Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1887)
- Date
- 1887-03-10
- Page
- Seite 156 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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156 aber merkt, daß sie doch nicht zum Ziele führt, läßt man jenen ruhig untergehen. Von Gesetzen hält man insofern nicht viel, als sie doch nur für einige Zeit das Richtige treffen, jedoch bald nur zur Beschränkung der freien Bewegung werden. Vor Allem gilt dies auf dem religiösen oder vielmehr auf dem kirchlichen Gebiete. Man hält allgemein dafür, daß eine Religionsgenossenschaft, die sich nicht aus eigenen freiwilligen Opfergaben zu erhalten vermag, die nicht einmal Lebenskraft genug besitzt, um die nöthigen materiellen Mittel herbeizuschaffcn, nicht existenzfähig und noch weniger existenzberechtigt ist. Nicht allein, daß prineipiell vom Staate für religiöse und kirchliche Zwecke nichts geleistet werden darf, man hält vielmehr jede staatliche Einmischung in kirchliche Angelegenheiten für durchaus nachtheilig. Die Religion ist etwas Innerliches und gerade deßhalb ist die Religionsfreiheit ein unbedingtes Postulat. Ich erinnere mich auch recht wohl, daß sich dies in der Heimath recht schlagend erwiesen hat. Als in der Mitte der vierziger Jahre die Deutsch- Katholiken und die freireligiösen Gemeinden aufkamen, begünstigte der Staat die Ersteren in jeder Weise, räumte ihnen Kirchen ein und unterstützte sie mit Geld. Nach kurzem Anlauf verschwanden sie. Eine Gegenprobe machten die freireligiösen Gemeinden durch. Sie wurden von der Polizei in jeder Weise bedrängt und bedrückt und unter diesem Drucke schwollen sie immer mehr an. Als aber nach 1848 diese Polizeimaßregeln aufhörten, sie also auch keinen Widerstand mehr zu leisten hatten, schmolzen sie immer mehr zusammen und vegetiren wohl kaum noch. Bei dieser völligen Freiheit macht sich allerdings auch viel Schwindel geltend. Nirgends sieht man so viele Secten entstehen, wie hier zu Lande. Es konimt nur darauf an, daß Jemand eine recht verkehrte Idee mit irgend welchen mystischen oder wenigstens sonderbaren Formeln ausbrüte, um bald eine Schaar Anhänger um sich zu sammeln. Aber Anfang und Ende berühren sich sehr bald. Ich habe einen Sectirer gekannt, der anfangs viel Aussehen machte. Nach einiger Zeit verschwand er wieder in der Masse und ich begegnete ihm wieder als einen emsigen Seifensieder. Jedenfalls glaube ich, daß unsere Glaubensgenossen in der alten Welt sich es ganz gut gefallen lassen mögen, wenn der Staat, der für die beiden christlichen Confessionen so reiche Mittel spendet, für die Juden garnichts hat und sich deßhalb auch garnicht um sie kümmert. Das Resultat scheint ja ein recht günstiges zu sein. In Berlin erhoben die Anhänger des orthodoxen Protestantismus ihre Klagen über die ungenügende Zahl von Kirchen und Seelsorgern und verlangen vom Staate bedeutende Geldmittel, um diesem Mangel abzuhelfen. Die jüdische Gemeinde dagegen baut je nach dem wachsenden Bedürfniß eine Synagoge nach der anderen; und wo sie es nicht thut, thun sich die Mitglieder eines Bezirkes, in welchem ein Gotteshaus nothwendig ist, zusammen, um ein solches zu errichten. Hieraus wird man erkennen, daß die Selbstständigkeit auch die Selbsthülfe hervorruft, und daß diese viel mächtiger ist, als alle Staatshülfe. Sie erwächst ans der Lebenskraft und erhöht zugleich diese in selbst unerwartetem Maße. Bonn, 6. März. (Notizen.) Aus Pest wird uns geschrieben: Dem Direktor der hiesigen israelitischen Gemeinde- Knabenschule, Herrn Eleasar Szanto, wurde in Anerkennung der Verdienste, welche sich derselbe durch vieljähriges Wirken als Lehrer erworben, das goldene Verdienstkreuz verliehen. — Das 25jährige Geschäftsjubiläum des Hoftapezierers und Decorateurs W. Rosenfeld, welches am Montag d. 28. d. M. von dessen Arbeiterpersonal, unter denen sich Gehilfen befinden, die 20—23 Jahre in dessen Hause thätig sind, festlich begangen wurde, legte beredtes Zeugniß dafür ab, wie innig das Verhältniß hier zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist, wie herzlich das Einvernehmen der Gehilfen untereinander. Das Arbeiterpersonal machte den Ehrentag ihres Meisters für diesen und dessen Familie zu einem Festtag, wie wir ihn selten gesehen. In frühester Morgenstunde wurde der Jubilar von seinem Arbeiterpersonal durch ein Musikständchen überrascht, dann am Arme seiner Gattin und einzigen Tochter in sein Arbeitszimmer geleitet, das prächtig und sinnig deeorirt war. Ein kostbares Angebinde des Personals — ein eigens zu diesem Zwecke hergestelltes Kunstblatt, unter wundervollem geschnitztem Rahmen, wurde in gebundener Rede gefeiert. Eine Deputation der Tapezierer-Innung, an deren Spitze der Obermeister Priom, der Vorstand des Vereins zur Hebung des Ackerbaues, wie der zur Hebung und Verbreitung des Handwerks unter den Juden, verschiedene Deputirte christlicher Wohlthätigkeitsanstalten brachten dem Jubilar, wie Freunde desselben, ihre Glückwünsche dar. — Der französische Brigadegeneral Levy ist zum Divisionsgeneral ernannt worden. — Pest, 15. Febr. (Literarische Notizen.) Von Hrn. Salomon Buber in Lemberg, der sich um die Midrasch- Literatur durch die vorzüglichen Editionen der „Pesikta", des „Tanchuma", des „Lekach tob" u. a. wesentliche Verdienste erworben hat, liegen wieder zwei neue Werke vor, und zwar: d'Jup fftsrnD nsnap non -inD.x rtao by xmm ’idd Sammlung agadischer Kommentare zum Buche Esther. Nach Handschriften herausgegeben mit kritischen Noten, Erklärungen und einer Einleitung versehen. (Wilna, Romm 1886, XIV 112 S.), und □viiCiD entmin m m:6ni enn 'pov d!wi upbn idd wn-d nonpn oyi ü’Jipn ay b "tn 'iond by owb! D'JiD'p. (Wilna, Romm, 1886, 42, 408 S.) ■