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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-03-10 · Heft 10 (10.3.1887) · p. Seite 153

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 10 (10.3.1887)
Date
1887-03-10
Page
Seite 153 (sequence 9)
Language
German
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153 daß „der Mohr seine Schuldigkeit nun gethan," heute scheuen sich die Siegcner Nationalliberalcn tatsächlich nicht, in weit stärkerer Betheiligung als im Jahre 1884 bei der Wahl für Stöcker einzutreten. Es mag diese Thatsache für einen außerhalb der hiesigen Verhältnisse Stehenden fast unglaublich klingen; der mit der Sachlage etwas Vertrautere wird sie ganz natürlich und folgerichtig finden. Die Siegener Nationalliberalen haben eben trotz ihres stolzen liberalen Namens sehr starke Neigung zum Antisemitismus und stehen in dieser Beziehung Stöcker nicht viel nach. Das wird, denke ich, auch dem den hiesigen Verhältnissen Fernstehenden hinreichende Aufklärung geben. Jedenfalls aber haben die hiesigen Nationalliberalen durch ihr diesmaliges Verhalten nicht nur sich selbst, sondern die ganze nationalliberale Partei geschädigt und bloßgestellt. Wir aber, die wir auch in trüben Tagen unser Schild rein erhalten haben, wir schauen hoffnungsvoll in die Zukunft. Einst wird kommen der Tag, da man über die heutige Reaktion und den Rückschritt allgemein das Haupt schütteln, da man nur eine Stimme der Verurtheilung hören wird über die Tage, in denen die modernen Dunkelmänner wieder ihr Wesen treiben konnten. Dann wird es von Stöcker heißen: Er war Reichstagsabgeordneter, gewählt von den Siegener Nationalliberalen. Oesterreich-Ungarn. Wien, 22. Febr. Da die aus dem deutschen Club Ausgetretenen als Grund angeben, der genannte Club habe sich gegen ihre antisemitischen Ansichten und die aus denselben geflossenen Anträge erklärt, so interessirt uns das Schicksal dieser Secessionisten, weil wir daraus die Gesinnung ihrer Wähler zu erkennen vermögen. Die „Boss. Z." theilt hierüber Folgendes mit: Die antisemitischen Secessionisten sind kleinmüthig geworden. Ihr Vorgehen hat in der Wähler« schüft und bei den Vereinspolitikern eine so schlechte Aufnahme gefunden, daß sie sich zu Mandatsniederlegungen oder förmlichen Revolutionen entschließen müssen. Drei Secessionisten mußten die Mandate niederlegen, die Anderen suchen durch stilles Verhalten den ersten Sturm zu überdauern. Was man nicht erwartete, geschah in Steiermark, das sonst an der Spitze der nationalantisemitischen Bewegung marschirte. Auf die ersten Nachrichten hin, daß im „Deutschen Club" sich die Sprengung vorbereite, trat in Graz das deutsche Vertrauensmännercollegium zusammen und richtete an den Vorstand des Clubs ein Telegramm, worin den steierischen Abgeordneten nahegelegt wurde, im Interesse der nationalen Organisation im „Deutschen Club" zu verbleiben und überhaupt alles aufzubieten, „damit die so bedauerliche Spaltung baldigst beseitigt werde." Die nationalen Abgeordneten beherzigten diesen Rath aber nicht und so wurden sie nach Graz eitirt, wo sie Sonntag sich vor den Vertrauensmännern rechtfertigten. Dort erklärten sie „bestimmtest", daß sie am Programm des „Deutschen Clubs" festhalten und die im Club verbliebenen Landsleute nicht bekämpfen wollen, und daß es ihnen gänzlich fern liege, einer antisemitischen Partei beizutreten oder eine solche zu bilden. Wozu also die Secession? Darüber giebt uns der Schlußsatz der betreffenden Mittheilung Aufschluß. Die Secessionisten sagten nämlich: „Ein Zusammenschließen aller auf den Boden des Programms des „Deutschen Club" stehenden Abgeordneten in einen Verband halten wir nur dann für möglich, wenn im Club eine gerechte Würdigung der Sachlage platzgreifen und in wichtigen Punkten Entgegeukommen gezeigt wird." Da guckt der Pferdefuß heraus. In der Judenfrage wollen sie freie Hand haben, was die Majorität mit Rücksicht auf den Liberalismus nicht gewähren wollte und auch nie gewähren wird. Das steierische Vertrauensmännercollegium hat sich mit wunderbarem Geschick aus der Affaire gezogen, und meinte es den Liberalnationalen und den Antisemiten recht zu machen, indem es erklärte, daß nach den Versicherungen der Secessionisten eine Verschiebung der nationalen Parteiverhältnisse Steiermarks thalsächlich nicht eingetreten ist und auch nicht zu befürchten sei, und daß die Secession an sich keinen Anlaß biete, um den Abgeordneten das Vertrauen zu entziehen. In Böhmen wurde von der Wählerschaft an einem Abgeordneten die Execution vorgenommen, weil er sich zu den Antisemiten schlug. Dieser Mann wird niemals wieder auferstehen. Auch der kleine Bareuther wird vielleicht die Wahnehmung machen müssen, daß die Antisemiten in Eger in der Minorität sind. So gährt es fort; erst die nächsten allgemeinen Wahlen werden den Frictionen ein Ende machen. In der Sitzung vom 21. d. M. kam die Angelegenheit der beiden Abgeordneten, des Antisemiten Dr. Pattar und des Herrn Wrabetz, der sich in so wirkuugsvoller Weise gegen die Antisemiten gewandt hatte, zur Verhandlung. Pattai hatte dem Letzteren in den Couloirs die gemeinsten Schimpfworte zugerufen und Wrabetz deshalb jenen beim Bezirksgericht verklagt. Das letztere stellte beim Abgeordnetenhause den Antrag, Pattai aburtheilen, also von der Immunität des Abgeordneten absehen zu dürfen. Der Bericht sprach sich dafür aus und das Haus wird zweifellos dem zustimmen. Dem Ansehen des Hauses wird durch solche Abgeordnete, wie Di'. Pattai und Genossen, großer Schaden zugefügt, und die Wahlkörper werden doch endlich hierüber sich klar werden. Wien, 28. Febr. (Boss. Z.) Die antisemitischen Secessionisten des „Deutschen Clubs" müssen ihren Streich schwer bereuen. Auf eine so allgemeine und nachdrückliche Verurtheilung waren sie nicht gefaßt. Die deutschböhmischen Vertrauensmänner haben ihr entschiedenes Mißfallen über diesen 10

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