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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-03-03 · Heft 9 (3.3.1887) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 9 (3.3.1887)
Date
1887-03-03
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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130 Psalmen seinen Wiederhall findet. War doch die Zionsmuse mit nach Babel gewandert, verweigerte es jedoch, sich dort den Herrschern dienstbar zu machen. (Psalm 137). Ganz anders zur Zeit der Römer. Wir haben vom jüdisch-römischen Kriege eine sehr ausführliche Schilderung von der freundlichen und der feindlichen Seite in griechischer und lateinischer Sprache (Iosephus, Tacitus), und noch andere historische Schriften über denselben sind verloren gegangen. Aber von poetischen Ergüssen keine Spur. Der dichterische Geist halte die unglückliche Nation verlassen und er hatte nicht einmal so viel Kraft mehr, um seinem Wehe Worte zu verleihen. Die späteren Poesien jüdischer Dichter sind nur religiöse Abstraction in griechischem Gewände. Erst nach vielen Jahrhunderten, als die hebräische Sprache unter den Zerstreuten Israels, angefacht durch das Studium der heil. Schriften, zu einer neuen Blüthe geweckt wurde, stellte sich auch die poetische Klage über die schweren Leiden dieses Stammes wieder ein und brachte eine große Zahl Klagelieder von größerem oder geringerem Gehalte hervor, welchen auch eine Stelle in der Liturgie vielfach eingeräumt wurde. Kommen wir nach diesen Bemerkungen zu den Klageliedern. Die fünf Klagelieder, welche vom Propheten Jirmejah verfaßt sein sollen, wie bereits von den Septuaginta, im Talmud und von Hieronymus, der sie den Septuaginta folgend dem Buche Jirmejah's anschließt, angenommen wird, sind in die alphabetische Form eingekleidet, also jede zu 22 Versen, nur daß in den dritten je 3 Verse mit demselben Buchstaben anfangen, also 66 Verse, und im 5. diese Form nicht mehr vorhanden ist, jedoch ebenfalls 22 Verse, lieber diese Klagelieder hat jüngst Prof. Dr. H. Steinthal in Berlin in der „Gesellschaft der Freunde" einen Vortrag gehalten, der im Feuilleton der „National-Zeitung" abgedruckt ist. Der Vortrag ist in Inhalt und Form wahrhaft gediegen, voll psychologischen Feingefühls, edelster Eurpfindung und in trefflicher Sprache. Der Verfasser wirft zuerst einen vergleichenden Blick in die Weltliteratur und findet nirgends eine ähnliche Erscheinung, daß ein Volk sein Mißgeschick, kurz nachdem cs dies erfahren, gleich zu Anfang des Elends, das über es gekommen, in solchen Gesängen dichterisch ausspricht. Diese Klagelieder bilden also ein Unicum in der Literatur aller Nationen. Es gelingt dem Redner jedes dieser 5 Lieder in dem besonderen Moment, welches es behandelt, treffend zu charakterisiren. Wir würden gern unseren Lesern einige größere Stellen des Vortrages mittheilen, wenn nicht über jedem Absatz die Warnung „Nachdruck ist verboten" zu lesen wäre. Dennoch stimmen wir mit dem Grundgedanken des Berf. nicht überein, und hieraus wieder auch nicht mit seinen Ansichten über die Einzelheiten und das Wesen der Lieder. Es scheint uns dies aber wichtig genug, um hier ausführlicher besprochen zu werden, um so mehr, als wir hier ein Stück moderner Kritik vor uns haben, welches sich nicht bloß auf die negative Seite neigt, sondern nach dem rechten Berständniß des geistigen Gehalts strebt; Steinthal spricht diese Lieder dem Propheten Jirmejah ab, worauf wir weiter unten zu sprechen kommen. Er muß dies thun, weil er der Ansicht ist, daß diese 5 Lieder von verschiedenen Dichtern verfaßt seien. Auch er meint, daß sie „sämmtlich nach der Zerstörung des Tempels, in der allertrübsten Zeit, sämmtlich in Judäa unter den im Heimathlande Zurückgebliebenen entstanden seien." Nun ist es doch wohl eine, sagen wir es offen, höchst sonderbare Ansicht, daß mitten unter den Trümmern der Stadt und des Tempels, die zahllosen Erschlagenen vor Augen, im Anblick all' des Elends, in welches das Volk gesunken, sich fünf Dichter — St. vermuthet sogar noch mehrere, deren Producte verloren gegangen — sich hingesetzt haben, um in gleicher Form, in gleichem Geiste und mit gleichem Ausdruck Klagelieder abzufaffen — und dies aus der doch nur geringen Zahl der Zurückgebliebenen, unter welchen Meinungsverschiedenheit waltete, und die bald darauf nach Egypten flohen! Nein, das ist etwas ganz Undenkbares. Wir können uns vorstellen, daß ein Mann von hohem Geiste mitten unter den Folgen der furchtbaren Greuel, die geschehen, mitten im Unglück seiner Nation, sich zu erheben und zu sammeln vermag, und seinen Schmerz in wehmüthigen Liedern aushaucht, weil er nur hierin für seine leiddurchwühlte Seele Beruhigung und Aufrichtung zu finden hofft; wir können uns denken, daß ein solcher Geist in sich den Drang fühlt, ein Zeugniß abzulegen für das unendliche Weh seines Volkes, für all' den Verlust seiner Größe, für all' die Schandthaten, die an ihm verübt worden, und dies nicht anders vermag als in solchen Liedern. Das verstehen und begreifen wir. Aber wie sich da fünf oder mehr solcher Dichter zu gleicher Zeit, zu gleichem Vorhaben, zu gleicher Form und gleichem Maaß finden sollen — das glaube, wer kann! . . . Worauf gründet Prof. St. seine Behauptung? Er sagt: „Diese 5 Lieder bilden keine Einheit und sind nicht nach einem durchdachten Plane ausgeführt und aneinander gereiht. Sie zeigen nicht die steigende Roth Jerusalems, auch nicht eine allmählige Steigerung und dann allmälige Beruhigung des Schmerzes, ein allmäliges Anschwellen und endliches Verhallen der Klage. Sie stehen unter sich in gar keinem Zusammenhänge." Dies ist es, was wir durchaus bestreiten müssen. Wir könnten von vornherein darauf verweisen, daß man den althebräischen Dichter und Denker nicht nach dem hellenischen und modernen Muster und Kunsttypus beurtheilen darf. Es ist genug, wenn wir bei ihm die Einheit der Idee und Ausfassung, die Einheit der gestellten Aufgabe und der Färbung, die der Lösung derselben gegeben wird, erkennen; ein Plan, der bis zur Vertheilung in die einzelnen Glieder des Ganzen durchdacht ist.

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