Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1887)
- Date
- 1887-03-10
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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148 es vermocht, diese Wünsche zum Schweigen zu bringen. So hatte Steinwender, Gymnasialprofessor in Wien, seinen früheren Genossen Schönerer verleugnet, und Pennerstorfer, der einst in Schönerer's obseuren Tagen als dessen chef de claque bei den Commersen fungirt hatte, wo Schönerer seine zündenden Reden hielt, hatte sogar gegen seinen Herrn und Meister eine Broschüre geschrieben. Inzwischen hatten doch einzelne der Herren bei verschiedenen Gelegenheiten ihren Ansichten Luft gemacht. So hatte der steirische Abgeordnete Verschatter, wie auch in diesen Blättern seiner Zeit berichtet wurde, bei einer Debatte über das Arbeiterversicherungsgesetz, auf die Worte eines Redners, daß die Confession bei den Arbeitern keine Rolle spiele, den Zwischenruf hören lassen, „die Juden sind keine Arbeiter". Vor Kurzem aber hatte die Regierung die Colportage einer antisemitischen Petition in Steiermark verboten, der Inhalt derselben, der sich in aufreizenden Worten gegen die Gefahr der Einwanderung ausländischer Juden wendete, sollte nun Gegenstand einer Besprechung im Reichsrathe werden. Der deutsche Club machte das Eingreifen in die Debatte zu Gunsten des Antrages zur Clubfrage. Der antisemitische Theil derselben scheint die Absicht gehegt zu haben, sich diesem Beschlüsse unter der Bedingung zu fügen, daß man in das Parteiprogramm die Bekämpfung des schädlichen Einflusses des Judenthums aufnehme. Sicher ist soviel, daß es in Folge der Meinungsverschiedenheiten über die Stellung zu dem Anträge der Antisemiten, zwischen den antisemitisch gesinnten und den anderen Mitgliedern des deutschen Clubs zum Bruche kam. 19 Mitglieder desselben, an ihrer Spitze ein Mitglied des Präsidiums im Club, der bekannte nordböhmische Abgeordnete Dr. Knotz, den seine czechischen Gegner wegen seiner Manier, die Persönlichkeiten der Beamten auf das Gröbste anzugreifen, den „groben Knotz" nennen, schieden aus dem Verbände. Die Ausgeschiedenen sind meist Steiermärker und Böhmen. Auffällig ist, daß eine große Anzahl von Lehrern sich unter ihnen befindet; darunter der schon genannte Steinwender, dann auch der altkatholische Professor Bendel aus Prag; bemerkenswerth ferner ist, daß dem Antisemiten-Club auch ein Protestant, Bareuther aus Böhmen, angehört, der selbst wie sein College Bendel im vorigen Jahre und auch schon in der letzten Session des Reichsrathes Gelegenheit hatte, sich über Bedrückungen ihrer Confession zu beklagen. Daß das Judenthum als Confession aber auch Rechte hat, das fällt den Herren nicht ein. Die Regierung hat zu dem ganzen Vorgehen noch nicht Stellung genommen, war endlich auch nicht in der Lage, da die Secessionisten bis nun mit keinem Anträge hervorgetreten sind, der ihre Stellung gekennzeichnet hätte. — Merkwürdig ist jedoch, daß fast gleichzeitig mit dem Bekanntwerden der Spaltung im deutschen Club und der Absicht, das antisemitische Programm im Reichsrathe zur Geltung zu bringen, die Regierung verlautbaren ließ, daß dem Reichsrathe die lange verheißene Gesetzesvorlage zur Regelung des jüdischen Gemeindewesens zugehen werde. Nun sollte man erwarten, die lange hinausgeschobene Frage, endlich gelöst zu sehen, statt dessen überraschen uns die Blätter mit der Meldung, daß die Vorlage die Bestimmung enthalten solle, daß die mährischen Judengemeinden ihrer Rechte als politische Gemeinden entkleidet werden. Zur Orientirung des Lesers will ich hier bemerken, daß die mährischen Gemeinden bis zum Jahre 1848 an bestimmte Orte gebunden waren, wo die Juden auf ein besonderes Stadtviertel ausschließlich angewiesen blieben. Bis zu dieser Zeit hatten die Gemeinden auf ihrem Territorium auch die politischen Rechte der Cornmune jener Zeit ausgeübt, d. h. sie hatten Steuererhebung, Wehrpflicht und Sicherheitsdienst auf ihrem Gebiete zu besorgen. Die Schwierigkeiten bei der Ordnung der Vermögensverhältnisse hatten aber die Anomalie zu Wege gebracht, daß in 21 von den 55 mährischen Gemeinden noch heute die Judengemeinde als politische Körperschaft besteht. Selbstverständlich nur zur Verwaltung des früher als Judeustadt bezeichneten Territoriums ohne Rücksicht auf die Confession der Bewohner, wie denn natürlicher Weise durch die geänderten Verhältnisse ein Theil der Judenhäuser an christliche Besitzer übergegangen ist, während viele Juden außerhalb des Stadtdistriktes wohnen und Geschäfte betreiben. Daß man diese Anomalie einmal beendigen will, ist wohl an und für sich nichts Auffälliges. Zu denken giebt aber der Umstand, daß die lange versprochene Regelung der jüdischen Verhältnisse sich darauf beschränken soll, daß endlich die ganze Angelegenheit zu einer Zeit aufs Tapet kommt, wo die Antisemiten die vorgebliche Einwanderung ausländischer Juden verhindern wollen, welche durch den Bestand politischer Judengemeinden, deren Vorstände doch zum großen Theile Juden sind, gefördert werden könnte, indem jeder Ausländer, welcher in Oesterreich Heimathsrecht erlangen will, zunächst von einer Gemeinde die Zusicherung, in den Gemeindeverband ausgenommen zu werden, beibringen muß. Rechnen wir dazu, daß auch die schon besprochene Tyroler Schulgesetzvorlage die Tendenz zeigte, auf Kosten der Juden mit den oppositionellen Parteien zu pactireu, so wird uns Niemand verüblen, wenn wir dieses sonderbare Spiel des Zufalls als ein Werk einer weisen Vorsehung zu betrachten geneigt sind; und bei alledem sind wir merkwürdiger Weise, gleich Jona, mit der bewunderungswerthen Eigenschaft begabt, während des heftigsten Sturmes im tiefsten Schlafe zu ruhen. Käme nur bald der Steuermann, der uns aufrüttelte zu einer Zeit, da keines Freundes Hilfe sich uns zeigen will, zu unserem Gotte zu rufen, vielleicht erbarmt er sich unser, daß wir nicht verloren sind.