Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1887)
- Date
- 1887-03-03
- Page
- Seite 131 (sequence 3)
- Language
- German
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131 und wonach jedem einzelnen Theile eine bestimmte Rolle zugewiesen wird, ist bei ihm nicht vorhanden. Man lese z. B. die Reden der drei Freunde im ersten Theile des Buches Hiob; sie führen sämmtlich, wenn auch mit anderen Worten und Bildern, denselben Gedanken aus: den Sünder trifft die Strafe und er geht unter, der Gerechte und Unschuldige bleibt stehen und gedeiht. Wird es deshalb Jemandem einfallen, daraus zu folgern, daß dieser erste Theil jenes Buches von verschiedenen Dichtern herrühre?. Ist es etwa ein durchaus logischer Faden mit durchdachter planmäßiger Aufeinanderfolge, der in Koheleth in die Augen springt? Wir könnten ferner betonen, daß es psychologisch nicht erwartet werden könne, daß der Dichter bei der ungemessenen Tiefe seines Schmerzes, bei der Trostlosigkeit alles dessen, was er vor und um sich sieht, für den Ausdruck seines Weh's einen durchdachten Plan entwerfe mit Steigerung und Anschwellen, mit Beruhigung und Verhallen. Gerade in der Wahrheit und der Schrankenlosigkeit seines Leidens muß er nichts weiter wollen als nach der Anssprache seiner Gefühle zu ringen. Aber dies genügt hier nicht einmal; denn wir finden allerdings einen Zusammenhang, eine gewisse Vertheilung des Stoffes, wie sie sich von selbst ergab, eine Steigerung mit bestimmtem Endziel. Das erste Lied bringt uns den allgemeinen Schmerzensausbruch, das zweite die Schilderung der Zerstörung, das dritte das Leiden des Einzelnen, das vierte die verzweifelte Lage der Gemeinde, das fünfte endlich die Klage der Gemeinde selbst. Hier ist es nun charakteristisch, wie gerade im dritten Liede das „Ich" mit größtem Nachdrucke hervortritt und breithin, aber mit steigender Gewalt, den Schmerz der Persönlichkeit und die Verzweiflung, die sich ihrer bemächtigt, ergreifend schildert, dann aber plötzlich in diesem „Ich" die Hoffnung erwacht, das Vertrauen auf Gottes Erbarmen und Hülfe. Hier diese klassische Stelle, in welcher auch wir die alphabetarische Ordnung bewahrt haben und deshalb einige kleine Wortversetzungen uns gestatten mußten: „Hält meine Seele es sich vor, so wird sie tief in mir gebeugt. Haso will ich Dies mir zu Gemüthe führe», darum hoffen: Ist es des Ew'gen Gnade doch, daß wir noch nicht vernichtet sind, denn nie endet sein Erbarmen, Immer neu an jedem Morgen, Deine Treue groß! In dem Ew'gen ist mein Theil, spricht meine Seele, darum hoff' ich sein. Jedem ist der Ew'ge gütig, der auf ihn vertraut, uud der Seele, die ihn sucht. Ja, gut ist's, daß man schweigend harre auf des Ew'gen Hülfe. Joch zu tragen in der Jugend, ist dem Manne gut. Klagelos und einsam zu sitzen, da Er es ihm auferlegt, Küssend mit dem Mund den Staub, ach, vielleicht ist Hoffnung noch, Kindlich, schlägt Er dich, die Wange reichend, schmachgesättigt. Lang verwirft der Herr nicht. Liebevoll erbarmt er sich, so er betrübt hat. Läßt nicht gern die Menschensöhne plagen und betrüben. Mit den Füßen zermalmen alle Gefangnen der Erde, Menschenrecht beugen vor dem Antlitz des Höchsten, Männer bedrücken in ihrem Streite: das sollte der Herr nicht sehen? Nicht hätte es der Herr geboten, so jemand spricht und es geschieht? Nicht käme aus des Höchsten Mund das Böse und das Gute? Run, was klagt der Mensch, so er noch lebet, Jeglicher bei seinen Sünden? O, laßt uns unfern Wandel prüfen und durchforschen, und zum Ewigen uns kehren! O, laßt uns unser Herz empor mit unsren Händen heben zu Gott im Himmel!" (3,20—41.) — Von hier aus fehlt auch im 4. und 5. Liede die Hoffnung nicht; am Schluffe des 4. wendet der Sänger sich an Edom, das sich über den Sturz Israels freute und an der Beute theilnahm, und sagt ihm ein gleiches Schicksal voraus. Er schließt: Zu Ende ist deine Schuld, Tochter Zions, nicht ferner treibt er Dich aus! Doch Deiner Schuld gedenkt er, Tochter Edoms, deckt Deine Schuld auf. Und im 5. Liede ruft die Gemeinde zum Schluffe aus: „Bringe uns zurück, o Ewiger, zu Dir, wir wollen zurückkehren! Erneure unsre Lage wie vor Alters! Denn wie solltest Du uns verworfen haben, uns zürnen ganz und gar?!" Mit dem 4. Liede nämlich hebt die Gemeinde an, wie bis dahin der Einzelne, der Dichter selbst klagt. Wie im 3. das „Ich" spricht, so in den letzten das „Wir." Im höchsten Drange der Gefühle vergißt der Sänger das Lied mit nrN anzufangcn, und läßt das Ich und in der folgenden das Wir sofort eintretcn. Wer will nun in diesem Ganzen die Steigerung und die eintretende Beruhigung verkennen; wer eine gewisse Vertheilung des Stoffes, wenn in den drei ersten Liedern das Leid des Einzelnen, im 4. und 5. die Gemeinde spricht. Wer diese kurze Uebersicht, die wir in unserem Commeutar zu diesem Buche näher begründet haben, prüft, wird Prof. St. nicht zustimmen, wenn er die Ordnung der Lieder verändert und das 4., 2., 1., 3. und 5. auf einander folgen läßt, wodurch vielmehr die uns einleuchtende Anordnung völlig verwirrt wird. Er giebl dafür psychologische Gründe a», aber solche sind stets subjeetiver Meinung unterworfen. — Was der Ansicht des Vortragenden, daß jedes Lied einen anderen Dichter habe, bes*