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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-03-10 · Heft 10 (10.3.1887) · p. Seite 147

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 10 (10.3.1887)
Date
1887-03-10
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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147 uud der Einfluß, den sie auf das Volk übten, das jedoch dem Könige und seinen Großen gegenüber zu schlaff und deshalb ohnmächtig war. Der Ausgang zeigte, daß die Propheten 'Recht gehabt und der Untergang des Staates der falschen Politik der Könige zu danken war. In dem Makkabäer Simon vereinigten sich noch einmal die hohepriesterliche und die königliche Würde; in dem Bruderzwiste zwischen Hyrkan und Aristobul fielen beide auseinander, aber es handelte sich viel mehr um die Personen als um einen Widerstreit beider Aemter. Unterdeß war der Einfluß der Priesterschaft auf die Gelehrten übergegangen, welche zugleich die Propheten ersetzten. Der jüdische Staat ging unter; an die Stelle desselben traten die vereinzelten, selbständigen Gemeinden, die nach dem Erlöschen des Patriarchats völlig autonom wurden. Allerdings waren in den babylonischen Ländern die Kämpfe zwischen der weltlichen und geistlichen Autorität innerhalb der dortigen Judenheit nicht allzu selten. Die exulirten Juden hatten nämlich ein Oberhaupt und einen Vertreter in dem Exilsfürsten, Resch-Glutha, der von dem jeweiligen Monarchen anerkannt und mit fürstlicher Hoheit bekleidet war. Ihm gegenüber stand das Oberhaupt der großen jüdischen Akademie, die von Tausenden von Schülern besucht und durch die jährlichen Volksreden auf die versammelte Menge von bedeutendem Einfluß war. Zwischen diesen beiden Häuptern und namentlich auch um deren Wahl willen entstanden oft heftige Reibungen, deren Entscheidung, wenn sie nicht durch Compromiß beschwichtigt wurden, vom jeweiligen Herrscher abhing. Beide Würden verschwanden mit der Zeit. In den Gemeinden fand zwar ein ähnliches Verhältniß zwischen den Vorstehern derselben und den angestellten Rabbinern statt. Den letzteren war aber niemals mehr als die Autorität in das Gesetz betreffenden Fragen zugestanden, und hierin waren sie vom talmudisch-rabbinischen Gesetze beschränkt, das freilich in vielen Fällen einer verschiedenen Auslegung fähig war. In Verwaltungsangelegenheiten hatten sich die Rabbiner niemals einzumischen, und so waren die beiden Aemter in ihrem Wirkungskreise recht wohl abgegrenzt. Dennoch konnte es nicht ausbleiben, daß bisweilen zwischen den Persönlichkeiten Reibungen vorkamen, namentlich wenn in recht strittigen Fragen die Entscheidung anderer Rabbinen anders ausfiel und sich dadurch Parteien bildeten. Die Leidenschaften der Menschen sind ja dieselben, ob sie große oder kleine Kreise beherrschen, ob sie wichtige oder unbedeutende Gegenstände zu ihrem Ausgang haben. Meist zogen die Rabbinen den Kürzeren und es fand der Streit mit einem Personenwechsel ein Ende. Jedenfalls ist es bemerkenswertst, daß in den jüdischen Gemeinden bis auf den heutigen Tag eine Abneigung gegen alle geistliche Macht und Herrschaft vorhanden ist und man sich wenig Gewissen daraus macht, ob die Furcht vor hierarchischen hlebergriffen begründet oder nicht sei. Da die Vorsteher unbesoldete Ehrenämter bekleiden, die Rabbinen aber Gehalt beziehen müssen, so ergab sich von vornherein eine größere Abhängigkeit der letzteren und zum Ueberfluß führten die meisten Gemeinden eine nur provisorische Anstellung derselben ein. Es ist daher längst nur eine eitle Eifersucht, wenn die Vorstände denselben auch in religiösen Fragen nur eine berathende Stimme einräumen und ihre Einwirkung auf die Gemeinde sorgfältig überwachen. Daß die letztere hierdurch auch im guten Sinne, also zum Schaden der Institutionen, allzu sehr beschränkt wird, ist offenbar. — Dies ist das geschichtliche Bild, welches wir über das Verhältniß der beiden Schwerter, wie es sich innerhalb des Judenthums gestaltete, zu entwerfen hatten. Man wird daraus erkennen, daß zwar auch hier die Keime zu einem Kampfe derselben mit einander vorhanden waren, daß er aber niemals, außer in wenigen Einzelfällen, zum Ausbruch kam, niemals eine gefährliche Wirkung auf die Zustände und das Schicksal des Staates und Volkes erlangte. Die geschichtlichen Verhältnisse haben sicherlich hierzu beigetragen; dann aber auch der Geist des Volkes und seiner Institutionen. Nicht wenig endlich war dieser innere Frieden dem Mangel an Dogmen zu verdanken, welche das Volk von den Priestern abhängig machten, während in späteren Zeiten das geschriebene Wort des Gesetzes den geistlichen Lehrern eine nicht zu überschreitende Schranke setzte, da in dieses jedem Sachkundigen die Einsicht offen stand, und der Gelehrte, der es zu seinem Vortheile ausdeuten wollte, alsbald auf allseitigen Widerspruch stieß. Brünn, 2. März. politische Griefe aus Oesterreich. Von Dr. G. Deutsch. Einer längst vergangenen Zeit entstammt die Redensart, daß Oesterreich immer um eine Idee hinter der wirklichen Zeit zurück ist. Mit dem Antisemitismus scheint sich das zu. bewahrheiten. In Deutschland erloschen (?), ist er bei uns gerade in neuester Zeit trotz der sonst kritischen Zeiten ein mächtiger, politischer Factor geworden. Hatten wir im Herbst 1885 bei Beginn der letzten parlamentarischen Saison nur vier erklärte Antisemiten, zu denen sich der eine oder andere verschämte gesellte, so dürste dieser kleine Club nunmehr eine bedeutende Verstärkung erfahren. Der deutsche Club, welcher den linken Flügel der Opposition bildet, hatte gleich von Anfang den schüchternen Versuch einzelner Mitglieder zu verzeichnen, die Bekämpfung des Judenthums in sein officielles Programm aufzunehmen. Nur die Opportunität, die deutschnationalen Elemente unter eine Fahne zu vereinigen, hatte 10*

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