vieles von der aramäischen annahm, so ist sie doch als eine weitere Entwickelung des Althebräischen anzusehen und bietet uns, besonders was den Sprachschatz betrifft, Vieles, was in der Bibel keine Gelegenheit hatte vorzukommen.*) Das spätere Neuhebräisch, in einer so reichen Literatur bis auf unsere Tage verwendet, bietet allerdings für den Sprachforscher nur ein sekundäres Interesse, namentlich darin, wie moderne Begriffe und Gegenstände etwa durch das biblische Hebräisch ausgedrückt werden könnten. — Dem Hebräischen schließt Nöldeke das diesem so nahe verwandte Phönizische an, um dann auf das so weit verbreitete Aramäische mit seinen vielen Dialecien zu kommen, Bemerkungen über die Samaritaner, deren Diakect der Sprache der benachbarten Juden ganz ähnlich war. Lange vor dem Aramäischen hat; in den Tigrisländern und ani unteren Euphrat eine semitische Sprache geblüht, welche nur die Keilinschriften aufbewahrt haben. Man nennt sie die assyrische, obwohl sie richtiger die babylonische hieße. Wie cs scheint, steht die; assyrische Sprache der hebräischen näher als der aramäischen. Möldeke meint: „Das Schriftsystem dieser Sprache ist so verwickelt, und erreicht mit einem ungeheuren Apparat so J wenig den Zweck einer genauen Bezeichnung der Laute, daß > wir wohl noch nicht verpflichtet sind, die Transscription der heutigen Assyriologen in allen Einzelheiten als das absolut letzte Wort der Wissenschaft auzusehen. — Der nördlichen Gruppe der semitischen Sprachen steht das Arabische und Acthiopische als südliche Gruppe gegenüber, selbstverständlich mit verschiedenen Dialecten (das Sabbäische u. s. w.) Der Raum verbietet uns, den Auseinandersetzungen unseres Vers, in der weitschichtigen Geschichte des Arabischen zu folgen. Er geht nach Abeffynien über und findet hier wieder Sprachen, welche dem Arabischen einigermaßen nahe stehen: das Geez oder eigentliche Acthiopische, Tigru und Tigrina, das Amharische u. s. w. So bietet uns Nöldeke in dieser Schrift eine Einleitung in die Geschichte der semitischen Sprachen, die uns den gegenwärtigen Standpunkt der Sprachwissenschaft hinsichtlich dieser großen Sprachenfamilie in recht objectiver Weise vorführt. Um so vothwendiger wäre es, daß ein Werk, welches für den jetzigen Stand der Wissenschaft leistete, was Renan für seine Zeit leisten wollte, verfaßt werde. Mit diesen Wunsche schließt Nöldeke. — Les juifs *) Auffällig ist es, daß Nöldeke über die Sprache der Gemara sehr flüchtig hingeht, während sie doch eine Bereinigung von Sprach - Momenten darbietet, welche für die Geschichte des Aramäischen für einen bestimmten Zeitraum von großer Wichtigkeit ist.