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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-03-03 · Heft 9 (3.3.1887) · p. Seite 136

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 9 (3.3.1887)
Date
1887-03-03
Page
Seite 136 (sequence 8)
Language
German
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136 habe nicht die Absicht, mich diesmal mit dem Antisemitismus und den Klügeleien der Herren antisemitischen Abgeordneten zu beschäftigen. (Zustimmung rechts.) Dessenungeachtet bemerke ich doch das Eine (Hört! Hört!), daß es mir eigenthümlich scheint, wenn der letzte Redner der Herren Antisemiten mich und meinen geehrten Herrn Collegen, den Cultus- und Unterrichtsminister, beschuldigt, daß wir einen Kampf zwischen den Confessionen, vornehmlich zwischen Katholiken und Protestanten heraufbefchwören wollen, während doch unsere ganze Thätigkeit vom Gegentheile zeugt. (Allgemeine Zustimmung.) Und dies thut ein Mann, der einer der Unterzeichner einer Wahl-; Proklamation ist, welche, man darf sagen, aus nichts Anderem besteht, als aus directer Aufreizung gegen eine der im Lande befindlichen Confessionen, gegen die Israeliten. (So ist's! rechts.) Es ist wohl wahr, diese Herren Abgeordneten glauben, wie es scheint — denn sonst könnten sie nicht so reden und handeln —, der Israelit oder sagen wir, der Jude, sei so zu sagen nicht einmal ein Mensch. Wie die Herren Abgeordneten aber dies mit der Verkündigung der Religion der Liebe vereinbaren können, das vermag ich wahrlich nicht zu begreifen. (Allgemeine Zustimmung.) XX. Deutschland. Bonn, 20. Febr. (Privatmitth.) Wir fühlen uns verpflichtet, der Redaction des in Cinncinati erscheinenden „American Israelite“ und der „Deborali“, Herrn Fsaac M. Wise, unseren herzlichen Dank für die in der Nummer des erstgenannten Blattes vom 28. Jan. und des zweiten Blattes vom 4. Febr. enthaltenen, in ebenso warmen wie geistvollen Worten ausgesprochenen Glückwunsch zum 50jährigen Jubiläum unseres Blattes auszusprechen. Die Würdigung und Anerkennung, die dort unseren Bestrebungen zuertheilt wird, zeugt selbst von der Liebe und dem Eifer für unsere heilige Sache, welche den verdienstvollen Herausgeber beseelt. Wir drücken ihm die dargebotene „Bruderhand" aufrichtig im Geiste über den nur räumlich trennenden Ocean. — Nicht minder sind wir der Redaction der Monatsschrift „Magyar-Zvido Szemble" dankbar verpflichtet, daß sie der A. Z. d. Jud. und ihrem Redacteur in dem eben erschienenen Februarhefte einen ausführlichen Artikel gewidmet hat, welcher die wohlwollende und würdigende Theilnahme in wärmster Weise ausspricht. — Bonn, 22. Febr. Nach den bis jetzt uns zugekommenen Wahlnachrichten ist Dr. Bamberger in Alzey-Bingen wiedergewählt worden; ebenso Singer in Berlin. Sonnemann ist in Frankfurt a. M. wieder unterlegen, wogegen Sabor in die Stichwahl gekommen. Der Antisemit Wolf steht in Berlin gegen Birchow in der Stichwahl, wird aber mit Hilfe der Socialdemokraten unterliegen; . sein Gesinnungsgenosse Hartwig ist in Dresden nicht wieder gewählt. Der Antisemit Dr. Böckel ist in Marburg, und sogar Liebermann v. Sonneberg in Fritzlar-Homberg-Ziegenheim gewählt! — Stöcker ist in Siegen auf Grund des Cartells durch die Nationalliberalen gewählt. Berlin, 22. Febr. (Privatmitth.) Außer dem hohen Interesse, welches jeder Staatsbürger an den Wahlen zu den gesetzgeberischen Körperschaften hat, drängte uns Juden die antisemitische Verfolgung noch ein besonderes an jenen auf. Sowohl wegen der Frage, ob Juden als Candidaten aufge? stellt und gewählt werden, was für uns nicht der Personen, sondern des Principes wegen von Bedeutung ist, als auch ob entschiedene Antisemiten durch die Wahlen in das Parlament kommen? Auch im letzteren Falle liegt das Gewicht für uns nicht in den Gewählten, sondern in der Gesinnung der Wähler, die sich auf diese Weise bekundet. Hier hat sich nun durchgängig das Eigenthümliche bewährt, daß, während in den Haupt- und Residenzstädten des deutschen Reiches, Oesterreichs und Ungarns die antisemitische Hetzerei ihren eigentlichen Heerd hatte, die antisemitischen Candidaten stets durchfielen und Juden in denselben gewählt wurden. So in Berlin, Wien und Pest. Auch haben die Antisemiten in den Parlamenten bis jetzt noch nicht so viele Anhänger ihrer Fraktion gefunden, daß sie die von der Geschäftsordnung für einen Antrag geforderte Zahl 20 erreichten. Nun, auch in Berlin wurde diesmal wieder ein Jude, der als Verteidiger rühmlich bekannte Rechtsanwalt Dr. Greiling, im 6. Wahlbezirk aufgestellt, unterlag aber, wie vorauszusehen, dem Socialdemokraten Hasenclever. Im 4. siegte Singer beim ersten Wahlgang. Nicht minder stellten die beiden durch das Cartell vereinigten Parteien der Conservativen und Nationalliberalen einen entschiedenen Schleppträger Stöckers, den Rechtsanwalt Waldemar Wolf als Candidaten auf, und ist er in die Stichwahl gegen Birchow gekommen. — Natürlich sieht man der Weiterentwickelung der Dinge mit großer Spannung entgegen, namentlich in wie weit jene Verbindung sich auch über die Militärvorlage hinaus in wichtigen Fragen erhalten werde. Herr v. Bennigsen hat zwar versichert, daß er „mit Stöcker nichts zu thun habe und haben werde", und Herr Miquel hat in einem, auch in dieser Zeit, mitgetheilten Schreiben erklärt, daß er einer Beschränkung der Gleichberechtigung niemals zustimmen werde.

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