Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1887)
- Date
- 1887-03-03
- Page
- Seite 135 (sequence 7)
- Language
- German
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135 (Josef Beress: Sie sollen Stiftungen machen! (Bewegung). Wenn man uns im Uebrigen vorwirft, daß wir keine Stiftungen haben, dann verstehe ich nicht, mit welchem Rechte man uns den Vorwurf macht, daß wir den einzigen Fond, welchen wir besitzen, nämlich den Schulfond, in Anspruch nehmen. Ich sehe zwischen diesen beiden Standpunkten einen Widerspruch. Und dieser Fond hat einen gewissen Charakter, welchen auch der Herr Abgeordnete nie wird tvegleugnen können: es hat ihn nämlich Haynau als Strafe der Pestcr Judenschaft aufdictirt und sicherlich nicht deshalb, weil sie unpatriotisch war, sondern weil sie ihre patriotische Pflicht erfüllte. (So ist's! rechts. Lärmende Widersprüche auf einigen Bänken der Linken und äußersten Linken.) Der Herr Abgeordnete Veress fürchtet, die Christen werden aus den Aemteiu verdrängt werden, wenn das weiter so fortgeht. Ich glaube, geehrtes Haus, dies sei eine Furcht, welche wenigstens in diesem Jahrhundert, nach dem Bisherigen zu ikrtheilen, keine reale Gestalt annehmen wird. Denn wenn wir die Proportion betrachten, laut welcher die Judenschaft 5 Procent der Bevölkerung Ungarns ausmacht, so ist meiner Ansicht nach, diesen 5 Procent weder bei der Universität, noch bei den Ministerien, noch bei den Gerichten und Staatsanwaltschaften Genüge geschehen. Der geistliche Antisemit Zimandy wettert in seiner Weise gegen die Juden und gegen das Lehrshstem, das er ein talmudisches nennt. Dann kritisirt er zur Heiterkeit des ganzen Hauses den Unterrichtsminister, der auch ein Talmudjnde sei. Franz Pulßky, der nach Zimandy sprach, forderte als Judenfreund die Juden auf — Geld herzugeben, an den Anstalten anderer Confessionen, welche von ihren Kindern besucht werden, Stipendien zu errichten. Man wird von mir wohl nicht erwarten, so beginnt er, daß ich die komischen Ausführungen meines Vorredners ernst nehme. (Zustimmung rechts.) Die Ungezogenheit und Unbildung zu bekämpfen, ist schließlich nicht meine Aufgabe. (Rufe unter den Antisemiten: Zur Ordnung! Zur Ordnung!) Wir wissen es ja: je weniger Ideen Einer hat, desto mehr Spektakel macht er. (Großer Lärm unter den Antisemiten; Zur Ordnung! Zur Ordnung!) Ich spreche eine allgemeine Wahrheit aus und applicire sie nicht auf' einen Einzelnen; ich sage im Allgemeinen: wer wenig Ideen hat, der hält um so zäher fest daran (Zustimmung rechts) und macht um so mehr Spektakel, wenn er angegriffen wird. (Lärm. Rufe unter den Antisemiten: Zur Ordnung! Zur Ordnung! Rufe rechts: Hört! Hört!) Hier ist die Judenfrage immer und immer wieder vorgebracht worden. Es sei auch mir gestattet, diesbezüglich ein ernstes Wort an die Juden zu richten, die sehr gut wissen, daß sie in diesem Saale kaum einen besseren Freund haben als ich bin.-(Hört!) Es sei mir erlaubt, sie aufmerksam zu machen, daß man ihnen den Vorwurf macht, daß sie in erheblichem Maße theilnehmen an den Wohlthaten aller Unterrichts-Anstalten, ohne für dieselben Opfer gebracht zu haben, d. h. daß sie sich Früchte von den Bäumen holen, die sie nicht gepflanzt haben. Wenn sie darauf antworten, daß sie mehr Schulgeld zahlen, so will ich zugeben, daß dies wahr sei, allein das zahlen die Einzelnen aus ihrer Tasche, das zahlt nicht die Judenschaft als solche. Eben darum, weil ich glaube, daß sie von einem guten Freunde einen Rath annehmen dürfen, bitte ich sie, zu zeigen, daß sie auch in dieser Hinsicht sich von der Nation nicht absondern, gleichwie sie im Jahre 1848 an unserer Seite zu finden waren, wofür man sie auch gestraft hat, so wie man auch uns gestraft hat. (Eine Stimme auf der äußersten Linken: Sie sind ja nach dem Ausland entflohen!) Pardon! Denjenigen, die emigririen, hat man die Güter confiscirt. Darauf wollte ich die Juden aufmerksam gemacht haben. Ich kann es sehr gut begreifen, wenn die Juden sagen, sie wollen kein besonderes Gymnasium errichten, damit nicht i ihre Kinder schon im zarten Kindesalter von den übrigen Söhnen der Nation abgesondert werden. In alter Zeit waren wir Protestanten abgesondert von den Katholiken; in unsere Schulen durften keine Katholiken gehen und wir gingen nicht in die katholischen Schulen, weil wir der Ansicht waren, daß unsere Schulen besser seien. Ich frage nun die Juden, ob sie mit ihrer scharfen Logik nicht einsehen, daß sie unter so bewandten Umständen doch eine andere Pflicht hätten, nämlich die, daß sie für jene christlichen Lehranstalten, welche auch ihre Kinder besuchen, irgendwelche Stiftungen machen, Stipendien stiften nicht für die jüdischen Schüler, sondern für die ausgezeichneten Schüler; sie wissen ja, daß zumeist die jüdischen Schüler solche Stipendien davontragen würden, weil der Jude findiger, fleißiger ist, viel mehr lernt. (Heiterkeit. Lärm unter den Antisemiten.) Wie immer Sie mich auch unterbrechen, ich werde den Faden meiner Rede nicht verlieren. Das geben Sie ja selbst zu, daß die ausgezeichneten jungen Leute zumeist aus den Reihen der Juden hervorgehen, und der Antisemitismus ist nichts weiter, als daß Sie dieses arme, nichtsnutzige ungarische Volk von 15 Millionen davor schützen wollen, daß die 600,000 Juden es nicht aufessen. (Lärm unter den Antisemiten.) Ich weiß, daß Sie solche Maßnahmen urgiren, die im Grunde nichts weiter wären, als eine Schutzzoll-Linie. Mögen Sie Ihre Ansichten für sich haben; doch muß ich bemerken, daß Sie mit solchen! Bestrebungen keineswegs die Reputation der ungarischen Nation heben. (Zustimmung rechts. Widerspruch unter den Antisemiten.); Zum Schluffe erhob sich noch der Ministerpräsident, um! die Priester der Religion der Liebe, die die Judenhetze proj fessionsmäßig betreiben, mit wenigen Worten abzufertigen. Koloman Tißa: (Hört! Hört!) Geehrtes Haus! Ich