Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1887)
- Date
- 1887-03-03
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
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sonders entgegensteht, ist die alphabetarische Form der vier ersten, welcher das 5. durch die Zahl seiner Verse nahe steht. Er meint, diese Form müsse für die Klagedichtung im Hebräischen alt überliefert gewesen sein. Dies können wir nicht zugeben, denn wir haben eine ganze Reihe alphabetarischer Psalmen, welche theils hyinnologischen, theils didactischen (Ps. litt.) Inhalts und von denen einige aus alter Zeit sind. Die alphabetarische Form war also für mannigfache Arten der Dichtung seit älterer Zeit im Gebrauch, wie sie dann in mehreren Psalmen mit nicht ganz feststehender Ordnung der Buchstaben angewendet ist. Noch mehr. Wir besitzen einen alten Klagegesang (nrp), der sogar in das “irn ‘z ausgenommen war, den Klagegesang Tavid's um Saul und Jonathan (2. Sam. 1, 19-27.), welchen „die Söhne Israels lernen" sollten, und der — weder die alphabetarische Form, noch 22 Verse (nur 9) hat. Die Ansicht St's hierüber ist also ganz hinfällig. Sehr richtig sagt St., „daß den alten Völkern, auch den Griechen, der Sprachtaiit und alles, was damit zusammenhängt, wesenhafter schien als uns. So war ihnen auch das Alphabet und dessen Ordnung nichts Gleichgültiges, sondern etwas Sachliches." Er vermuthet, daß „der alte Klagedichter das Gefühl hatte, wenn er die Strophen alle Buchstaben des Alphabets der Reihe nach durchführte, sein Schmerz und seine Klage die ganze Tonleiter der menschlichen Sprache durchlaufe." Das letztere scheint uns etwas gewagt. Ueberschauen wir vielmehr sämmtliche uns überkommene alphabetarisch geordnete Gedichte, so bemerken wir, daß sie zumeist aus reflectirenden Sentenzen bestehen, die durch die alphabetarische Form wie an einer Perlenschnur zusammengereiht und aneinander gefügt werden sollen. So suchte der Säuger unsrer Klagelieder nach einer bindenden Form, welche, wenn sein Auge unter den zahllosen Gegenständen seiner Trauer umherschweift, Halt und Fassung gewähre. An ihr, wie an einem willkommenen Stabe, konnte sich der schwankende und umherirrende Sängergeist halten, um mitten in dem schwindelnden Schmerze den festen Gang nicht zu verlieren. Durch sie waren ihm Schranken und Begrenzung gesetzt, wo der Gegenstand sie nicht von selbst bot. Vergessen wir nicht, daß dem hebräischen Dichter das feste Metrum, der Reim und die Alliteration fehlten, das Alphabet ihm demnach eine beftimuttc Form gewährte, wenn er eine solche suchte. Jedenfalls aber giebt die Wahl derselben für unsre Klagelieder diesen eine solche Einheit, daß sie unmittelbar ans einen Dichter hinführt. — Der zweite und dritte Theil des Vortrages ist der psychologischen Zeichnung der 5 Lieder nach ihrem Inhalt und Ausdruck gewidmet und hier wird viel Schönes und Geistreiches geboten. Dennoch aber müssen wir noch einen wesentlichen Punkt besprechen. Prof. St. behauptet, daß diese Lieder völlig unprophetisch seien, da sie die Hoffnung auf Wiederherstellung in keiner Weise aussprechen; ja, sie seien den Propheten abgeneigt, da diese mit angeklagt werden, an dem Verderben des Volkes schuld zu sein. Beides scheint uns nicht richtig. Von vornherein kann man eine nachdrückliche Vertröstung auf die Wiederherstellung in einem Klagegesang mitten unter den noch rauchenden Trümmern und den zahllosen Erschlagenen gar nicht erwarten, und würde sie für die unmittelbaren Hörer oder Leser geradezu abstoßend gewesen sein. Es wäre, wie wenn man einen tief gebeugten Leidtragenden an der Bahre seines verlorenen Lieblings schon mit der Aussicht auf einen Ersatz trösten wollte. Dann aber braucht man nur die Verse zu lesen, die wir oben citirt haben, um die Hoffnung für die Zukunft des Volkes sich leise, aber sicher aus den Trümmern aufrichten zu sehen. Eine so kräftige Hinweisung auf das Erbarmen Gottes, das „jeden Morgen sich wieder erneuet," sowie auf den Bestand des Volkes ist hinreichend, um in die trauernde Seele die Gewißheit einer besseren Zukunft einzuflößen. Fehlt doch sogar die Verkündigung nicht, daß jene kleinen Nachbarvölker, die über den Sturz Juda's triumphirten und sich daran betheiligten, dasselbe Schicksal erreichen werde! Die Propheten aber, welche hier als Mitschuldige angeklagt werden, sind jene falschen Propheten, welche dem Volke vorlogen, daß keine Gefahr vorhanden und der Untergang eine Erdichtung sei. Bei den meisten Propheten, namentlich bei Jirmejah, finden sich Angriffe gegen diese Lügenpropheten genug vor, mit denen jene so harte Kämpfe zu bestehen hatten. Vom Standpunkte der Klagelieder ist also jene Ansicht des Redners unbegründet. Und dies ebnet uns den Weg zu der Frage: Ob, wie es trabirt ist, Jirmejah der Verfasser der Klagelieder sein könnte? denn Tradition ist dies, wenn St. dies auch verneint. Denn die Sept. besagen in einem einleitenden Verse zu den Klageliedern, „es geschah, nachdem Israel in die Kriegsgefangenschaft geführt und Jerusalem verheert war, daß Jirmejah weinend diesen Klagegesang verfaßte".*) Vergl. Baba bathra 15, 1. Vergegenwärtigen wir uns die ganze Situation. Der Sänger befindet sich nicht unter den Weggeführten in Babel, vor ihm ist die Trümmerstätte ausgebreitet, und er weiset wie mit dem Finger darauf hin; er befindet sich im Lande selbst, denn nicht etwa ans weiter Ferne läßt er nach Zion seinen Schmerzensruf hinüberschallen, sondern die verödeten Straßen, die zerbrochenen Thore liegen vor seinem Blick; viele Zeit ist noch nicht seit dem Tage des Sturzes verflossen, denn die nächsten Schrecken der Belagerung und der feindlichen Wuth sind seiner Seele gegenwärtig; aber *) Kal tysvazo Kusza zo ai:/jialü)zio$liivai zov ’ LjqccijJl, xal 1 l8Q0vocd7j/z £Qf]iua)d'rjyai exd&iof-v c Ieyz/Luag xlal(ovf xal sOqtjv>j(ie zov #()rjvov zovzov tid 'iEyovfja/Jjfi, xal dns. Aus der Fassung dieses Verses erkennt man, daß ihn der griechische Uebersetzer in hebräischer Sprache vor sich hatte.