Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1887)
- Date
- 1887-03-17
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
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164 Reformator Zoroaster ausgebildete Magismus beruhte auf der dualistischen Anschauung von der Gottheit, ein Gott des Lichtes und ein Gott der Finsterniß niit ihren zahllosen Geistern kämpften mit einander um die Herrschaft in der Welt. Ein Rest dieser Anbeter des heiligen Feuers hat sich nach Indien gerettet und zeichnet sich besonders durch einen eigenthümlichen Todtencultus ab. — Der altindischen Religion dagegen lag die Idee der Trinitär zu Grunde, der drei Gottheiten des Werdens, Seins und Vergehens. Diese bildete sich aber zu einem vielgestaltigen Polytheismus aus, der sich nicht bloß in colossalcn Tempeln und den groteskesten Götterbildern bekundete, sondern auch zu der drückendsten Herrschaft des Priesterstandcs, zu einem ausgebildeten Kastenwesen, in welchem die höheren gegen die tieferen Stufen die schmählichste Menschenverachtung und Mißhandlung verübten und zu einem unerhörten asketischen Treiben, in welchem der Blödsinn den höchsten Grad erreichte. Ein erlösendes Wort sprach da Buddha (um 500 vor der gew. Zeitr.), dessen Lehre wir erst in Nr 8 wieder Gelegenheit hatten, auseinanderzusetzen. Wie bald dessen Lehre wieder zu einer Entartung der religiösen Anschauung zurückging und sich mit dem Brahmanismus verschmolz, eine Vergötterung von Menschen und einen bizarren Bilderdienst hervorbrachte, ist von sachkundigen Reisenden hinlänglich geschildert. — Und nun Israel? Mit Recht konnte der Prophet sagen: „Finsterniß bedeckte die Erde, Dunkel die Nationen." Hier aber erhoben die Gegner ihren zweiten Einwand. Sie sagen: die Israeliten seien aus dem Polytheismus hervorgegangen und ihre Nationalreligion sei polytheistisch gewesen; erst später etwa im 8. Jahrhundert vor der gew. Ztr. sei die monotheistische Lehre aufgekommen und mit dem babylonischen Exil beim Volke durchgedrungen. Daß Abraham aus seinem heidnischen Vaterlande ausgewaudert, leugnet Niemand. Daß das Heidenthum während des ersten Bestandes Israels immer wieder eingedrungen und eine Zeit lang daselbst herrschte, ist geschichtliche Wahrheit. Aber ebenso gewiß ist es, daß von Abraham an die monotheistische Lehre die nationale Tradition mar, daß diese in der Nation stets erhalten blieb und getreue Anhänger fand, daß die Israeliten unter der Einwirkung gottgetreuer Männer immer wieder zu ihr zurückkehrten, daß der salomonische Tempel dem Cultus des einzigen Gottes gewidmet war, und daß die Propheten die ganze nationale Existenz auf die Gotteslehre stützten. Eine wesentliche Aenderung in dem Resultate hat dieser Einwand dieser Kritiker gar nicht, denn schließlich müssen sie zugeben, daß das Volk Israel und aus ihm die Juden die bleibende Heimstätte für die Lehre und das Gesetz des Monotheismus geworden. Diese Lehre vom einzigen, unkörperlichen Gotte, den in irgend einer Gestalt darzustellen und anzubeten, aufs Strengste untersagt war, dem Schöpfer der Wett, der Vorsehung und Vergeltung und sein Gesetz der Liebe und des Rechtes, der persönlichen Freiheit, der Gleichheit Aller vor dem Gesetze, das keine bevorzugten Kasten, keine Beschränkung der gesetzlichen Freiheit duldete, verbannten aus dem Lande Israels und aus allen Stätten der Juden, so weit sie auch wanderten, das Heidenthum, den Götzendienst, die Priesterherrschaft, das Kastenwesen, und pflanzten den Gebetcultus an die Stelle des Opfcrdienstes; sie duldeten keine Mysterien, keine Geheimlehre, sondern wollten von Anfang an, daß alle Glieder des Volkes, Männer und Frauen, Greise und Kinder gleicher Weise in der göttlichen Lehre unterrichtet seien und sic zum Inhalt ihrer Geistes- und Empfindungswelt machten. Hiermit trat das Judenthum also in den Gegensatz zu allen Völkern des Alterthums, zu allen religiösen Anschauungen der alten Völker. Wer die Wahrheit enthalte, das entschied die Geschichte, indem sie aus dem Judenthume das Christenthum und den Islam und mit ihnen die culturgeschichtliche Entwickelung der Menschheit hervorgehen ließ, aber auch inmitten der Bekenner dieser Religionen das Judenthum erhielt und es mitten in den Culturvölkern seine Stellung behaupten ließ. Noch aber ist die religiöse Aufklärung des Menschengeschlechtes nur zum kleineren Theile vollbracht. Mehr als zwei Drittel des Menschengeschlechtes sind noch dem Heidenthume, dem Götzen- und Bilderdienste in größeren oder geringeren Maßen zugethan, und in wie weit in dem anderen Drittel die reine Gotteslehre durchgedrungen sei, wollen wir hier nicht untersuchen. Wie nun auch die Gegner auf uns eindringen, das volle und klare Bewußtsein dieser weltgeschichtlichen Stellung wollen wir uns nicht rauben und nicht abschwächen lassen. Ueberall mögen wir nach Kräften gegen jeden solchen Versuch zur Vertheidigung der Wahrheit eintreten — am meisten jedoch in unserer eigenen Mitte, wenn Zweifler und Pessimisten sich dagegen verlautbar machen, oder Trägheit und Unwissenheit den Eifer und die Liebe für die heilige Sache in unserer Jugend anzufachen und auf die rechte Bahn zu führen unterlassen. Im Zickzack. Wir werden interpellirt, was wir von der Reaction dächten, die seit Jahren Europa und ganz besonders das deutsche Reich durchziehe? Wir nehmen die Frage an. Wir wollen nicht mit denen streiten, welche das Vorhandensein dieser Reaction überhaupt verneinen; auch nicht die Thatsachen aufführen, welche seit etwa 1878 diese Reaction gegen Principien und bestehende Gesetze bekunden; wir bekennen offen, daß uns stets ein nachdrückliches Zeugniß die Lage der Juden bietet — denn der Rückgang dieser geschieht nur, wenn man die liberalen Ideen verläßt und die liberalen