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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-02-24 · Heft 8 (24.2.1887) · p. Seite 127

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 8 (24.2.1887)
Date
1887-02-24
Page
Seite 127 (sequence 15)
Language
German
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127 führte mich in die Synagoge, wo er die heiligen Bücher aufbewahrt und wo das Grab der Tochter des Khan liegt. Unter diesem Grabmal ruht die Tochter des Krim-Guret, der einst nach Tschufut-Kale stieg, um einen berühmten karaitischen Arzt um Hülfe zu bitten; sie verliebte sich in den gelehrten Mann, starb in der Blüthe des Lebens und verlangte neben demjenigen begraben zu werden, der sie nicht zu heilen vermocht hatte. Mein Rabbiner spricht geläufig russisch; ich versuche mir von ihm den Unterschied zwischen seiner Bibel und derjenigen der anderen Juden erklären zu lassen, ich möchte vor Allem wissen, ob sie sich derjenigen der Samariter nähert und ob eine Verwandtschaft zwischen den beiden Secten besteht. Aber von alledem weiß er nichts. Er weiß nur, daß er sehr arm ist; als er mich in sein Haus einlud, das mit holländischer Reinlichkeit gehalten ist, gab er mir zu verstehen, daß ein Rubel als Gegenwerth für das Glas Milch, das er mir reichte, nicht schlecht angewendet wäre. Nachher stiegen wir in das Thal Josaphat nieder; unter einer Gruppe schöner Eichen sind die Grabtafeln angehäuft von mehr als tausend Jahren her, darunter einige von ehrwürdigem und seltsamem Aussehen, bedeckt mit hebräischen Buchstaben von veralteter Form. Von diesem schattigen friedlichen Wäldchen aus genießt man eine reizende Aussicht. Vor uns der sonnenverbrannte Bergkamm von Tschufut-Kalv, die Festung und die an den Abgründen stehenden Ruinen; hinter uns die Unordnung der Krimgebirge, die meisten vereinzelte Plateaus, wie das, welches wir eben verließen, getrennt von einander durch die waldigen Thäler, die der Salghir durchzieht. Diese Erhöhungen verlieren sich gegen die Steppe hin nach der Richtung von Simpheropol, das im Duft am Horizont erscheint. Aber nicht allein die malerische Wildheit der Gegend ist es, die uns hier fesselt; das Interesse wird erregt durch Exemplare der ältesten und interessantesten Menschenrassen. In einem Umkreis von zwei Kilometern finden wir vier Rassen nebeneinander: die Tataren von Baktschi-Sara'i, diese letzten Ueberreste der Mongolen; die Zigeuner, wie sie einst aus der Ebene des Ganges kamen; die Karaiten, ein losgelöster Zweig vom Stamme Juda; endlich die Russen von dem Kloster Himmelfahrt. Also Turanier, Aryer, Söhne Sem's und Söhne Japhet's. Bier Rassen, vier Sprachen, vier Typen, die man auf den ersten Blick erkennt, und drei Religionen — es wäre anmaßend, diejenige der Zigeuner bestimmen zu wollen. Seit undenklicher Zeit wohnen diese Elemente neben einander, jetzt in völliger Eintracht, aber nie kommt ein Tropfen Bluts von einem Stamm in einen anderen, sie vermischen sich nicht. Der Orient imponirt uns oft durch die Schönheit seiner Landschaften und seiner Denkmäler; wir haben schönere bei uns; aber, was er allein vorführen kann, das sind die sichtbaren Schichten der alten Geschichte, das übersichtliche Bild der Rassen, die unempfänglich für alle Verschmelzung sind. Nichts Aehnliches läßt sich in unserem von der Cultur überschwemmten Europa denken. Wer dieses Bild nicht an Ort und Stelle gesehen, der wird sich schwerlich einen Begriff machen von dem Reize, den es ausübt, von den Gedanken, die bei dessen Betrachtung erwachen, von der Klarheit, die es über alle menschlichen Probleme verbreitet." Anzeigen. Ty% QAyin werden mit 20 Pf. für die dreigespaltene Petitzeile berechnet und müssen für die nächstlliOwl mjÜV? folgende Wochennummer bis spätestens Sonnabend eingehen. Dieselben sind ausschliesslich an die Annoncen-Expedition von Rudolf Mosse in Leipzig oder deren Filialen in Berlin etc. zu adressiren. Herrath. 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