Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1887)
- Date
- 1887-03-03
- Page
- Seite 134 (sequence 6)
- Language
- German
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134 Abgeordneten an und bitte ihn auch, mich anzuhören. Jawohl, Israeliten, vsrbu valent usu. Nennen Sie sie, wie Sie wollen, das ist Alles eins. Seitdem der Bruch zwischen den congreß- und den orthodoxen Juden eingetreten ist, besitzen sie absolut keine Kraft zur Förderung vieler cultureller Zwecke. Biele, vielleicht auch der Herr Abgeordnete, sind deshalb für die allgemeine Religionsfreiheit, weil sie finden, daß die bestehenden, positiven Religionen ihrer Auffassung nach nicht im Einklänge mit den Anfordungen des reinen Verstandes sind. Ich halte die positiven Religionen für nothwendig, ja die Geschichte zeigt, daß die Gesellschaft nicht ohne positive Religion oder Religionen existiren kann. Sodann fährt er fort: Einer jener Herren Abgeordneten, welche nach mir zum Sprechen vorgemerkt sind, der Herr Abgeordnete Komlossy, hat vor 2 bis 3 Wochen eine Interpellation an mich gerichtet, auf welche ick sofort geantwortet hätte, ich wollte jedoch nicht die Zeit des geehrten Hauses jetzt bei der Verhandlung des Budgets in Anspruch nehmen und dann ist es auch besser, wenn gewisse odiose Dinge je seltener zur Sprache kommen. Ich beantworte ihm seine Frage jetzt. (Hört!) Er fragte, ob ich für die Israeliten (Zimandy: Juden! Lärm), sagen wir also, ob ich für die Juden ein besonderes Gymnasium errichten will? (Hört!) Meine Antwort ist sehr einfach. Mir giebt das Gesetz, namentlich das Mittelschulgesetz, weder das Recht, noch macht dasselbe es mir zur Pflicht, die Zahl der confessionellen Gymnasien zu vermehren. Wenn aus dem Kreise der Confessionen keine Bewegung in dieser Richtung entsteht, kann ich nicht mit einem solchen Projecte hervortreten. (Zustimmung.) Ich erwähne jedoch, daß es bei dem Rabbiner-Seminar, welches mit sehr großem Erfolge thätig ist — und die Herren Antisemiten werden, wenn sie noch ein paar Jahre leben (Heiterkeit), sehen, von welch großer Wirkung dies Institut sein wird, wenn die israelitischen Cultusgemeindeu mit gebildeten, unterrichteten, aufgeklärten Rabbinen versehen sein werden —, bei diesem Seminar giebt es — sage ich — als Vorbereitungsklassen zum theologischen Kurs fünf Gymnasialklassen, in welchen mit großem Erfolg unterrichtet wird, und da diese bestehen, kann man nicht die Errichtung eines ganzen Gymnasiums von Neuem iuitiiren. Vor einem Jahre habe ich eine Probe gemacht und das Resultat war, daß nicht nur Israeliten, sondern auch Christen mit großem Erfolge in der Anstalt lernten; da ich aber sah, daß die Israeliten der Errichtung einer separaten Schule abgeneigt sind und sagen, daß sie aus praktischen Gründen nicht wollen, daß diejenigen ihrer Kinder, welche die lateinische Laufbahn betreten, gleich in den ersten Schuljahren von den christlichen Kindern gesondert lernen sollen, fühlte ich mich nicht berechtigt, in dieser Richtung weiter zu gehen. Ich bitte den Herrn Abgeordneten, wenn er das Wort nehmen wird, dies zur Kenntniß zu nehmen; denn in dieser Sache kann ich nicht mehr thun. (Zustimmung.) Nun folgte eine Scene, wie sie stürmischer seit langer Zeit nicht vorgekommen ist. Der antisemitische Abgeordnete Komlossy, ein Geistlicher, schleuderte dem Unterrichtsminister die schmachvollste Beleidigung ins Gesicht. Ein Sturm der Entrüstng tobte durchs ganze Haus. Minutenlang ertönte der Ruf: Hinaus mit ihm! Endlich gelang es dem Präsidenten, das Haus durch die für den geistlichen Antisemiten nicht gerade schmeichelhafte Bemerkung zu besänftigen, daß der Herr Abgeordnete von der Bedeutung seiner Worte wahrscheinlich keine Vorstellung gehabt habe. III. Pest, den 16. Februar 1887. Heute führten die Antisemiten einmal wieder das große Wort. Johann Gruber, der verkappte Antisemit, der junge Heißsporn Veress, der antisemitische Professor Nendtwich und der geistliche Herr Zimandy: alle sprachen und schimpften auf die Juden. Als Vertheidiger der Angegriffenen trat heute ihr Glaubensgenosse Alexander Ullmann auf. Er sagte u. a.: Der Herr Abgeordnete Veress hat vorgebracht, daß die Juden an den Lasten der Gemeindeschulen nicht theilnehmen, beziehungsweise daß sie nach seiner Berechnung jährlich 1,700,000 fl. ersparen. Wenn cs nur confessionelle Schulen gäbe, dann wäre er in seinem Rechte; es giebt aber auch Communalschulen, an deren Lasten sich die Juden allerdings betheiligen. Der Herr Abgeordnete Veress sagte ferner, daß die Juden bei den Mittelschulen 800,000 fl. ersparen. Ich zweifle sehr, daß die Confessionen die Mittelschulen den Juden zuliebe errichtet haben; da sie aber schon vorhanden sind, werden sie auch von den Juden benützt. Vergebens sagt der Herr Abgeordnete, das Schulgeld sei nicht so groß; denn wir wissen aus der Praxis, daß die Juden — in der Hauptstadt wenigstens — das zweifache Schulgeld bezahlen müssen. Ich will nicht in Abrede stellen, daß die Errichtung eines jüdischen Gymnasiums in gewissen Kreisen schon zur Sprache gekommen sei, ja es ist sogar der Entwurf schon fertig. Wenn derselbe noch nicht durchgeführt wurde, so liegt der Grund nicht darin, daß die Juden vor den Opfer» zurückscheuen, sondern darin, daß die Besseren der Judenschaft der Ansicht Ausdruck gegeben haben, es sei nicht zweckmäßig, daß die Juden sich von den übrigen Confessionen abschließen (Zustimmung rechts) und daß die Juden ihrer patriotischen Pflicht viel besser entsprechen, wenn sie sich der Nation assimiliren (Zustimmung) als Jene, welche verkünden, daß man die Juden schon in frühester Jugend von den übrigen Confessionen sondern müsse.