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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-03-03 · Heft 9 (3.3.1887) · p. Seite 133

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 9 (3.3.1887)
Date
1887-03-03
Page
Seite 133 (sequence 5)
Language
German
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133 einige Zeit ist schon darüber hingegangen, denn schon sind das Land und seine Besitzthümer Fremden überantwortet und die nächsten Resultate haben sich bereits herausgestellt; kurz, der Sänger gehört zu den im Lande Zurückgebliebenen, deren Drangsale er mitträgt (s. besonders 5, 4. 9.), und von denen er voraussieht, daß sie sich bald trotz allem Widerspruch der Verständigeren aus dem Lande zerstreuen werden (4, 17.), wahrscheinlich sich nach Egypten wendend (5, 6.). Diese Situation macht es uns klar, daß kein anderer der Sänger des Klageliedes sein konnte, als Jirmejah. Ihm gestattete Nebuchadnezar, sich hinzubegeben, wohin er wollte, und erst nach der Ermordung Gedaljah's zwangen ihn die Zurückgebliebenen, mit ihnen nach Egypten zu gehen. Vielleicht daß er sich nach dem Sturze Jerusalems nach seiner Vaterstadt, dem nahen Anathoth, begeben hatte, wohin er schon gegen Ende der Belagerung gewollt, und da, mit dem Blick auf das zerstörte Zion, das Klagelied abfaßte. Vor ihm war die große Katastrophe vorgegangen, die er so lange schon geweissagt, und die er so lange noch zu betrauern hatte, er hatte mit Aufbietung aller seiner Kräfte, mit wahrem Martyrium dagegen angekämpft, aber erfolglos. Fetzt hatte sich das Geschick erfüllt in traurigstem Maße, und so lag es Niemandem näher, seiner gefallenen Liebe die elegischen Töne seiner Harfe zu widmen. Er hatte in keinem Momente des letzten Todeskampfes, in keiner Pause der letzten Zuckungen geschwiegen — wie sollte er hier, nach der schrecklichen Erfüllung, auf dem Gräberfelde der Seinen schweigen?! Es war eine innere Nothwendigkeit für ihn, seinem Schmerze Ausdruck zu verleihen. Daß Jirmejah der Verfasser ist, dafür zeugt in der That die ganze Sprache und Anschauungsweise, die mit der in den Prophetieen desselben überall die hervorstechendsten Aehnlichkeiten hat; dafür zeugen nicht minder viele Einzelheiten, wie seine genaue Bekanntschaft mit der Thora und die öftere Beziehung auf dieselbe2), wie denn die Voraussagungen Mosens im 5. Mos. 28. als erfüllt durch das ganze Gemälde sich hindurchziehen, dann der Vorwurf, daß die falschen Propheten und Priester die Hauptschuld am Verderben Israels tragen (4, 13.), gegen welche Jirm. so schwere Kämpfe geführt hatte. Vergl. über Weiteres noch unsere Einleitung zu den Klage!. B. III. S. 788. Aber ungeachtet dieser Entgegnungen können wir diesen Bortrag den jüngern Bibelforschern empfehlen, und uns gereicht er zur Befriedigung, da wir unsre Bestrebungen seit 60 Jahren in Erfüllung gehen sehen, die nämlich, daß die biblischen Schriften im Geiste Herders auch von unsren Glaubensgenossen erfaßt, verstanden und gewürdigt werden. 2) So z. B. 1, 3. mit 5. Mos. 28, 65. wörtlich: 1, 5. mit 5. Mos. 28, 44; 1, 10. mit 5. Mos. 23, 4. (Fremdengesetz!); 2, 17. geradezu Bezug genommen ans 3. Mos. 20. 5. Mos. 28; 2, 20. mit 5. Mos. 28, 56 f.; 4, 6. mit 1. Mos. 18; 4, 10. mit 5. Mos. 28. 56. 57. Pest, den 15. Februar 1887. Ins -em ungarischen Äbgeor-netenhause. ii. Wie alljährlich beim Beginn der Cultus- und Unterrichtsdebatte stellte auch gestern der edle Daniel Jranyi den Antrag auf Einführung der Religionsfreiheit, der auch wie alljährlich vom ganzen Hause in feierlicher Stille angehört und auch dieses Mal von dem Unterrichtsminister mit den üb- I lichen Gegengründen bekämpft wurde. Weder des Antrags i noch der ablehnenden Antwort würden wir in diesen Blättern! erwähnen, wenn nicht besonders die letztere Mehreres ent- 1 hielte, was speciell die jüdischen Bürger Ungarns betrifft.! Jranyi hielt die Einführung der Religionsfreiheit für ' um so nothwendiger als die Irreligiosität und Jmmoralität immer mehr um sich greifen. Man sage nicht, fährt er dann fort, daß die Glaubensfreiheit den Frieden unter den ver-! schiedenen Confessionen stören könnte. Eine solche Beschuldigung trifft mit mehr Recht Diejenigen, welche die verschiedenen Confessionen des Landes, ja die verschiedenen christlichen I Confessionen schon in der Schule und später im Leben von i einander sondern. Doch will er sich mit diesen Leuten jetzt nicht weiter beschäftigen, noch auch mit jenen, deren Streben auf mittelalterliche Verfolgungen gerichtet ist. Er respectirt jede religiöse Ueberzeugung, fordert aber von Jedermann die Respectirung der Gesetze, die allen Bürgern des Landes ihre Rechte gewährleisten. Vielleicht heute mehr denn je ist völlige Eintracht unter den Bürgern nothwendig, damit sie Schulter an Schulter sich dem Dienste des Vaterlandes widmen können. (Lebhafter Beifall.) Der Unterrichtsminister giebt dem ganzen Hause die Versicherung, daß auch er ein Freund der Religionsfreibeit, im größten Maße ein Freund der Gewissensfreiheit sei, und behauptet zugleich, daß die Gewissensfreiheit auch in Wirklichkeit bestehe. Wir bezweifeln keineswegs, daß es dem Herrn v. Trefort sowohl mit dieser Freundschaft wie mit der Behauptung völlig Ernst sei; nur begreifen wir nicht, wie es sich mit seiner Gewissensfreiheit vereint, wenn er die Anstellung an Gymnasien und andern öffentlichen Lehranstalten von dem Glaubensbekenntniß abhängig macht, oder wenn er die israelitischen Schüler der Gymnasien durch einen ministeriellen Erlaß zwingt, am Sabbath zu schreiben. Der ungarische Unterrichlsminister ist ein Gegner der allgemeinen Religionsfreiheit. Es giebt, meint er, auch culturelle Gesichtspunkte. Denn wenn wir die Gesellschaft aus kirchlichen oder confessionellen Rücksichten zerstückeln, sehen wir, daß auch nicht ein Theil Kraft zur Förderung gewisser confessioneller Zwecke besitzen wird. Wir machen diese Erfahrung bei den Israeliten (Ignaz Zimandy: Es giebt keine Israeliten!) Ich höre den Herrn

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