Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1887)
- Date
- 1887-03-17
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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162 den. Diese besteht darin, daß Lazarus will, die Juden sollen auch für antisemitische Candidaten stimmen, wenn diese für eine gerade auf der Tagesordnung stehende Frage im regierungsfreundlichen Sinne eintreten. Wir aber meinen, daß ein Jude niemals für einen antisemitischen Wahlcandidaten stimmen dürfe. Im Falle, daß der andere Candidat der politischen Ueberzeugung des jüdischen Wählers widerspräche, habe dieser sich der Abstimmung zu enthalten. Der Gründe hierfür sind mehrere. Zuerst der, den L. für sich anführt, der Patriotismus erfordere, daß der Jude den Antisemitismus des Candidaten übersehe. Um dies annehmbar zu machen, erklärt L. den Kampf gegen den Antisemitismus für ein nur „specifisch jüdisches Interesse". Dieses müssen wir bestreiten. Die Aufrechterhaltung der Gleichberechtigung und der Gewissensfreiheit ist kein specifisch jüdisches, sondern ein allgemein patriotisches Interesse. Die Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen und die Gewissensfreiheit sind wesentliche Ecksteine des gegenwärtigen Staates, bei deren Erschütterung oder gar Beseitigung der moderne Staat in die größte Gefahr geräth. Wer sie vertheidigt und die ausgesprochenen Gegner derselben bekämpft, handelt wahrhaft patriotisch, erfüllt eine patriotische Pflicht. Die Antisemiten und mit ihnen der rechte Flügel der Conservativen haben erst in diesen Tagen in ihrem Programm die Beseitigung der Gleichberechtigung mit) Gewissensfreiheit als eines ihrer Ziele proklamirt. Hiergegen anzukämpfen, dürfen wir niemals unterlassen. Wie? Seit einem Jahrhundert rangen die deutschen Juden nach der Erlangung gleicher Rechte und Pflichten; sie betrachteten den vollen Antheil an Staat und Vaterland als das heiligste Gut innerhalb der Gesellschaft. Und nun, da sie es erreicht haben, da sie mit voller Kraft sich in diesen Antheil hineingelebt haben, sollen sie ihn preisgeben? sollen sie Diejenigen in die hohe gesetzgeberische Volksvertretung wählen, welche unumwunden wieder Beschränkung und Bedrückung, Ausnahmen, Vorrechte und Unrechte in die Staatsgesetze einführen wollen? Wir selbst sotten die Hand dazu bieten und zwar denen, welche immerfort Beschimpfungen und Anschuldigungen gegen uns schleudern, Haß und Feindschaft zwischen den Volksklassen und Confessionen verbreiten wollen? Fürwahr, das wäre sehr unpatriotisch und unjüdisch zugleich. Glücklicher Weise ist es doch nur eine geringe Zahl, welche als antisemitische Candidaten den jüdischen Wähler in Verlegenheit setzen können. Aber sind denn diese Antisemiten wirkliche Vertreter unsrer deutschen Regierung? Sind sie es dadurch, daß sie in einer Frage, z. B. dem Septennat, für die Regierungsvorlage stimmen? Giebt es nicht viele Fragen, in welchen sie mit der Regierung nicht übereinstimmen? Wir brauchen keine Beispiele anzuführen. Wählen wir also Antisemiten, so geben wir um einer Frage willen die anderen, und vor Allem die Gleichberechtigung und Gewissensfreiheit, diese Palladien des modernen Staates, preis und sanctioniren unsrerseits die Zerrüttung, die Zerklüftung des Volkes, der Einheit des Staates. Nein! wir haben die patriotische Verpflichtung, keinem antisemitischen Candidaten unsre Stimme zu geben, und uns im Falle unsres Widerspruches gegen den anderen Candidaten der Abstimmung zu enthalten. Letzteres kommt ja bei jeder Wahl von Seiten ganzer Parteien, z. B. der nationalliberalen, vor. Wir weisen deshalb die Ausführungen des Prof. Lazarus entschieden ab, und wenn er dabei sogar mit „Anrath" um sich wirft, so geben wir ihm dies einfach zurück. Er glaubt mit seiner Broschüre eine heroische „That" vollbracht zu haben, indem er den Wahn, daß alle Juden eine politische Einheit bilden, zerreiße. In Wirklichkeit hat Niemand diese Meinung, und jeder Unbefangene kann die dagegen sprechenden Thatsachen finden. Uns bedünkt aber, daß das Schriftchen des Prof. L. gerade geeignet ist, jene Meinung hervorzurufen, denn er fühlt sich ja berechtigt, alle deutschen Juden zu haranguiren. Nein! Einig sind die Juden allein im Kampfe gegen die Antisemiten, in der Vertheidigung der Gleichberechtigung und Gewissensfreiheit, in ihrem patriotischen Eifer für den confessionellen Frieden im Vaterlande, für die Zurückdrängung des Racenhasses und andrer gemeinen Leioenschaften. Darin sind wir einig und werden es bleiben! Die Stellung des Iudenthurns unter den Religionen des Älterlhums. Wir fassen hier mit dem Namen des Judenthums die ganze religiöse Entwickelung zusammen, wie sie im Volke Israel vor sich gegangen und im jüdischen Stamme bis auf den heutigen Tag sich fortgesetzt hat. Da giebt es nun sehr zahlreiche Gegner, welches Alles daran setzen, dem Judenthume seine welthistorische Stellung abzusprechen oder doch auf das geringste Maß herabzudrücken. Ihnen gegenüber müssen die Thatsachen, die geschichtlich unleugbaren Thatsachen immer wieder geltend gemacht werden. Hierzu soll abermals die folgende Uebersicht dienen, welche nicht gerade Neues zu bringen, aber doch das Richtige ins Bewußtsein zurückzurufen hat. Daß wir dabei bei den Religionen des Atterthums stehen bleiben und aus die neuere Zeit nicht eingehen, hat seinen Grund nicht bloß darin, daß wir schon früher in diesem Blatte und in unseren „Weltbewegenden Fragen" das Verhältniß des Jndenthums zum Christenthum und Islam, zur katholischen und evangelischen Kirche behandelt haben, sondern weil sich die Zeiten geändert und wir Juden in der Gegenwart nicht so offen wie früher, selbst vom wissenschaftlichen Standpunkte aus, diesen Gegenstand der Kritik unterziehen können, ohne Anstoß zu erregen oder gar mit dem