Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1887)
- Date
- 1887-03-03
- Page
- Seite 139 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227673--44234-3266501- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
139 giebt zwar jetzt seine drei Bände in Lieferungen heraus als eine wohlfeile Volksausgabe, und die ersten Lieferungen werden gewiß einen guten Absatz finden; dann aber läßt das größere Publikum das Ding fallen, weil es für ein so langathmiges Werk nicht Geduld genug hat. Die ^robives israelites sammeln alles, was in den Zeitblättern Antisemitisches vorkommt, und da haben sie ihre Hauptlese aus Algerien, wo der Judenhaß einige reale Unterlage hat. Hätte man in Deutschland zur Blüthezeit jener Judenhetzerei eine gleiche Zusammenstellung unternehmen wollen, viele Folianten hätten nicht ausgereicht, und doch lief Alles auf dasselbe, auf etwa vier oder fünf Anschuldigungen hinaus. Darum war die Ansicht die richtige, die in dieser Zeit, von Anfang an ausgesprochen worden, nämlich daß die antisemitische Literatur durch die beständige Wiederholung eines und desselben Geschreies langweilig werden und deshalb ihr Publikum verlieren würde. Jetzt, glaube ich, würde keine Schrift in Deutschland pro und contra Inden noch irgend einen erklecklichen Absatz finden. Hier in Paris hat die antisemitische Anwandlung gar keinen Einfluß geübt. Vor wie nach werden Männer jüdischer Religion in Civil wie Militär je nach ihren Talenten und Verdiensten bis in das Generalat und die Ministerien befördert. Allerdings wird das Dutzend jüdischer Finanzgrößen beneidet und sogar gehaßt, und nicht selten werden alle Juden mit denselben insofern assimilirt, als man sie alle für reich hält. Demungeachtet begehren die verschuldeten Aristokraten gar sehr nach den Töchtern dieser Finanzmänner. In allen bürgerlichen Kreisen weiß man von confessionellen Unterschieden nichts. Man sieht die Juden gerade ebenso arbeiten und in derselben Weise thätig sein, wie die anderen und ihre Zahl ist nicht so groß, daß sie Conkurrenzneid erregen sollten. Am vorletzten Sonntag hielt ein Abba Frsmont, ein sehr beliebter Prediger, in der Kirche Saint-Philippe-du-Roule eine heftige Predigt gegen den Antisemitismus, namentlich gegen die France juive von Drumont. Es hat dies einiges Aufsehen erregt, da aber Herr Frsmont sonst zu dem strenggläubigen Clerus gehört, sieht man das Auftreten desselben als eine absichtliche Demonstratio»'von der clerikalen Seite an, was natürlich für uns nur angenehm sein kann. Italien. Rom, 20. Febr. (Privatmitth.) Nunmehr ist auch die Rede im Druck erschienen, welche Prof. Or. M. Ehrenreich bei der Einweihung des Oolts§io Kabbinico Italiano gehalten hat. Nachdem der Redner die jüdischen Autoren rühmend erwähnt hat, welche in Italien, namentlich auch in Rom geblüht, und den innigsten Dank dem Comits ausgesprochen, das die Schwierigkeiten zur Errichtung dieser Lehranstalt mit Eifer und Ausdauer überwunden, bespricht er mit vieler Beredtsamkeit die Hauptgegenstände, welche hier gelehrt werden sollen: die h. Schrift, der Talmud, die religiösen und sittlichen Lehren des Judenthums, seine Geschichte und Literatur. Zum Schluß ruft er den Schutz und Segen Gottes über die Anstalt an und auch wir können nur die herzlichsten Wünsche für das Gedeihen der Anstalt hegen. Möge insonders Dr. Ehrenreich recht viele und gute Früchte seiner eifrigen Thätigkeit zeitigen sehen! — Nachdem der bisherige Ministerpräsident Dupretis die Bildung eines neuen Ministeriums übernommen, coursiren in den Blättern mehrfache Ministerlisten; in ihnen allen wird unser Glaubensgenosse, der ausgezeichnete Nationalöconom Luzzatti aufgeführt, nur daß ihm bald dieses, bald jenes Portefeuille zuertheilt wird. In einer solchen Liste figurirt er sogar als Unterrichtsminister. — Wenn bisweilen darauf hingewiesen wird, wie viele unserer j Glaubensgenossen in der französischen Armee höhere Chargen \ bekleiden, so ist dies auch in der italienischen der Fall. Vor ^Kurzem wurde der Oberst Joseph Ottolinghi zum Chef des Generalstabes eines Armeecorps ernannt; in der Garnison von Turin befinden sich die beiden Oberstlieutenants Carim und Segre und der Major Levy. — Vom 21 Februar: Luzzatti ist wirklich Unterrichtsminister geworden. — Vom 23. Februar: Depretis gab seinen Auftrag, das neue Ministerium zu bilden, in die Hände des Königs zurück. Er fand, wie es heißt, unvereinbare Ansichten bei den College», die er gewählt. So haben Luzzatti — wie natürlich — zu antiklerikale Ansichten für die Schulreform gehabt, wähder König nach einer Versöhnung mit dem Papste strebt. Spanien.! Bayonne, 13. Febr. (Privatmitth.) Ich beeile mich,! Ihnen auf Ihre Anfrage zu antworten, die Sie in der Erj innerung, daß ich damals an der Uebermittelung Ihrer j Schreiben und Petitionen an den Regenten Esparterv und : die Cortes mit thätig gewesen, an mich gerichtet haben. Sie wollen wissen, ob Spanien gegenwärtig wirklich unseren! Glaubensgenossen zugänglich sei und diese sich daselbst ohne j Schwierigkeiten niederlassen und ihrem Erwerbe nachgeheu | könnten. Allerdings habe ich in Erfahrung gebracht, daß in! den letzten Jahren sich die Zahl der Juden in Spanien um j einige Hundert vermehrt habe, daß sie von Regierungsseite j keine Hindernisse gefunden, des gesetzlichen Schutzes genießen i und auch das Volk sie stillschweigend duldete, wenn sie auch! hierbei recht vorsichtig auftreten müssen. Zn einer Gemcinde etwa mit Synagoge und Friedhof ist nian noch nirgends gekommen; Aufsehen durfte man in keiner Weise erregen und zwar noch für längere Zeit. Eine Ilebersiedelung compacter Massen sei durchaus abzurathcn, schon weil in nicht wenigen 9*