Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1887)
- Date
- 1887-03-17
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
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163 Strafgesetze in Conflict zu gerathen. Schließlich ist es ja keinem Zweifel unterworfen, daß Christenthum und Islam aus dem Judenthume entsprungen sind, aber Wege bis zum Syllabus und dem Vaticanum eingeschlagen haben, daß das Judenthum vom Standpunkte der menschlichen Entwickelung und für jedes jüdische Individuum noch immer nothwendig und vollberechtigt ist. Der Haupteinwand, welchen die Gegner gegenwärtig erheben, besteht in der Behauptung, daß der Monotheismus kein specisisches Eigenthum des Judenthums, sondern ursprünglich allgemein verbreitet gewesen und erst zum Polytheismus entartet sei. Soweit dies eine hypothetische, nur aus spekulativen Gründen gezogene Behauptung ist, haben wir uns heute garnicht damit zu beschäftigen; denn die Geschichte kann solcher Speculation für sich keine Bedeutung beilegen, da ebenso gut auf speculativem Wege das Gegentheil aufgestellt und behauptet werden kann. Sehen wir uns aber nun die geschichtlich verbürgte Wirklichkeit an, so stellt sich uns ein ganz sicheres Resultat dar. Vor Kurzem entdeckte man, daß die vielen Papyrusstücke, welche von Beduinen Europäern so oft angeboten werden und aus denen auch die berühmte Sammlung desErzherzogsRainer gekommen, aus denTrümmern einer alten Stadt herrühren, die sich auf dem linken Ufer des Nils bei der Stadt Fajum befinden. In der griechischen Zeit wurde die jetzt längst zertrümmerte Stadt von einem Ptolomäer zu Ehren seiner Schwester Arsinoö, vorher Krokodilonopolis genannt. Denn hier wurde vorzugsweise das Krokodil als göttlich verehrt, Exemplare gepflegt und nach ihrem Absterben einbalsamirt und mumificirt; zahlreiche Tempel und Altäre mit einer großen Pricsterschaar waren der Verehrung des Thieres geweiht. So war das Krokodil die Hauptgottheit des Nomos Fajum, und wir führen dies nur i an, um zu zeige», bis wie weit aus dem grauen Alterthum heraus der egyptische Thierdienst gegangen; waren doch in allen egyptischen Nomen (Gauen) Thiere mannigfaltigster Art, wie Stiere, Katzen, Ibis, ff. als göttlich, als Darsteller der Gottheiten zum Gegenstand des eifrigsten Cultus geworden, und beherrschte diese Entartung des Gottesbegriffes Jahrtausende hindurch das sonst durch Wissenschaft und Kunst, namentlich Kunstgewerbe ausgezeichnete egyptische Volk. Ungeheure Grabgewölbe waren den aufeinandergeschichteten, heiligen Thieren gewidmet. Allerdings verband man mit diesen Thiermumien Vorstellungen von Gottheiten, deren aber jeder Nomos toieder verschiedene besaß, wie man sie sich in mannigfaltigster Art gedacht und ausgestaltet hat. Ta ist es denn nicht zu verwundern, daß während dieses Jahrtausende dauernden Culturstandes, aus jene Vorstellungen süßend, denkende Männer sich über diesen Volkswahnglauben erhoben und sich vernunftgemäßere Gedanken von den übersinnliche» Dingen bildeten. Es mögen also sogenannte esoterische Lehren bei den egyptischen Priestern bestanden haben, die sich hier und dort in literarischen Producten verriethe»; aber daß sie ein geomdnetes monotheistisches System gewesen seien, davon ist uns keine Kunde geblieben, und am wenigsten strahlte etwas davon auf das Volk aus, das namentlich durch den Todtenkultus beherrscht, von den Priestern ausgebeutet, vom Kastenwesen gedrückt, von den Königen despotisch regiert und zur Anbetung bizarrer Götterbilder und der Thiere angehalten wurde. Dies ist der Anblick, den uns Egypten bietet, dessen Monumente und Kunstwerke das Interesse der Wissenschaft in hohem Grade wecken und verdienen. — Wenden wir uns nun zu den Küstenländern des Mittelmeeres, so treffen wir auf der Ostseite auf ganz ähnliche Erscheinungen. Jede Landschaft, fast jede Stadt, hat ihre besondere Gottheit, erkennt aber auch die Macht der Götter der anderen Stämme und Städte zu Gunsten dieser an. Darunter erheben sich aber der furchtbare Moloch mit de» zahllosen Menschenopfern, welche ihm dargcbracht wurden, und die Astarte mit ihren Lusthainen, in welchen die sittenlosesten Ausschweifungen unter dem Schutze der Göttin getrieben wurden. — lieber die Religion der Hellenen und Römer brauchen wir hier nicht ausführlich zu sprechen. Aus den Helden- und Göttersagen tvurde nach gesellschaftlichen Ideen ein Götterstaat gebildet, droben im Olymp, unten im Ocean und noch tiefer in der Unterwelt. Ihrer ursprünglichen Ideen entkleidet, wurden diese Ober- und Untergötter immer mehr vermenschlicht, und es gab keine Leidenschaft und kein Verbrechen, die diesen Göttcrgestalten nicht zngeschrieben wurden. Aber die Poesie und die bildende Kunst bekleidete sie mit den schönsten Formen, und so lächeln uns noch heute diese Gebilde an, die in sich doch weder von Erkenntniß noch von Sittlichkeit eine Spur tragen. Auch hier konnte es deßhalb nicht ausbleibe», daß mit dem Fortschritt der Berstandesbilduiig denkende Männer diesen Wahnglauben des Volkes von sich wiesen und sich philosophische Systeme auf dem Wege der Dialeetik schufen. Aber die sämmtlichen griechischen und römischen Philosophen brachten es nur zu inhaltslosen Begrisfsformeln von Gott, zu welchen sie eben nur durch die Folgerungen auf eine erste Ursache kamen, mit alleiniger Ausnahme von Plato, der den Gottesbegriff niit ethischem und ästhetischem Inhalte zu versehen verstand. Aber nuf das Volk blieben diese, von ihm verabscheuten Systeme ohne Einfluß, bis das Christenthum die Altäre und Götterbilder umstieß und die römischen Kaiser die Menschenopfer in ihrem ganzen Reiche streng verboten. — Wenn schon die Griechen ein geheimnißvolles Fatum über ihre Götter setzten, dem auch diese unterworfen seien, so war dieser Gedanke bei den germanischen Völkern noch mehr ausgebildet, und sie sahen bereits ihre „Äsen" und deren Welt vernichtet. — Einen tieferen Untergrund hatten die Religionen des Ostens. Der durch den 11*