Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1887)
- Date
- 1887-03-10
- Page
- Seite 152 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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152 Lazarus zu beurtbeilen. Behauptet wird, daß sich uoch niemals „die politische Zerstreuung der Juden" so erwiesen habe, wie bei den diesmaligen Wahlen. Es liegt hierin eine thatsächliche Widerlegung jener Solidarität und Verbrüderung, welche die Antisemiten den Juden immer zuschreiben und vorwerfen. Nur Eines können wir nicht unterlassen zu bemerken. Wir unsererseits stehen noch immer auf der Ansicht fest, daß derjenige, welcher den Antisemitismus mit Wort und That bekämpft, einer patriotischen Pflicht genügt. Denn er will den inneren Frieden zwischen den Confessionen im Vaterlande erhalten und jenen Grundsatz der Gleichberechtigung Aller vor dem Gesetze vertheidigen, ohne welchen der neuere Staat keinen Bestand haben kann, da sonst wieder aller Art von Vorrechten und Unrechten und damit die innere Zerklüftung herbeigeführt werden. Für welche Partei der jüdische Wähler also auch eintreten mag, für antisemitische Candidaten kann er nicht stimmen, ohne diese patriotische Pflicht verletzt zu haben. Jedenfalls ist auf diese Weise ein Punkt erreicht, von welchem aus eine weitere Entwickelung zu erwarten steht. — Die Erziehungsanstalt für russische Knaben in Pankow, welche hier im Jahre 1882 gegründet wurde, als die Juden aus Rußland vertrieben wurden, enthält jetzt nur noch eine geringe Anzahl russischer Zöglinge; in Folge dessen ist dieselbe in neuester Zeit auch zur Aufnahme hiesiger jüdischer Waisenknaben eingerichtet. Das Institut ist der Schulaufsichtsbehörde unterstellt worden. In letzter Zeit hat durch den Provinzial-Schulrath Eisenmann eine Revision der Anstalt stattgefunden, nach welcher derselben jetzt die Eigenschaft einer staatlich anerkannten Schule zugesprocheu ist. Berlin, 3. Marz. In der Stichwahl ist im zweiten Berliner Wahlbezirk Virchow gewählt und der Antisemit Rechtsanwalt Wolfs trotz der beiden Kartellparteien durchgefallen. Stöcker wird somit nur mit Böckel und von Sonnenberg eine antisemitische Fraetion bilden, zum Ruhme Siegeu's, Marburgs und Fritzlar-Ziegenhain's! Nun, Unterstützung finden sie bei dem rechten Flügel der Conservativen, der „Abwehr und Beschränkung des Judenthums" in sein Gestern hat er unsere Stadt verlassen müssen, nachdem vorher noch mitleidige Herzen so viel zusammengebracht hatten, daß die heimathlose Familie in der nächsten Zeit wenigstens vor Hunger und Roth geschützt ist. (Die modernste Cultur zeichnet sich durch eigenthümliche Erscheinungen aus!) Schulitz, (b. Bromberg), 23. Februar. Vor etwa Jahresfrist erhielt der nunmehr verstorbene hiesige jüdische Kantor Leibsohn den Ausweisungsbefehl. Seiner ärztlicherseits als unheilbar erklärten Krankheit wegen wurde der Befehl zurückgenommen. Nun ist auch, wie die „Ostd. Pr." mittheilt, gegen die Wittwe und ihre 6 Kinder die Ausweisung angeordnet worden, was die Frau um so härter trifft, als sie eine geborene Deutsche, weder der polnischen noch russischen Sprache mächtig ist. Auch weiß sie nicht einmal, ob und wo noch Angehörige ihres verstorbenen Mannes leben. Die sechs Kinder stehen im Alter von 9 Jahren bis 4 Monat, und es ist hier für deren Lebensunterhalt und Erziehung gesorgt, so daß die Annahme, daß die Frau oder die Kinder der öffentlichen Armenpflege anheimfallen können, völlig ausgeschlossen ist. Man bedauert hier allgemein die arme Frau. Siegen, 27. Febr. (Privatmitth.) Das Resultat der hiesigen Wahl, das übrigens von vornherein für uns gar nicht zweifehaft war, ist durch die politischen Tagesblätter schon hinreichend bekannt geworden. Nach der vorgestern erfolgten amtlichen Festellung des Wahlresultates sind im Ganzen abgegeben worden für Stöcker 14,827 Stimmen, für Träger hingegen nur 4086. Die verhältnißmäßig geringe Anzahl der für den freisinnigen Candidaten abgegebenen Stimmen hat jedoch lediglich ihren Grund in dem Umstande, daß viele freisinnige Wähler, die Aussichtslosigkeit ihrer Kandidatur wohl einsehend, der Wahlurne, allerdings mit Unrecht, ferngeblieben sind. Interessant, weil charakteristisch für das Verhalten der hiesigen Nationalliberalen ist ein Vergleich der diesmal abgegebenen Stimmen mit denen der Wahl im Jahre 1884. Damals erhielt in dem ersten Wahlgange Stöcker (in runden Zahlen ausgedrückt) 9000 Stimmen, der nationalliberale Candidat 4600. Bei der nun folgenden Stichwahl wurden von den vereinigten Conservativen und Natiouallibe- Programm ausgenommen, wie die „Kreuzzeitung" verkündet hat. „Bange machen gilt nicht!" — In Frankfurt a. M. hat Sabor mit geringer Majorität gesiegt. So weit wir wissen, sind Bamberger, Singer und Sabor die Juden, welche im neuen Reichstage Platz nehmen. Bielefeld, 21. Februar. (Franks. Ztg.) Vor längerer Zeit erhielt der hier seit einigen Jahren ansässige israelitische Händler Sommer, ein in ärmlichen Verhältnissen lebender, aber durchaus unbescholtener Mann, den Ausweisungsbefehl zugestellt. Alle Bemühungen der städtischen Behörden, eine Zurücknahme der Maßregel zu erwirken und dem armen Manne seine Existenz zu sichern, sind fruchtlos geblieben. ralen im Ganzen für Stöcker stark 12-000 Stimmen abgegeben. Es hatten damals dennoch nicht alle Nationalliberalen es mit ihrer politischen Ehre vereinigen können, für einen Mann wie Stöcker einzutreten. Und das war vor nunmehr drei Jahren, also in einer Zeit, in der weder die bekannten Stöckerprocesse schon gespielt hatten, noch der Herr Hofprediger eine von oben gänzlich ignorirte Persönlichkeit war. Und heute? Nachdem die bekannten gerichtlichen Verhandlungen einen für Stöcker höchst ungünstigen Verlauf genommen haben, nachdem ferner auch von oben her dem Herrn Hofprediger in nicht mißzuverstehender Weise angedeutet worden ist,