Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1887)
- Date
- 1887-02-24
- Page
- Seite 126 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227672--44220-3266486- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
126 Haupt aller Karäer verehrt. Jetzt wohnen nur noch zwei Familien daselbst, und es ist ein unbedeutendes Männchen, das als Chacham die Synagoge bewahrt und bedient. Doch hören wir unseren Reisenden: „Bor den Thoren von Baktschi-Sarai liegen die Trümmer des Fleckens Tschufut-Kalö, der Burg der Juden. Das ist der merkwürdigste Ort der ganzen Krim und ein kurzer Besuch gewährt uns den Anblick aller Rassen des Orients. Um aus der Tatarenstadt Baktschi-Sarai in die Judenstadt zu gelangen, hat man durch das Zigcunerviertel zu gehen. Ein Stamm von Zigeunern bewohnt dort elende Hütten, die aus ein Paar zusammengeleimten Steinen erbaut, an der Berglehne kleben und mit einem Fetzen Stoff geschlossen werden. Sie begnügen sich mit dem Geringsten, das zur Existenz eines Menschen nothwendig ist. Diese armen Paria leben nur von der Musik; sic haben keinen andern Erwerb als die Ständchen, die sie reichen Tataren bringen, wenn diese sie bei Hochzeiten und anderen Festlichkeiten herbeirufen lassen. Der Weg führt uns durch eine enge steile Schlucht hinauf. Die aus weichem Stein bestehenden Felswände zu beiden Seiten zeigen viele kleine natürliche Höhlungen, welche von Menschenhand in tiefe Grotten umgewandclt wurden. Diese Erscheinung wiederholt sich in allen Theilen der Krimgebirge. Im Mittelalter dienten die Höhlen als Zustuchtsort für Verfolgte, die abwechselnd dieselben bewohnten; so oft das Land den Herrscher wechselte, verschwanden die Ueberbliebenen der Besiegten in den Höhlen der Gebirge und führten dort ein Troglodytenleben. Beim Eingang der Schlucht, da wo das Einbauen solcher luftigen Katakomben seine bedeutendste Entwickelung gefunden, haben russische Mönche kleine Einsiedeleien in den Felsen angebracht. Die Zellen und die Capellen, durch Treppen und hängende Holz- Gallerien verbunden, haben sich nach und nach zu einem Ganzen zusammengefügt, zu dem berühmten Kloster Mariä Himmelfahrt. Nur eine Zeichnung ist im Stande, die malerische Sonderbarkeit dieses Klosters wiederzugeben, welches bald in den Felsen vergraben, bald an denselben angehängt scheint und an Mar-Saba in Judäa erinnert. Ein Garten von Nußbäumen bedeckt die unteren Terrassen, wo wir die Novizen unter Aufsicht des Jgumenen (Vorstehers) die Nüsse herunterschlagen sehen; diese einfache Scene giebt der Landschaft große Aehnlichkeit mit einem Bilde aus Italiens älterer Zeit. In einem inner» Oratorium, das sich nur durch ein Fenster verräth, knieen mehrere Pilger hinter dem psalmodirenden Mönche. Durch das Loch in der Mauer dringt das Murmeln der langen Litanei in das Thal, langsam, gleichmäßig, eintönig, wie ein Bächlein. Das Geräusch wird von einem Girren begleitet, das aus höher liegenden Mauerlucken dringt, wo eine Schaar Tauben über den Zellen nistet. Der Unterschied des inneren Lebens zwischen diesen Mönchen und den Tauben ist kaum fühlbar, so sehr gehen die Gedanken der Ersteren in frommer Ruhe auf. Sie haben jene Vernichtung des Geistes, man möchte sagen, jene Versteinerung im Felsen erreicht, welche immer für den Orientalen das Ideal höchster Glückseligkeit war. Die Sinnesart dieser Menschen ist die gleiche, wie die indischer Buddhisten. Unter anderen theologischen Ausdrücken ist es dieselbe Ruhe des Geistes, dieselbe Gemeinschaft mit der Natur, dieselbe Bruderschaft mit Vögeln und Bäumen, welche man, wie in einem Kloster auf Ceylon, so auch in dem Kloster Maria Himmelfahrt in der Krim antrifft. Ein steiniger Fußweg steigt links hinauf und wird bald durch eine in den Sandstein eingehauene Treppe ersetzt; die Pferde erklimmen mit sicherem Schritt die letzten Stufen. Sie passiren den Thorweg einer Ringmauer, die eine noch von den Genuesen erbaute Festung umgiebt. Wir gelangen endlich auf eine große Hochebene, welche den Gipfel des Berges bildet, der auf allen Seiten von Abgründen umgeben ist und wir befinden uns in den Straßen einer zerstörten Stadt, die so todt und still ist wie Pompeji. Das ist Tschusut-Kalö, die Metropole der Kara'iten. Seit vielen Jahrhunderten, man weiß nicht von welchem Zeitpunkt an, hat hier ein Stamm der Juden gewohnt auf dieser Hochebene, auf den Felsen, ohne Wasser, aber geschützt vor Beraubung und Mißhandlung. Vor fünfzig Jahren war die Mehrzahl dieser Häuser noch bewohnt, man schloß Abends die Thore der Festung, und diese armen Leute mußten eine Stunde weit gehen, um Wasser zu holen im Thale Djurnk-Su. Die Zeiten besserten sich, die Kara'iten zogen in die Städte der Ebene, besonders nach Simpheropol und Eupatoria, wo sie sich mit Handel beschäftigen. Auf dem Platean von Tschufut-Käls wohnen nur noch zwei Familien und ein Rabbiner, der die Synagoge besorgt; die Anhänger der Secte wallfahrten dorthin am Laubhüttenfest. Die Kara'iten glauben nicht an den Talmud, sie halten sich an die Bibel und unterscheiden sich durch manche Ein richtung in ihrer Liturgie. Reinlich und zuvorkommend, genießen sie allgemeine Achtung, man lobt ihre Ehrlichkeit und ihre moralischen Eigenschaften. Die Abstammung dieses Zweiges der Israeliten ist ein Problem, das von der Wissenschaft noch nicht gelöst ist. Wenn man ihren eigenen Aussagen glauben darf, hat nach den Einen ihr Stamm Jerusalem vor der ersten Zerstreuung der Juden verlassen, nach Anderen vor der Zerstörung des Tempels. Einige Historiker sehen in den Kara'iten Anhänger des Judenthums ohne Verwandtschaft mit dem Volke Abrahams, toelche sich in den ersten Jahrhunderten unserer Aera zum Judenthum gewendet haben sollen. Der Typus derjenigen, die ich gesehen, widerspricht dieser Annahme: er ist rein hebräisch. Der Rabbiner