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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-03-03 · Heft 9 (3.3.1887) · p. Seite 137

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 9 (3.3.1887)
Date
1887-03-03
Page
Seite 137 (sequence 9)
Language
German
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137 Dennoch haben die Nationalliberalen, wo ein conservativer Antisemit aufgestellt war, für diesen gestimmt und Herrn Miquel ist es unvergessen, daß er in der Debatte über das preußische Austrittsgesetz geäußert, er werde sich freuen, wenn alle jüdischen Gemeinden liquidiren müßten. Da er nun Aehnliches über die evangelischen Gemeinden nicht gesagt hat, so kann man daraus seine freundliche Gesinnung gegen das Judenthum erkennen. Die „Kreuzzeitung" konnte die Zeit, bis die Wahlen vorüber wären, nicht ab warten, um ihren Feldzug gegen die Juden wieder zu eröffnen. In Ihrer Nummer vom 18. d. stellt sie die Behauptung auf: „Von einem Juden kann man kein deutsches Nationalgefühl erwarten!" Nun, wir erwidern: von Anhängern der Kreuzzeitung kann man kein deutsches Nationalgefühl erwarten. Unsere Gründe sind, weil diese Herren allein die junkerlichen Vorrechte in Militär-, Civil- und Steuersachen und die Alleinherrschaft der Orthodoxie in der Kirche im Auge haben, und somit ein wahres Interesse für die deutsche Nation, für das gesammte Volk und Vaterland nicht haben können. Die „Kreuzzeitung" insinuirt also nur den Juden, was sie in den Reihen ihrer Parteigänger finden kann. Jedenfalls ist das ein Vorspiel. Berlin, 25. Febr. (Privatmitth.) Aus den „Mittheilungen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" bemerkten wir jüngst, daß die jüdische Bevölkerung Berlins 53,949 Seelen betrage. Jene muffen sich dabei aus die Volkszählung von 1880 gestützt haben. Unterdeß ist sie aber wieder gestiegen und belief sich 1885 bei einer Gesammtbevölkerung von 1,315,287 auf 64,355, so daß sie von 4,8 auf 4,9 pCt. der Bevölkerung gestiegen. In Berlin gab es 1861 18,953, 1864 24,280, 1867 27,607, 1871 36,015, 1880 53.949 und 1885 64,355 Juden. Die katholische Bevölkerung ist noch mehr gestiegen und betrug bei der Volkszählung vom 11. Dez. 1885 99,462; 1871 betrug sie noch 6.2, 18-'0 7.2 und 1885 7,55 PCt. Diese Angaben sind aus der „Statistischen Correspondenz" entnommen. — Der Hilfsverein für jüdische Studirende, Gewerbe-, Bau- und Kunstakademiker wird demnächst seine Generalversammlung abhalten. Der Verein verwaltet insgesammt die Capitalbestände von 18 Stiftungen, die ein Vermögen von nicht ganz einer Viertel Million Mark besitzen. Der Zuwachs an Stiftungsgeldern und Geschenken belief sich im vergangenen Jahre auf etwas über 15,000 Mk., während die regelmäßigen Beiträge der Mitglieder die Höhe von 12,500 Mark erreichte. Da der Verein seine Unterstützungen an die Studirenden in Form eines zinsfreien Darlehns gewährt, so bilden auch die rückgezahlten Unterstützungsgelder einen Theil seiner regelmäßigen Einnahmen. So wurden im Laufe des vorigen Jahres beinahe 3500 Mk. der Unterstützungsdarlehen zurückgezahlt. Diesen Einnahmen gegenüber stehen folgende Ausgaben: über 18,000 Mk. laufende und beinahe 5500 Mk. einmalige Unterstützungen. Außerdem setzt der Verein alljährlich 300 Mk. für Preisarbeiten aus. Die Gesammtunkvsten des Vereins betragen nur wenig über 1600 Mk. Als jüngste Stiftung, welche der Verein verwaltet, sei hier noch die zur Erinnerung an Ludwig Loewe errichtete namhaft gemacht; sie besitzt zur Zeit ein Vermögen von 2035 Mk. Fürth, 21. Febr. (Privatmitth.) Die „Gabriel Rießersche Stipendienstiftung" hat ihren Jahresbericht vom 23. April 1885 bis 22. April 1886 ausgegeben. Diese nach dem Tode des unvergeßlichen Rießers zu dessen Ehre am 30. Deccmber 1866 gegründete Stiftung begann mit sehr geringen Mitteln, vertheilte jedoch schon am 22. April 1867 die ersten Stipendien. Seitdem ist das Gesammtvermögen zu M. 19,694 langsam angewachsen. Im Jahre 1885 betrugen die Einnahmen 7,174 M., von denen 3,796 M. zu Stipendien vertheilt und 3000 M. als Activkapitalien verliehen wurden. Die diesjährigen Vertheilungen fanden statt an einen Theologen, 4 Juristen, 18 Mediciuer, 4 Techniker und 3 Schullehrerseminaristen. Hierbei läßt sich bemerken, daß die Zahl der Juristen und der Schullehrerseminaristen in stetem Abnchmen begriffen ist, während die Zahl der Mediciuer sich um das Doppelte vermehrt hat. Im Ganzen hat die Stiftung bis jetzt 25,470 M. vertheilt. Lesenswerth ist das Schlußwort des Berichtes, welches wir deshalb hier wiedergeben wollen. Wir müssen an dieser Stelle die alte Klage wiederholen, daß mangels der erforderlichen Mittel trotz des guten Willens vieler Einzelner die Stiftung nicht im Stande ist, das zu leisten, was sie billigerweise leisten sollte. Es wird kaum bezweifelt werden können, daß die höchste Präbende, die bisher von der Stiftung gewährt worden ist, ungenügend erscheint gegenüber den Leistungen der damaligen Präbendare, welche nahezu in allen Fächern mit besonderer Auszeichnung ihr Prüfung bestanden haben. Daß die niedrigste Präbende mit 30 M. in jeder Beziehung ungenügend ist, liegt ohnedies klar zu Tage. Doch hätten wir vielleicht Hiewegen keinen Grund, uns zu beklagen, weil ein moralisches Recht auf den Empfang von Stipendien Niemand zukommt, sohin der Empfänger mit dem zufrieden sein muß, was ihm als Stipendium gereicht wird. Die Sache hat jedoch noch eine andere Seite. Der Studirende, wenn er nicht dem Judenthnm angehört, hat in Süddeutschland wenigstens vielfach den Genuß der Stipendienstiftungen, welche seit Jahrhunderten gegründet sind, und erlangt dadurch vielfach eine schätzcnswerthe Anhilfe für die Zurücklegung seines Studiengangs. Der Studirende jüdischer Religion aber ist eben seines religiösen Bekenntnisses halber vom Genüsse der meisten dieser Stiftungen ausgeschlossen und sohin seinen nichtjüdi- 9

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