Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1887)
- Date
- 1887-03-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Mttgemeine Zeitung des Äudenthmns. Cm unpartcWes Organ für alles indische Interesse. Diese Leitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philipp son in Bonn. GZepeöition: Leipzig, Woßpkirh 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an 1)r. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 3. März 1887. Nr. 9. rakslt. Leitende Artikel: Die Klagelieder Jirmejah's. — Aus dem ungarischen Abgeordnetenhaus. — Zeitungsnachrichten: Deuts chland: Bonn, Berlin, Fürth. — Oesterreich-Ungarn; Wien, Pest, Kattowitz. — Frankreich: Paris. —Italien: Rom. — Spanien: Bayonne. — Palästina: Jerusalem. — Berlin: Literarische Notizen. — Feuilleton: Schinderhannes. — Bon der indischen Bevölkerung Frankfurt a. Main's vor 500 Jahren. £cil'ei'iSß d-ztiftei. Bonn, 26. Februar. Die Klagelieder Iirmejah's Bei dem ersten und dem zweiten Falle Jerusalems lassen sich mannigfache Verschiedenheiten beobachten. Allerdings wurde beide Male die heilige Stadt völlig zertrümmert, der Tempel niedergebrannt, die Bevölkerung hinweggeschafft, und ringsum lag das Land verwüstet. Aber das gewaltige Mißgeschick, wie es der stürmende Babylonier herbeiführte, betraf das ganze Juda mit allen seinen Städten und Ortschaften,! das gesammte Volk wurde in das Exil geführt und selbst die wenigen Zurückgebliebenen flüchteten bald nach der entgegengesetzten Richtung, nach Egypten, wo sie sich verloren. Gerade aber, daß die gesammten Reste der Nation nach einem Lande verbannt worden, machte ihre Rückkehr leichter. Die Römer begnügten sich mit der Zerstörung Jerusalems und der Umgegend, während die größeren Provinzen des weit umfangreicheren Gebietes, als zu Nebuchadnezar's Zeit, nicht allzu viel zu leiden hatten, so daß im h. Lande selbst die Lehrhäuser wieder aufzublühen vermochten. Vom Volke waren Hunderttausende umgekommen, viele Tausende wurden als Sklaven verkauft; aber ein viel größerer Theil des Volkes war bereits in zahlreichen Gruppen über die ganze damalige civilisirte Welt zerstreut, bis an den Indus, an den Ebro und den Rhein; selbst die Flüchtlinge konnten sich überall ansiedeln. Ein Rückzug war daher kaum denkbar, vielmehr breiteten sich die Wanderer immer weiter aus. Aber der innere Zustand der Nation in beiden Fällen war noch weit verschiedener. Die Exulanten nach Babel brachten ein noch viel stärkeres Nationalgefühl mit dahin, der nationale Geist war in ihnen lebendig und trieb noch Blüthen und Früchte. Die Propheten, die während des Exils zu dem verbannten Volke sprachen, die Psalmen, welche die Sehnsucht nach Heimath und Heiligthum zum Ausdruck brachten, die volle Herrschaft der Nationalsprache in ihnen, geben uns die Beweise, und wir begreifen hieraus jenen Scheidungsproeeß der Gotteslehre und des Heidenthums, der sich mit dem Ende des Exils entschied. Ganz anders nach dem römischen Siege. In den letzten Jahrhunderten vor diesem^ war bereits die hebräische Sprache theils durch das Aramäische, theils durch das Griechische im jüdischen Volke verdrängt und nur noch Gelehrtensprache geworden. Selbstverständlich war hiermit dem nationalen Geiste die echte Kraft geschwunden. Die hasmonäischen Brüderkämpfe, die Spaltung in religiöse und politische Parteien und bald auch das römische Joch verhinderten jede neue Entfaltung desselben und brachten nur eine einseitige Verstandesschärfe hervor, die sich vorzugsweise in der Auslegung und Durcharbeitung des Gesetzes ausprägte. Sehr bezeichnend ist es daher, daß wir über die Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Chaldäer nur eine kurze geschichtliche Darstellung im 25. Kapitel des 2. Buches der Könige und eine noch kürzere 52. Kap. Jirmejah's und im 36. Kap. des 2. Buches .der Chronik besitzen, während das furchtbare Schicksal des Volkes sich in tief empfundenen und hochpoetischen Klagegesängen ausströmte und in mehreren