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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-02-24 · Heft 8 (24.2.1887) · p. Seite 123

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 8 (24.2.1887)
Date
1887-02-24
Page
Seite 123 (sequence 11)
Language
German
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deß konnten sich die Grundsätze dieser.Partei, welche die unbedingte Religionsfreiheit und die Gleichheit aller Staatsangehörigen in ihr Programm ausgenommen, nicht lange mit dem Antisemitismus vertragen, und Jranyi war es, der die Reinigung der Partei von jenen zweideutigen Elementen durchsetzte. Es kann uns deshalb nur erfreuen, daß dieser Wahlaufruf sich in sehr scharfen Ausdrücken gegen die Antisemiten wendet. Ungarn könne nur groß und mächtig werden, wenn die Fahne der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit entrollt werde, und vor den antisemitischen Candidaten sei am meisten zu warnen. Im Adgeordnetenhause brachte der Antisemit Komlossy einen furchtbaren Skandal hervor, indem er gegen den Cultusminister Trefort sehr heftige Borwürfe erhob. Das ganze Haus drückte seine Entrüstung darüber aus. Die geringzählige Fraktion der Antisemiten verursacht dem Hause die allergrößten Belästigungen; aber die Geschäftsordnung des ungarischen Abgeordnetenhauses gestattet jener eine unbegrenzte Redseligkeit, da die Geschäftsordnung keine Beschränkung der Redefreiheit zuläßt. Jener Antisemit ist ein Pfarrer und warf dem Cultusminister, der vor einigen Tagen sein siebzigstes Lebensjahr vollendet hat, Bestechungen zu Gunsten des Clerus vor. Die Scene war unbeschreiblich. Der Antisemit konnte nicht mehr zu Wort kommen, denn das ganze Haus schrie ihn nieder. Wird das ungarische Volk diese Leute wiederwählen? 1 Frankreich. Paris, 13. Febr. (Privatinitth.) Ueber einen Punkt muß man sich klar werden. Die Einwanderung unsrer Glaubensgenossen aus Rußland bringt ein zwiefaches Element zu uns. Der eine Theil besteht aus Leuten, die mit der Absicht aus Osten kommen, durch Arbeit und ehrliches Gewerbe! sich eine neue Existenz zu schaffen. Man braucht wohl nicht zu bemerken, daß diese Unglücklichen mit allen Kräften zu unterstützen und zu fördern sind und unsre thatkräftige Theil- »ahme in Anspruch zu nehmen verdienen. Ein anderer Theil ober besieht iu verkommenen, dem gewohnheitsmäßigen Bettel obliegenden Snbjecten, welche an Arbeit und Ordnung gar nicht denken, sondern nur ein müßiges Leben auf Kosten der Mildthätigkeit führen wollen, und zugleich eine Zudringlichkeit und Unverschämtheit besitzen, die bisweilen alles Maß übersteigt. So kamen schon mehrere Male auch jüngst in der vorvorige» Woche Zusammenrottungen dieser Bettler vor dem Büreau des jüdischen Wohlthätigkeitscomitss (Cordte de bienfaisance) statt, die zu Skandalen anwuchsen. Man mußte die Polizei zur Hülfe rufen, welche Mühe hatte, die Ruhestörer zu zerstreuen. Man mußte sich sogar entschließen, das Büreau einige Tage geschlossen zu halten. Diese Art Bettler, in Deutschland nicht mehr geduldet, richten ihre Schritte besonders nach London und Paris. Die Menge derselben wuchs in London schon so heran, daß man sie dort ihrem Schicksal überlassen, weil die Mittel nicht mehr ausreichen, trotz der bekannten Wohlthätigkeit der englischen Juden. Aber man hat dort wenigstens von solchen skandalösen Auftritten nicht gehört. Das dortige Comits hat sich darauf beschränkt, Warnungen nach dem Continente ergehen zu lassen, mittel- und erwerbslose Juden nicht nach London zu dirigiren. In der That ist es Niemandem zu verdenken, wenn er sich gegen solche Menschen, denen das Wandern die einzige Lebensarbeit ist und das Betteln Lebensberuf, abschließt und, nach der bekannten talmudischen Mahnung, seine Mildthätigkeit für Diejenigen verwenden will, welchen er zu einem ehrlichen Erwerbe verhelfen könne. Es wäre zu wünschen, daß diese Ansichten sich überallhin verbreiteten und man sich entschlösse, danach zu handeln. Die Versuche in Deutschland durch Bezirksvereine gegen den gewohnheitsmäßigen Bettel einzuschreiten, haben sich nicht genügend bewährt, theils weil sie vereinzelt blieben, theils weil die Gemeinden sich von dem Verbände wieder loslösten. Die eigentliche Ursache aber liegt wohl darin, daß die Mehrzahl der Juden sich von der uralten Gewohnheit, jeden herumziehenden Bettler zu unterstützen, nicht freimachen kann und auf diese Weise die Wirkung jener Verbände vereitelt. Auch in Nordamerika hat man das Bedürfuiß nach dieser Seite hin bereits gefühlt und den Versuch eines solchen, die Bettelei abwendenden Vereins, von Gemeinden, gemacht, ohne das neuere Berichte über die Thätigkeit desselben herübergekommen. Der deutsch-israelitische Gemeindebund hatte einen ähnlichen Zweck als einen vorwiegende» bei seiner Begründung aufgestellt. Ueber die Ausführung hat man jedoch aus seinen „Mitthcilungen" nichts vernommen. Rußland. Von der russischen Grenze, im Februar. Die „Polit. Corr." bringt folgende, für nach Rußland reisende Israeliten nicht unwichtige Mitthcilung: „Aus verschiedenen in letzter Zeit eingelaufenen Mittheilungen geht hervor, daß nach Rußland reisende Personen israelitischer Confession bei den dortigen Behörden anläßlich der Visiruug ihrer Pässe Schwierigkeiten begegnen, indem die russischen Gesetze ausländischen Juden nicht nur die Niederlassung, sondern auch im Allgemeinen den Eintritt nach Rußland zum zeitweiligen Handelsbetrieb principiell verbieten. Das Handels-Ministerium hat demzufolge Veranlassung genommen, das Nothwendige zu verfügen, damit den betheiligten Personen in vorkommenden Fällen behördlicherseits die nothwendige Belehrung zu Theil werde. Bor Allem ist darauf Bedacht zu nehmen, daß nur

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